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Papst Benedikt XVI.: Die Welt staunt über die Wahl der Kardinäle

Weltweit überwiegt die Freude über die Wahl von Joseph Ratzinger zum neuen Pontifex. Doch in seiner Heimat gibt es auch skeptische Stimmen über den ersten deutschen Papst seit fast 500 Jahren, der sich Benedikt XVI. nennt. Trotz strengsten Verbots plauderte Kölns Erzbischof Meisner ein paar Details aus dem Konklave aus.



Benedikt XVI.: Drei Viertel der Deutschen begrüßen die Wahl eines Landsmann zum neuen Papst
AP

Benedikt XVI.: Drei Viertel der Deutschen begrüßen die Wahl eines Landsmann zum neuen Papst

Rom/Berlin - "Jetzt ist allen eine Last abgefallen", sagte der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner gestern Abend in Rom vor Journalisten nach der Wahl von Ratzinger. Die 115 zum Konklave versammelten Kardinäle aus 52 Ländern erzielten schon im vierten Wahlgang die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Ratzinger bekam bei seiner Wahl zum Papst mehr Stimmen als für die Zweidrittelmehrheit nötig, deutete Meisner an. Das Konklave sei ohne Wahlkampf und Propaganda verlaufen. Sobald klar gewesen sei, dass Ratzinger gewonnen habe, habe es spontanen Beifall gegeben, und er, Meisner, sei in Tränen ausgebrochen, sagte der Kölner Erzbischof.

Meisner und drei andere deutsche Kardinäle nahmen sich rund 45 Minuten Zeit, um Fragen über das Konklave zu beantworten - trotz der eidlichen Verpflichtung zur strengsten Verschwiegenheit zu den Beratungen und Wahlgängen im Konklave. Zur genauen Stimmenzahl wollten sich die Kardinäle denn auch nicht äußern. Benedikt XVI. habe nach seiner Wahl auf dem Weg zum Anlegen der päpstlichen Gewänder etwas verloren gewirkt, berichtete Meisner weiter.

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Rom: Beifall, Jubel, Freudentränen

Der neue Papst bat die Kardinäle nach Angaben des Kölner Erzbischofs, gemeinsam mit ihm zu Abend zu essen. Zu diesem Zeitpunkt habe Benedikt schon wieder viel besser und sehr wie ein Papst ausgesehen. Zum Essen habe es Bohnensuppe, Aufschnitt, Salat und Obst gegeben, sagte Meisner. Die Nonnen, die die Mahlzeiten zubereiteten, hätten keine Zeit gehabt, ein besonderes Menü zu planen. Deshalb habe es nur zwei extra Leckereien zur Feier des Tages gegeben: Eis und Sekt.

Nach Angaben von Vatikan-Sprecher Joaquín Navarro-Valls wird den neuen Papst "fast sicher" seine erste Auslandsreise nach Polen führen - eine Verbeugung vor dem Heimatland seines Vorgängers Johannes Paul II. Der neue Papst Benedikt XVI. sagte Navarro-Valls und Meisner zufolge seine Teilnahme am Weltjugendtag im August in Köln zu. Bei der Wahl seines Namens habe sich Ratzinger auf Benedikt XV. (1914 bis 1922) bezogen, weil dieser "so viel für den Frieden zwischen den Völkern" getan habe, fügte Meisner hinzu.

Die Verwirrung über den Rauch aus der Sixtinischen Kapelle nach der Wahl ist nach Angaben des niederländischen Kardinals Adrianus Simonis durch Probleme mit dem Entzünden des Feuers verursacht worden. Der erste Versuch, weißen Rauch aus dem Schornstein steigen zu lassen, sei missglückt. "Auf einmal stand die ganze Kapelle unter Rauch", schilderte Simonis diese Szenerie. Er beschrieb das Ritual als eine "romantische Angelegenheit" und "Folklore".

Nach der Wahl im vierten Durchgang spendeten die Kardinäle auch laut Simonis dem neuen Papst Applaus. "Er war gerührt, äußerst ernst und ruhig", berichtete Simonis. Er selbst war von der Wahl Joseph Ratzingers überrascht: "Ich hatte das nicht erwartet."

"Freude und ein wenig Stolz"

Weltweit wurde der 78 Jahre alte Ratzinger vor allem als scharfsinniger und erfahrener Theologe gewürdigt. Ratzinger zelebriert derzeit seine erste Messe als Papst in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Ratzinger umklammerte seinen Hirtenstab und bekreuzigte sich, als er an der Spitze der Kardinäle in die Sixtinische Kapelle einzog.

In Deutschland überwogen nach der Wahl Freude und Stolz. In Bayern läuteten eine Viertelstunde lang die Kirchenglocken, die Menschen kamen zu spontanen Gottesdiensten und Gebeten zusammen. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundespräsident Horst Köhler und die Vorsitzenden der Bundestagsparteien wünschten Ratzinger alles Gute. Schröder nannte ihn einen großen, weltweit geschätzten Theologen und würdigen Nachfolger von Johannes Paul II. Köhler unterstrich: "Dass ein Landsmann Papst geworden ist, erfüllt uns in Deutschland mit besonderer Freude und auch mit ein wenig Stolz."

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, sagte nach der Wahl in Rom: "Kardinal Ratzinger hat gewiss in der Weltkirche mit und unter dem Papst (Johannes Paul II.) eine der sensibelsten Aufgaben erfüllt." Ratzinger habe es vermocht, in einer Phase des geistigen und sozialen Wandels die Substanz des katholischen Glaubens zu bewahren. "Es ist fast selbstverständlich, dass ihm bei dem gegenwärtigen Pluralismus der Meinungen - auch in der eigenen Kirche - nicht alle folgen konnten und wollten." "Aber er hat überall - auch im Widerspruch - Respekt vor seiner theologischen Leistung (...) erhalten."


Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter sagte zur Entscheidung für Ratzinger: "Ein Papst ist nicht dazu da, alle Probleme der Welt zu lösen. Er muss seine Aufgabe erfüllen."

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, hofft, dass die Ökumene weiter vorangetrieben werde, etwa bei Frage des gemeinsamen Abendmahls.

Kritische Stimmen aus Deutschland

Der neue Papst: Benedikt XVI.
DDP

Der neue Papst: Benedikt XVI.

Es wurden jedoch auch kritischere Stimmen laut. Der katholische Theologe Hans Küng sprach von einer "Riesenenttäuschung" für alle Reformorientierten. Als Präfekt der Glaubenskongregation sei Ratzinger sehr hart gegen Andersdenkende vorgegangen, sagte auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Christa Nickels, die Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist, der "Berliner Zeitung". Ratzinger habe die "Hoffnungen von vielen Frauen, katholischen Reformern und auch Laien begraben". Sie hoffe dennoch, dass der neue Papst die Kraft finde, die Frontstellungen zu überwinden.

CDU-Präsidiumsmitglied Hildegard Müller, die ebenfalls Mitglied des Zentralkomitees ist, betonte, die Wahl Ratzingers zum Papst zeige den Wunsch der Kardinäle nach Kontinuität. Die deutschen Katholiken hätten viele Fragen an Papst Benedikt XVI. "Am meisten beschäftigt uns die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche und die Verantwortlichkeit der Ortskirchen und der nationalen Bischofskonferenzen." Es werde "sicher kein leichter Dialog" werden, sagte Müller.

Mehr als drei Viertel der Deutschen (76 Prozent) begrüßen es, dass zum ersten Mal seit circa 500 Jahren in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche wieder ein Deutscher Papst geworden ist. Das ergab eine Umfrage für die ARD-"Tagesthemen", die das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap unter 529 Befragten durchgeführt hat. Die konkrete Entscheidung des Konklaves für Kardinal Joseph Ratzinger wird jedoch etwas zurückhaltender bewertet: Ihn halten knapp zwei Drittel der Deutschen (63 Prozent) für eine gute Wahl. 23 Prozent der Bundesbürger sind anderer Meinung.

"Vertrauen und Hoffnung"

Der polnische Staatspräsident Aleksander Kwasniewski drückte in seinem Glückwunschschreiben seine Hoffnung auf Kontinuität des Werkes von Johannes Paul II. aus. "Es weckt in uns Vertrauen und Hoffnung, dass ein Vertreter des deutschen Volkes zum Hirten der katholischen Kirche gewählt wurde, unseres Nachbarn, mit dem wir eine historische Aussöhnung erreichten und gemeinsam Europa bauen", schrieb Kwasniewski.

In Lateinamerika, wo knapp die Hälfte der 1,1 Milliarden Katholiken lebt, wurde die Wahl Ratzingers überwiegend begrüßt. Der Vizepräsident der brasilianischen Bischofskonferenz, Antonio Celso de Queirós, sagte, die Wahl eines Europäers zum Nachfolger von Johannes Paul II. sei trotz gegenteiliger Vorhersagen einiger Experten erwartet worden.

Die US-Bischofskonferenz sicherte dem neuen Papst ihre "Unterstützung, Ehrlichkeit und Liebe" zu. Kardinal Ratzinger habe in der Vergangenheit immer ein offenes Ohr gehabt und sei feinfühlig an die Situation der katholischen Kirche in den USA herangegangen, sagte der Präsident der Bischofskonferenz William Skylstad in Washington. US-Präsident George W. Bush lobte Benedikt XVI. als Mann mit "großer Weisheit und Erfahrung". Uno-Generalsekretär Kofi Annan äußerte sich auch in diesem Sinne und wünschte ihm "Kraft und Mut für seine gewaltige Verantwortung". Der britische Premierminister Tony Blair erklärte, er freue sich darauf, in der Afrika-Hilfe mit dem neuen Papst zusammenzuarbeiten.

Der israelische Außenminister Silwan Schalom zählt im Kampf gegen Antisemitismus auf Benedikt XVI. "Israel ist hoffnungsvoll, dass wir während der Amtszeit des neuen Papstes in den Beziehungen zwischen dem Vatikan und Israel weiter vorankommen, und vor dem Hintergrund des neuen Papstes bin ich sicher, dass er wie sein Vorgänger eine mächtige Stimme gegen alle Formen des Antisemitismus ist", teilte Schalom mit.

Die japanische Regierung sendete ihre "von Herzen kommenden Glückwünsche". Die philippinische Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo drückte die Hoffnung aus, dass das neue Oberhaupt der katholischen Kirche "die Saat ist, um Konflikte zu beenden". Der frühere Erzbischof von Manila, Jaime Kardinal Sin, nannte Ratzinger nach Angaben eines Sprechers "einen guten Mann mit sehr klarem Geist". Die Philippinen sind mit rund 70 Millionen Gläubigen das größte katholische Land Asiens.

Die chinesische Regierung gratulierte dem neuen Papst und nannte zugleich Bedingungen für eine Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen. Der Vatikan müsse Taiwan als einen untrennbaren Teil Chinas anerkennen. Ferner solle sich der Vatikan "nicht unter dem Deckmantel der Religion in innere Angelegenheiten Chinas einmischen".

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