Frauenzeitschrift für Dschihadistinnen Turnen und töten

Mit direktem Zugang zu Nachwuchsterroristen: Ein neues Taliban-Magazin wendet sich explizit an Frauen, die bereit sind, für ihren Glauben zu sterben.

Muslimische Frauen im pakistanischen Karatschi (Archivbild)
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Muslimische Frauen im pakistanischen Karatschi (Archivbild)

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Die Aufforderung klingt unmissverständlich: "Lernt, mit Waffen umzugehen. Lernt, wie man Handgranaten einsetzt." "Sunnat-e-Khaula" ("Khaulas Weg") heißt eine neue Zeitschrift, die Frauen in Pakistan für den "Heiligen Krieg" begeistern soll. Der Name erinnert an eine legendäre Kriegerin aus dem 7. Jahrhundert - und appelliert an die Kampfeslust zeitgenössischer Musliminnen.

"Organisiert heimliche Treffen daheim und ladet gleichgesinnte Dschihad-Schwestern ein", so die Empfehlung. "Verbreitet Literatur über die Pflicht zum Dschihad, organisiert Sportunterricht für Schwestern." Auf 45 Seiten verbreiten die Verfasser ihre gewalttätige Ideologie, werben um Frauen, die sich vorstellen können, Mudschahidin zu werden und ihr Leben für den Glauben zu geben.

Aktive Unterstützung bei der Planung von Selbstmordattentaten ist gefragt: "Versteckt die Waffen der Märtyrer, gebt ihnen Geld, zeigt ihnen Männer, Frauen und Institutionen, die als Angriffsziel dienen können", heißt es in dem Blatt. Im Editorial locken die Verfasser mit den Freuden des Paradieses, "voller Luxus und Vergnügungen, Juwelen, erlesener Kleidung und Palästen". Die Begriffe "halal" und "haram" hätten dort keine Bedeutung mehr: "Im Paradies ist nichts verboten."

"Ich rief laut: Allahu Akbar"

Da gibt es ein Interview mit der Frau des Taliban-Anführers Mullah Fazlullah Khurasani, die im Alter von 14 Jahren verheiratet wurde und überhaupt nicht verstehen kann, warum Kinderehen so in der Kritik stehen: "Wir müssen einsehen, dass reife Jungen und Mädchen, die zu lange unverheiratet bleiben, eine Quelle moralischer Zerstörung der Gesellschaft werden können", warnt sie.

Über 17 Seiten lang berichtet eine angebliche Ärztin namens Khaula Bint Abdul Aziz von ihrem Weg in den Dschihad. Glücklicherweise sei es ihr gelungen nach einem längeren Auslandsaufenthalt vor den Ungläubigen zu fliehen, "Menschen, die aussahen wie Leichen mit weißen Gesichtern, goldenem Haar und blauen Augen, die sich bewegten wie ein Roboter". Als ihre religiöse Lehrerin ihr via Skype von einem Traum erzählt habe, sei ihre Mission klar gewesen: "Sie sagte, sie habe mich aus einem dichten Busch herauskommen sehen. Ich trug eine afghanische Burka. Ich rief laut 'Allahu Akbar'."

Verantwortlich für das Heft ist Medienberichten zufolge die Terrororganisation Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), die 2007 gegründet wurde und seitdem zahlreiche blutige Anschläge auf Schiiten, Sufis sowie das pakistanische Militär verübt hat. Der CIA zufolge ist die TTP unter anderem in die beiden Attentate auf die damalige Oppositionsführerin und Ex-Premierministerin Benazir Bhutto im Jahr 2007 verwickelt.

Die TTP fordert den Abzug der pakistanischen Armee aus Waziristan, das im Jahr 2009 besetzt wurde. Allein in dieser Region soll sie zwischen 2009 und 2010 mehr als 80 Selbstmordanschläge verübt haben, bei denen 1680 Menschen starben. Wie die "Daily Times" aus Pakistan berichtet, sollen die Taliban seit dieser Zeit auch Frauen als Selbstmordattentäterinnen eingesetzt haben.

