Buch über Papst Benedikt XVI.: "Eine tragische Figur"

Von

Vatikan-Insider Marco Politi hat ein Buch über den deutschen Papst geschrieben. Warum taumelt das katholische Weltreich unter seiner Führung von einer Krise zur nächsten? Benedikt XVI., so der Autor, ist ein bescheidener, disziplinierter Mann - doch als Papst ungeeignet.

Papst Benedikt XVI.: Ratzinger kann vieles - nur nicht Papst Zur Großansicht
DPA

Papst Benedikt XVI.: Ratzinger kann vieles - nur nicht Papst

Am frühen Nachmittag des 19. April 2005 wird der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger zum 264. Nachfolger des heiligen Petrus als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gekürt. Er gibt sich den Namen Benedikt XVI. und präsentiert sich der jubelnden Menge auf dem Petersplatz schüchtern, fast ängstlich: "Nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Kardinäle mich gewählt, einen einfachen, bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn..."

"Wir sind Papst", titelt in Deutschland die "Bild"-Zeitung und drückt damit eine euphorische Stimmung aus, die an jenem Tag viele Landsleute des damals 78 Jahre alten Theologen befällt. Nach der Wiedervereinigung nun auch noch Papst! Ein Volk ist stolz.

Doch es dauert nicht lange, da merkt die Nation - der Teil jedenfalls, der überhaupt noch Berührungspunkte mit der katholischen Kirche hat -, dass der bescheidene Weinberg-Arbeiter ein knallharter, autoritär-konservativer Mann ist. Der belesene, vielsprachige Dogmatiker will von Reformen in seiner Kirche nichts wissen. Er predigt seinen Schäfchen reinen, tiefen Glauben und frommen Gehorsam, weist alle Forderungen nach demokratischer Teilhabe von Laien, Frauen oder gar Homosexuellen an den Entscheidungen der globalen Glaubensgemeinschaft entschieden zurück. Die Kirche sei keine Partei, kein Club, sagt er, "ihre tiefe und unaufhebbare Struktur ist nicht demokratisch, sondern sakramental, folglich hierarchisch".

Das zeigt sich besonders deutlich im Verhältnis Benedikts zu den deutschen Gläubigen und ihren Hoffnungen und Nöten. "Deutschland ist der Brennspiegel für Papst Benedikts ungelöste Probleme", schreibt Marco Politi, das Verhältnis zu seinem Heimatland sei "der Prüfstein für sein Pontifikat".

Politi, 1947 in Rom geboren, hat 20 Jahre lang für die italienische Tageszeitung "La Repubblica" über die Vorgänge im Vatikan berichtet. Nun hat der angesehene Insider auf 448 Seiten bilanziert, analysiert und kommentiert, wie der deutsche Theologe sein Amt bislang ausgeübt hat. Und, alles in allem, heißt das Gesamturteil: Joseph Ratzinger kann vieles - nur nicht Papst.

Leben wie ein Uhrwerk

Nicht knallig, eher bedächtig schreibt Politi über Theologisches, Politisches und Menschliches. Präzise listet er zum Beispiel den wohl geordneten Alltag des Papstes auf, "der ein frappierend einfacher Mensch ist": 6 Uhr aufstehen, um sieben private Messe, 8.30 Uhr bis 11 Uhr Büroarbeit, danach Audienzen bis 12.30; 13.15 Mittagessen, Ruhepause, 15 bis 16 Uhr wissenschaftliche Arbeit an seinen Büchern, anschließend Spaziergang in den vatikanischen Gärten.

Er lebe seinen Tag "wie ein Uhrwerk", sagen seine Mitarbeiter. Er will seinen Auftrag gut erledigen, das treibt den 85-Jährigen an, darum muss er mit seinen Kräften haushalten. Ab 17 Uhr studiert er Akten, schreibt Predigten, 19.30 Uhr Abendessen, 20 Uhr Abendnachrichten im italienischen Staatsfernsehen RAI, danach Musik hören, lesen oder beten, um 21.15 Uhr verabschiedet er sich von seiner "kleinen päpstlichen Familie" (Politi) - Privatsekretär Georg Gänswein und vier Frauen der Laiengemeinschaft Memores Domini, die ihm den Haushalt führen - und zieht sich in seine Privatgemächer zurück.

