Pakistan: Nach dem Beben kommen die Kinderhändler

Tausende Kinder wurden nach dem Erdbeben in Kaschmir zu Waisen. Die Behörden befürchten jetzt, dass die Region zum Eldorado für Menschenhändler wird. Besonders Kleinkinder sind in Gefahr, in der Sexindustrie oder als Jockeys bei gefährlichen Kamelrennen zu enden.

Rawalpindi - Bevor Mohamed Sajid mit dem Rettungshubschrauber aus dem Erdbebengebiet von Muzaffarabad weggeflogen wird, schreibt sein Vater noch schnell seinen eigenen Namen und den seines Sohnes auf einen Zettel und steckt ihn dem 13-Jährigen in die Tasche. Fünf Tage später umklammert Mohamed den Zettel im Krankenhaus von Rawalpindi: Er vermittelt ihm ein wenig Sicherheit in dem Chaos, das seit der Naturkatastrophe über ihn hereingebrochen ist. "Nur mein Vater kann mich mitnehmen", sagt Mohamed und zeigt auf den Zettel. "Ich werde auf ihn warten."

Patient Sajid: "Nur mein Vater kann mich mitnehmen"
AP

Patient Sajid: "Nur mein Vater kann mich mitnehmen"

Besonders bedroht sind Kleinkinder, deren Eltern nicht ausfindig gemacht werden können. Da sie sich noch nicht verständlich machen können und viele keine Ausweispapiere besitzen, können noch nicht einmal entfernte Verwandte aufgespürt werden.

Das Problem trat auch nach dem Tsunami Ende Dezember vergangenen Jahres auf. Weltweite Schlagzeilen machte ein als "Baby 81" bezeichneter Säugling in Sri Lanka, den neun verschiedene Elternpaare als ihren eigenen Sohn beanspruchten. Mit Hilfe eines DNA-Tests wurde die Identität des vier Monate alten Kindes schließlich geklärt, und der Junge wurde seinen leiblichen Eltern zurückgegeben.

Das US-Außenministerium hat Pakistan als "Ursprungs-, Transit- und Zielland für geschmuggelte Personen" eingestuft. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen schätzt das Ausmaß des Menschenschmuggels innerhalb des Landes auf jährlich fast 100.000 Personen. Kinder sind bei Schmugglern besonders begehrt: In den Golfstaaten werden sie wegen ihres geringen Gewichts gerne bei gefährlichen Kamelrennen als Reiter eingesetzt. Außerdem werden sie als billige Arbeitskräfte oder in der Sexindustrie ausgebeutet.

Die Kinder werden üblicherweise aus armen Ländern von Tätern eingeschmuggelt, die sich als Eltern oder enge Verwandte ausgeben. In den vergangenen Monaten wurden etwa 400 Kinder aus den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Pakistan zurückgebracht - Ergebnis einer verstärkten staatlichen Bekämpfung des Problems.

Um die Befürchtungen zu zerstreuen, kündigte der pakistanische Ministerpräsident Shaukat Aziz am Sonntag an, dass sich die Regierung aller Kinder annehmen werde, die bei dem Erdbeben zu Waisen wurden. Fremden werde nicht gestattet, solche Kinder zu adoptieren. In der pakistanischen Gesellschaft sind Adoptionen kaum üblich, da Waisen traditionell von anderen Mitgliedern ihrer Großfamilie aufgenommen werden. Familien, die von dem Erdbeben besonders schwer getroffen wurden, könnten damit aber überfordert sein.

"Inzwischen überprüfen wir jeden"

"Die Regierung ist besorgt", sagt Anjum Javed, der Direktor der Kinderabteilung des pakistanischen Instituts für medizinische Wissenschaften in Islamabad. "Zuerst war das Chaos groß, aber inzwischen überprüfen wir jeden." Die sieben Waisen in seiner Abteilung seien alle in einem gesonderten Flügel des Gebäudes untergebracht. Insgesamt werden in dem Krankenhaus 925 Kinder behandelt, aber die meisten werden von Eltern oder Verwandten begleitet. Wachen wurden vor dem für die Waisen reservierten Flügel postiert.

Alle Kinder, die allein eingeliefert wurden, seien fotografiert und dann umgehend dort untergebracht worden, sagt Javed. "Wer sich nicht richtig ausweisen kann, kann sein Kind nicht abholen. Wir werden unser Äußerstes tun, dass sie nicht in die Hände von Kidnappern geraten." Auch im Allgemeinen Krankenhaus von Rawalpindi werden Kinder, die wie Mohamed alleine ankommen, getrennt von den anderen untergebracht. Freiwillige spielen mit ihnen und passen auf sie auf. "Das war schon immer ein Thema", sagt Deb Barry von der Organisation Save the Children. "Es besteht die Sorge, dass Kinder gekidnappt werden. Es ist schwierig, genaue Informationen über Zahlen zu bekommen, und es ist dasselbe in ganz Südasien."

En-Lai Yeoh, AP

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