Omar, 6, will Märtyrer werden

"Come let's do Jihad with little Mujahid Omar" heißt ein Kapitel in der Erstausgabe von "Sunnat-e-Khaula". Darin beschreibt ein angeblich Sechsjähriger, wie toll es ist, in den "heiligen Krieg" zu ziehen. "Ich werde die Ungläubigen bekämpfen", erklärt der Erstklässler. Jeden Abend studiere er den Koran und die Hadithe, treibe Sport, um ein "guter, tapferer Mudschahid" zu werden, wie sein Vater. Der habe ihm erklärt, dass der Dschihad schlechte Menschen von der Erde tilge, "damit wir friedlich unter Allahs Recht leben können". Größtes Vorbild des kleinen Omar war demnach sein Bruder Osama, der bei einem Anschlag sein Leben ließ. "Am Abend habe ich Mami gebeten, zu Allah zu beten, dass ich auch ein Märtyrer werde, damit ich ins Paradies kann und dort mit Osama leben."

Während die Zeitschrift selbst nur wenigen zugänglich ist, haben sich die Meldungen zu ihrem Erscheinen rasant in den sozialen Netzwerken in Pakistan verbreitet. Terrorismusexperten warnen, dass auch gebildete Internetuser wie etwa Studenten der Mittelklasse empfänglich seien für eine Radikalisierung durch die TTP.

Frauen als Zielgruppe

"Die sozialen Medien sind ein effektives Instrument in den Händen der Extremisten", sagte der Terrorismusforscher Khadim Hussain dem staatlichen US-Auslandssender "Voice of America" (VOA). Die Taliban nutzten ein Rekrutierungsmodel, das schon die islamistische Organisation Jamaat-i-Islami und andere extremistische Gruppen angewandt hätten, um eine neue Generation zu erreichen. Jamaat-i-Islami ist in Pakistan, Indien und Bangladesch aktiv und in zahlreichen Städten, Dörfern und Stadtteilen vertreten. Sie unterhält Vereinigungen für verschiedene Berufsgruppen sowie die "Halqa Khawateen", einen speziellen Kreis für Frauen.

Die Gründe der TTP, langfristig auf die Mitarbeit von Frauen beim Dschihad zu setzen, liegen auf der Hand: "Wir haben es mit einer Organisation zu tun, die um ihr Überleben kämpft und versucht, Netzwerke wiederaufzubauen und Mitglieder zu werben, nachdem sie auf dem Schlachtfeld in den vergangenen Jahren herbe Verluste eingesteckt hat", sagte Michael Kugelman vom Think-Tank Woodrow Wilson in Washington dem britischen "Guardian". Tatsächlich soll es dem Militär in der Vergangenheit gelungen sein, die Taliban aus ihren Hochburgen im Nordwesten Pakistans zu vertreiben.

"Frauen sind eine strategisch wichtige demografische Größe, weil sie die Fähigkeit haben, ihre Söhne zu beeinflussen", so Kugelman weiter. "Wenn es gelingt, Frauen für die militante Sache zu gewinnen, können sie ihre Söhne - oder eben auch Töchter - ermutigen, ebenfalls dafür einzutreten."

Qibla Ayaz, ehemaliger Leiter der Fakultät für Islamstudien an der Universität von Peschawar, sieht im Erscheinen der Frauenzeitschrift eine "gefährliche Entwicklung", die nicht auf Pakistan beschränkt sei. Es bedürfe gemeinsamer Anstrengungen der muslimischen Welt, um dagegenzuhalten. "Wir haben kein vernünftiges Narrativ für den Kampf gegen Extremismus. Wir müssen eine gemeinsame Anti-Terror-Strategie entwickeln", sagte er dem US-Sender VOA.

Seit 2014 hat Pakistan große Anti-Terror-Operationen im Nordwesten des Landes durchgeführt, um den Einfluss der Taliban zu brechen. Dem Militär zufolge erfolgreich. US-amerikanische sowie afghanische Sicherheitsexperten gehen aber davon aus, dass Islamabad nur gegen ausgewählte islamistische Gruppen wie die TTP vorgeht, die eine unmittelbare Bedrohung darstellen, während die Regierung angeblich andere - wie das Haqqani-Netzwerk oder die afghanischen Taliban - aus politischem Kalkül gewähren lassen soll.



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