Missbrauchsskandale, Verhütungsverbote, Vatileaks

Aber Politi beschreibt auch Joseph Ratzingers antimoderne Weltsicht, die ihn unfähig macht, seine Gläubigen zu verstehen. Eher sollen die Mitglieder in Scharen davon laufen, hat er einmal in einer kleinen Runde gesagt, als dass er elementare Glaubensinhalte dem Zeitgeist opfern wolle. Er könnte wohl umdenken, will es aber nicht, so Politi. Darum habe "sich der scharfsichtige Analytiker, der unnachgiebige Hüter der Kirchenlehre und leidenschaftliche Prediger Joseph Ratzinger als schwache Führungsfigur erwiesen". Und so ist es wohl kein Zufall, dass es selten so viele Krisen in der katholischen Kirche gab wie seit der Wahl von Papst Benedikt XVI. Drei Beispiele für viele:

  • Nach der Enthüllung zahlreicher Fälle von Kindesmissbrauch im kirchlichen Umfeld blieb die Aufarbeitung des Skandals allenfalls halbherzig. Im Urteil der meisten Menschen, auch der Gläubigen, versagte die Kirche völlig.
  • Starr-dogmatische Äußerungen des Papstes lösten Konflikte aus mit dem Islam, dem Judentum und - weil Benedikt Verhütungsmittel sogar im Rahmen der Aids-Bekämpfung verteufelt - auch mit weiten Teilen der Wissenschaft.
  • Zuletzt kündeten massenhaft der Presse zugespielte, streng geheime Dokumente von Intrigen und Machtkämpfen hinter den Vatikanmauern, derer Benedikt XVI. offenbar nicht Herr wird. Das Wort "Vatileaks" ging um die Welt. Jetzt sitzt der Kammerdiener des Papstes, der dem "nur helfen" wollte und deshalb die internen Papiere über die Vatikanmauern schmuggelte, in einer Gefängniszelle des Kirchenstaats.

Nicht nur Gläubige, auch deren Seelsorger wie der in Italien bekannte und beliebte Pfarrer Don Vinicio Albanesi verfolgen die Vorgänge rund um den "Heiligen Stuhl" mit "großer Traurigkeit und Scham". Der Vatikan komme ihm inzwischen vor, so der Padre, wie "ein Hofstaat voller Intrigen, übler Nachreden und Betrügereien" - und ganz bestimmt "nicht heilig".

Benedikt, schreibt Politi, "ist ein faszinierender Prediger und Intellektueller, sein Denken ist tiefgründig". Aber wie fest dieses Denken alten Ge- und Verboten verhaftet ist, zeigt sich beispielsweise bei der Sexualmoral. Da denkt und redet der Papst nicht anders als in den Zeiten, als er noch der beinharte Chef der katholischen Glaubenskongregation war. Er verurteilt die Trennung zwischen Sexualität und Ehe ebenso wie die Annahme, man könne Homosexualität als ein Recht beanspruchen. Theologen, die Empfängnisverhütung für zulässig erklären, vorehelichen Geschlechtsverkehr oder die Masturbation rechtfertigen, irren nach Meinung des Papstes, müssen mithin solchen Thesen abschwören oder werden aus der Gemeinschaft der Katholiken verjagt.

Politi präsentiert etliche Beispiele dafür. Sogar ein Toter wurde abgestraft. Der indische Jesuit Anthony de Mello hatte versucht, das Christentum mit der buddhistischen und taoistischen Spiritualität zu verknüpfen. Posthum wurde er von Ratzinger attackiert, einen "Gott ohne Form und Bild, einen Gott der 'puren Leere'" zu verkünden.

"Eine tragische Figur"

Nun mag solche starre Prinzipientreue in der theologischen Dogmatik eines Präfekten der Glaubenskongregation womöglich Sinn ergeben. Denn wenn alle Menschen, auch Buddhisten, Juden oder Evangelische, die gleichen Kinder Gottes mit gleichen Zukunftschancen sind, wo bleibt der Alleinvertretungsanspruch der katholischen Kirche für den Einzug ins Himmelreich? Doch was für einen Präfekten langt, reicht für den Papst noch lange nicht. Der muss über den Rand der reinen Lehre schauen, muss die reale Welt sehen, in der eine Milliarde Katholiken leben und mehr erwarten als weltfremde Dogmen. Den Anspruch erfüllt Benedikt XVI. bislang nicht.

Kurz vor seinem Tod im Herbst vorigen Jahres zog der ehemalige Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini, eine bittere Bilanz: Die Kirche sei "müde" geworden. "Unsere Kirchen sind groß, aber leer, die Organisation wuchert, unsere Riten und Gewänder sind prächtig. Wir stehen da wie der reiche Jüngling, der traurig wegging, als ihn Jesus zur Mitarbeit gewinnen wollte."

Auch Benedikt XVI. kann die Augen vor dem desolaten Zustand der katholischen Kirche, vor allem in Europa und in den USA, nicht mehr verschließen. Aber der intellektuelle Fanatiker weiß keine Lösung.

