Architektin über Erdogans Palast "Er steht isoliert da, autoritär, allein und einsam"

Die Architektur sei grässlich, sein Bau verstoße gegen Gesetze und sei eine Verschwendung von Geld: Im Interview über den neuen Präsidenten-Palast der Türkei redet sich die Präsidentin der Architektenkammer von Ankara, Tezcan Karakus Candan, in Rage.

Ein Interview von

Palast in Ankara: "Alle historischen, gesetzlichen, sozialen und städtischen Werte missachtet"
DPA

Palast in Ankara: "Alle historischen, gesetzlichen, sozialen und städtischen Werte missachtet"


SPIEGEL ONLINE: Sie sind dagegen, dass Papst Franziskus Erdogan in seinem neuen Palast besucht. Warum?

Candan: Der Palast im Atatürk-Wald in Ankara ist nicht legal, da bei seinem Bau geltendes Recht außer Acht gelassen wurde. Der Bauplan wurde durch ein Gerichtsurteil untersagt. Wir führen jetzt einen Rechtsstreit, ja einen Gerechtigkeitskampf durch, da mit diesem Bau alle historischen, gesetzlichen, sozialen und städtischen Werte missachtet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Einen Gerechtigkeitskampf?

Candan: Wir haben inzwischen nicht nur dem Papst, sondern allen Staatspräsidenten einen Brief geschrieben, in dem wir erklären, dass sie durch ihre Teilnahme an Empfängen und Zeremonien dort dazu beitragen, den Palast nachträglich zu legitimieren. Wir fordern sie deshalb auf, im Falle von Einladungen abzusagen. Unser Rechtsstreit wird, wenn es sein muss, bis zum internationalen Gerichtshof für Menschenrechte gehen.

Zur Person
  • Architektenkammer Ankara
    Tezcan Karakus Candan ist Präsidentin der Architektenkammer in der türkischen Hauptstadt Ankara. Die Kammer gilt als regierungskritisch und hat kürzlich einen Bericht über den neuen Präsidentenpalast veröffentlicht. Darin kritisiert Candan das Missachten von Recht, die hohen Kosten sowie den Größenwahn, der in der Architektur zum Ausdruck komme. Der Bau sei ein "Symbol der Pracht und der Verschwendung", sagt sie.
SPIEGEL ONLINE: Was genau bemängeln Sie an dem Palast?

Candan: Wir nennen ihn nicht Ak Saray, also Weißen Palast, sondern Kacak Saray, Illegalen Palast. Es fängt schon mit dem Ort an: Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der Republik Türkei, hat aus dem Sumpfgebiet eine Oase machen lassen. Der Atatürk-Wald repräsentiert Emanzipation und Idee dieser Republik. Außerdem handelt es sich hier um ein Naturschutzgebiet ersten Grades, das für die Stadt Ankara als grüne Lunge fungiert. Auf diesem Gelände darf nichts errichtet werden, was gegen die in der Gründungsschrift genannten Ziele steht. So wurde auch in dem gerichtlich angeordneten Baustopp argumentiert. In einem demokratischen Rechtsstaat kann man gerichtliche Entscheidungen nicht einfach ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Offensichtlich nach hiesigem Verständnis einige Personen schon.

Candan: Während das Volk sich an Gerichtsurteile hält, werden sie vom Staatspräsidenten oder Ministerpräsidenten völlig ignoriert. Wir haben also ein Rechtsstaats- und Demokratieproblem, das wir angehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau läuft nun das Verfahren?

Candan: Wegen der Plünderung des Atatürk-Waldes laufen derzeit 34 Prozesse. Trotz der laufenden Verfahren dauern diese Plünderungen an. Was die Größe und die Kosten des Gebäudes angeht, ist es eine reine Verschwendung. Schon jetzt liegen die Kosten bei etwa einer halben Milliarde Euro. Durch die Größe des Präsidentenpalastes wird man aber noch lange kein großer Staat. Unser Volk ist immer noch relativ arm, viele Menschen verdienen noch unter Tage in nicht kontrollierten Minen ihr Geld, aber unser Staatshaushalt wird von den Regierenden geplündert. Selbst in den Toiletten wurden seidene Tapeten angebracht, die 300 Euro pro Quadratmeter kosten. Das ist der Monatslohn eines Bergarbeiters.

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SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie denn die Architektur des Palastes?

Candan: Eklektisch. Es ist eine Mischung aus vielen Stilelementen, die zusammenkopiert wurden. Er hat keinen eigenen Charakter, kurz: Er ist grässlich. Es heißt, er soll osmanisch-seldschukische Linien haben. Aber das ist nicht der Fall. Der Bau zeigt keinerlei Bezug zur Architektur jener Zeit, er kann auch keine Originalität vorweisen. Als Architekten sind wir immer für Originalität, aber dieser Bau verstößt gegen unsere Prinzipien. In der jetzigen Form schaut er von oben auf die Menschen herab. Er steht isoliert da, autoritär, allein und einsam - und in einer Größe, die die Menschen herabsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Wege gibt es, das Gebäude nachträglich zu legalisieren?

Candan: Keine. Ein Bauwerk, das so viel Schaden angerichtet hat, kann niemals nachträglich legalisiert werden. Gemessen an dem Schaden ist es der größte Palast der Welt. Es ist egal, was man nachträglich noch macht, dieses Bauwerk ist und bleibt im öffentlichen Bewusstsein illegal.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen also, man muss es wieder abreißen?

