Papst-Ansprache zum Neujahr "Der Schrei von Blut erklingt vor Gott"

Die Religionskriege erzürnen den Papst. Mit eindringlichen Worten drängte das Oberhaupt der katholischen Kirche in seiner Neujahrsansprache Juden, Moslems und Christen, sich endlich zu vertragen: "Niemand kann aus welchem Grund auch immer im Namen Gottes töten."


Neujahrsansprache von Johannes Paul II: "Das Böse darf nicht die Oberhand gewinnen"
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Neujahrsansprache von Johannes Paul II: "Das Böse darf nicht die Oberhand gewinnen"

Vatikan-Stadt - Gewalt im Namen Gottes sei stets ungerechtfertigt, das Heilige Land dürste nach Frieden - mit eindringlicher Rhetorik forderte Papst Johannes Paul II in seiner Neujahrsansprache Christen, Moslems und Juden auf, den Krieg untereinander zu beenden.

Die Anschläge vom 11. September hätten die Welt erschüttert, sagte der Papst im Petersdom: "Niemand kann aus welchem Grund auch immer im Namen Gottes töten." Mit Blick auf den Nahost-Konflikt rief der Papst den Gläubigen zu: "Der Schrei von Blut erklingt vor Gott von diesem Land, das Blut von Brüdern, von Brüdern vergossen, alles Söhne desselben Urvaters Abraham, Söhne, wie alle Menschen des selben Heiligen Vaters."

Das Oberhaupt der katholischen Kirche fuhr weiter fort: "Wie menschlich schwer es scheinen mag, mit Optimismus in die Zukunft zu sehen, wir dürfen der Versuchung nicht nachgeben, mutlos zu sein. Im Gegenteil, wir müssen mit Mut für den Frieden arbeiten, zuversichtlich, dass das Böse nicht die Oberhand gewinnen wird." Der 81-Jährige, dessen Gesundheit über Weihnachten angegriffen schien, gab am Dienstag den Eindruck guter Verfassung und trug seine Ansprache mit klarer und fester Stimme vor.

Die Katholische Kirche begeht an Neujahr den Welttag des Friedens. Die Botschaft des diesjährigen Friedenstags ist, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit ohne Vergebung geben kann. "Gerechtigkeit und Vergebung stehen nicht im Gegensatz, stattdessen ergänzen sie sich, weil beide für die Förderung des Friedens unerlässlich sind", sagte Johannes Paul II. "Nur Vergebung kann den Durst nach Rache stillen und das Herz für eine wirkliche und dauerhafte Versöhnung zwischen Völkern öffnen."

Während der Messe sang ein Chor, der mit dem Segen des Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, Alexij II., gekommen war. Die Anwesenheit des Chors wurde als Zeichen für eine Besserung der gelegentlich frostigen Beziehungen zwischen der Katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche gesehen



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