Beim vorjährigen Weihnachtsempfang für die römische Kurie räumte er offen ein, dass die regelmäßigen Kirchgänger immer älter würden und ihre Zahl stetig abnehme, dass "der Priesternachwuchs stagniert, dass Skepsis und Unglaube wachsen. Was also", so habe Benedikt XVI. die versammelten Kardinäle gefragt, "sollen wir tun?"

Ratzinger ist Theologe geblieben, nie Papst geworden. Ihn treibt die Sorge um, dass das katholische Glaubensgebilde in Gänze zerfällt, wenn hier der eine, dort der andere Pfeiler der reinen Lehre dem Zeitgeist geopfert wird. Doch dass gerade deshalb die Kirche zerfällt, dass die Menschen sich abwenden, will er nicht sehen. Was er retten will, zerbröselt durch seine Unfähigkeit, die Zeit zu verstehen.

"Letzten Endes", so das Fazit Politis, sei "Joseph Ratzinger eine tragische Figur."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 173 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Weit weg
derdriu 27.11.2012
Eigentlich soll ja die Kirche den Christen einen Leitfaden bieten, einen Weg, wenn sie keinen Ausweg wissen. Blöd nur, wenn dieser Leitfaden nicht mehr zu den heutigen Problemen passt. Der Papst ist ein Diktator, der glaubt, er könne alle Probleme aus der Welt schaffen, wenn er einfach bestimmt, dass sie gehen wenn sich der Gläubige entsprechend verhält. Gerade bei spirituellen Problemen geht das leider nicht. Gewissen und die Zweifel sind noch lange nicht still, nur weil man es gerne hätte. Hardliner wie der derzeitige Papst helfen den Christen nicht, bieten keine Lebenshilfe, nur Frustration und Verzweiflung. Sie zeigen immer wieder wie weit entfernt die Kirche von den Menschen ist. Der Papst ist völlig taub. Wenn tausende Menschen täglich an AIDS erkranken, dann kann der Papst Kondome nicht verteufeln. Das bringt seine Anhänger in Gefahr und ist ganz und gar nicht realitätstauglich. Homosexuellen die Homosexualität zu verbieten ist keine Hilfe, sondern vertieft nur die Angst und führt evtl zum Selbsthass der christlichen Schwulen und Lesben. Wem soll das helfen?
2. Nicht tragisch
Litajao 27.11.2012
Zitat von sysopVatikan-Insider Marco Politi hat ein Buch über den deutschen Papst geschrieben. Warum taumelt das katholische Weltreich unter seiner Führung von einer Krise zur nächsten? Benedikt XVI., so der Autor, ist ein bescheidener, disziplinierter Mann - doch als Papst ungeeignet. Papst Benedikt XVI.: Buch von Marco Politi "Krise eines Pontifikats" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/papst-benedikt-xvi-buch-von-marco-politi-krise-eines-pontifikats-a-869411.html)
tragikomisch! Dieser Mann lebt immer noch im frühen Mittelalter und hat es immer noch nicht gemerkt. Ob er bescheiden, diszipliniert ist, weiß ich nicht, auch nicht, ob er verschlagen ist, was man aber meinen könnte, wenn man manche Bilder ansieht. Aber eines ist er bestimmt, nämlich ungeeignet!
3. Klingt überzeugend ist es aber nicht...
Bourgeois2000 27.11.2012
Die evangelische Kirche hat alles das gemacht, was der Ratzinger verweigert und was hat es genützt? Haben die weniger Austritte? Wenn es überhaupt eine Lösung für die Probleme der Kirchen gibt, dann keine so einfache.
4. Der tiefe Glaube !
flus 27.11.2012
Was bitte schön hat dieser Papst denn nun schon wieder angestellt ... dass er die heilige katholische Kirche verteidigt .... den Zeitgeist als den selbigen erkennt .... als Wissenschaftler ueber all den gegenwaertigen Problemen steht .... ist ihm wohl nicht zur verübeln. Wir jedenfalls in seiner Heimat wissen unseren heiligen Vater sehr wohl zu schätzen und verehren denselbigen Gruesse aus Regensburg
5. Kein guter Artikel
cohnys 27.11.2012
Leider strotzt der Artikel wie so oft bei Artikeln über den Papst im Spiegel von den unausgegorenen und schlichtweg falschen Ansichten linker Kreise, die meinen mit Abschaffung des Zölibats und Kondomen sei die Welt gerettet. Der Artikel sagt irgendwie nix, außer dass der Spiegel und seine Autoren gegen die katholische Kirche sind. Die katholische Kirche vertritt keinen Alleinvertretungsanspruch, vor allem nicht unter Ratzinger. Ein bißchen Beschäftigung mit der theologischen Lehre würde auch dem ein oder anderen Autoren nicht schaden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Papst Benedikt XVI.
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 173 Kommentare
Buchtipp