Candan: Zunächst sollte das für das Gebäude verschwendete Geld von denjenigen eingeholt werden, die für den Bau zuständig sind. Der Atatürk-Wald ist ein öffentliches und gemeinnütziges Gebiet. Ob der Bau bleiben oder abgerissen werden soll, darüber sollte das Volk entscheiden. Wir als Architektenkammer in Ankara wollen ein internationales Ideenprojekt organisieren, wodurch 33.500 Hektar Atatürk-Wald zum Nutzen der Stadt und der Bevölkerung wiedergewonnen werden sollen. Die Ideen, die durch diesen Wettbewerb zustande kommen, werden zeigen, was mit dem Bau geschehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung denkt überhaupt nicht daran, dass irgendjemand den Palast infrage stellt. Angeblich soll er sogar erweitert und damit noch größer werden.

Candan: Ja, hier soll eine Moschee mit Platz für 4000 Menschen und eine Residenz mit 250 Räumen entstehen. Beide Bauwerke wären illegal. Es ist schwierig, das Gelände zu kontrollieren, deshalb gibt es tausende Quadratmeter illegal bebauter Fläche. Wir sind auch um historische Anlagen dort besorgt. Werke des österreichisch-schweizerischen Architekten Ernst Egli aus den Dreißigerjahren sind zum Beispiel davon bedroht, abgerissen zu werden. Es gibt einen erheblichen Widerspruch zwischen den modernen und bescheidenen Bauwerken der Republik und diesem übertriebenen Prunkpalast. Letzteres ist fern vom Volk, ohne jedes Gewissen.

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frankfurtbeat 28.11.2014
1. nun was erwartet ...
man denn eigentlich von Erdogan? das ist ein egozentrischer Diktator wie es so viele gibt ... wenn die Türken - ich gehe davon aus das es kein Wahlbetrug gewesen ist - diese Pappnase wieder wählen dann wünschen sie sich wohl so einen Präsidenten ... er denkt an sein Ego, an das Wohlbefinden seiner Familie, unterdrückt öffentlich gemachte Beweise indem er die Leute wegsperren lässt ... aus meiner Sicht eben ein lupenreiner Diktator in der Weste eines Demokraten ...
Europa! 28.11.2014
2. Bauwerke stören irgendwie immer ...
Was Frau Candan sagt, ist ganz ähnlich wie das, was damals über den Regierungspalast von Ceausescu in Bukarest gesagt wurde. Trotzdem ist der heute ein Touristenmagnet. Auch das zu Ehren von Nero errichtete Colosseum war vermutlich zu teuer und zu hässlich und hat ein wichtiges Feuchtgebiet zerstört, aber ...
zauselfritz 28.11.2014
3. Einerlei
"In der jetzigen Form schaut er von oben auf die Menschen herab. Er steht isoliert da, autoritär, allein und einsam - und in einer Größe, die die Menschen herabsetzt." Das trifft wohl auch auf den "Hausbesitzer" Erdogan zu. Daran was Erdogan tut, sagt und bauen lässt, erkennt man, dass er die Türkei in eine islamistische Autokratie umwandeln will.
Hans_Kammerer 28.11.2014
4. Sehr geehrter Herr Kaim,
ich habe, so glaube ich, jeden Ihrer Artikel über die Türkei der letzten Jahre gelesen. Völlig unabhängig vom Inhalt der Texte ist mir aufgefallen, dass Sie in keinem Ihrer Artikel jemals etwas gutes über die Erdogan-Türkei verloren haben. Ich weiß, Sie kritisieren dabei nicht die Türkei als Land, sondern Individuen einer sehr streitbaren Regierung. Dennoch ist es mir irgendwie aufgefallen und ich finde es seltsam. Was mich gleichzeitig wundert ist, dass Sie scheinbar aus Istanbul schreiben. Nun haben Sie mit all Ihren Texten über die Zustände und Umtriebe der Erdogan Regierung, wie beispielsweise Kritiker und Journalisten zwar nicht mehr mittels Waffengewalt, stets aber mittels Zivil- und Strafprozessen gefügig oder Mundtot gemacht werden, in mir ein Bild der Türkei geweckt in welcher man als allzu kritischer Journalist nicht lange verweilen kann. Aber genau als einen solchen allzu kritischen Journalisten könnte man Sie betrachten. Und dies seit Jahren. Dennoch leben und schreiben Sie von der Türkei aus und ich konnte bislang noch nichts von strafrechtlichen Ermittlungen, Zivilklagen mit horrenden Schadensersatzsummen oder gar körperlichen Übergriffen auf Sie lesen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich wünsche Ihnen sowas natürlich nicht, nur frage ich mich, wie das denn sein kann ? Es wäre wirklich unheimlich nett, wenn Sie Stellung dazu beziehen würden. Warum schreiben Sie, wenn Sie über die Türkei schreiben, immer nur über negative Dinge und nie auch nur einmal über positive ? Und wie kann es sein, dass Sie dies seit Jahren auch noch aus Istanbul heraus tun ohne bisher so sehr behelligt worden zu sein, dass Sie einen Spiegel Artikel daraus gemacht hätten ?
roflem 28.11.2014
5. Gutes über Erdowahn?
Was könnte das sein? Das Land ist dank Erdowahn höher verschuldet und während seiner Regierungszeit hat sich die Zahl der Kopftuchträgerinnen in Berlin mehr als verdoppelt. Dazu der Grössenwahn. Als nächstes waren die Muselmanen als erste auf dem Mond, haben die Schrift, das Rad und Penicillin erfunden? Populistische, schlecht erzogene Staatslenker gibts in der Geschichte zuhauf. Wir leiden immernoch unter den von Schröder verursachten Schäden. Erdowahn ist noch ungehindert dabei den Laizismus, wegen dem mir die Türkei so lieb war, aufzulösen.
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