Papst Benedikt XVI. twittert: "Perlen der Weisheit" in 140 Zeichen

Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom

Aufgeschlossener, moderner, transparenter: Der Vatikan bemüht sich um ein neues Image. Der neueste Schritt trägt den Namen @pontifex, der Twitter-Kanal von Benedikt XVI. Konservative im Vatikan halten das Gezwitscher für zu banal angesichts seiner Heiligkeit - doch ein PR-Profi gibt nun den Ton an.

AFP

"Ein außerordentlicher Moment", jubelte Monsignore Paul Tighe, Sekretär des Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel, als die 120 Zeichen von Papst Benedikt XVI. heute um 11.36 um die Welt gingen. Um die Twitter-Welt. Mit acht Accounts, in acht Sprachen, darunter englisch, spanisch, polnisch, begrüßte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche viele "liebe Freunde".

Auch auf Deutsch zwitscherte Benedikt XVI., da ging es dann so weiter: "Gerne verbinde ich mich mit euch über Twitter. Danke für die netten Antworten. Von Herzen segne ich euch."

Sehr eindrucksvoll fand der ob des kommunikativen Quantensprungs bewegte Monsignore Tighe auch die Reaktionen. Mehr als 2000 Stimmen zwitscherten in weniger als zwei Minuten zurück. Und die Zahl der Follower, derjenigen Nutzer also, die sich für den regelmäßigen Empfang des päpstlichen Twitterns angemeldet haben, habe heute schon die Million erreicht.

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@pontifex: Der Papst twittert
Nun ist das im Milieu der globalen Prominenz kein allzu üppiger Wert. Ein anderes religiöses Oberhaupt, der Dalai Lama, hat 5,7 Millionen "Follower", die er regelmäßig mit Botschaften beglückt. US-Präsident Barack Obama hat 24 Millionen Empfänger mit über 8000 Tweets über politische Hintergründe aufgeklärt. Und die Botschaften des kanadischen Popsängers Justin Bieber - "Hört mein neues Album", "vertraut mir" - wollen sogar 31 Millionen Menschen in Echtzeit bekommen.

Da ist für den Papst noch viel Luft nach oben. Von geschätzten einer Milliarde Katholiken sind eine Million Follower ja gerade einmal 0,1 Prozent.

Ein Tweet als "Perle der Weisheit"

Nur: Benedikt XVI. muss keine Wahlen gewinnen und keine Platten verkaufen. Und so sagte denn auch Erzbischof Claudio Maria Celli im hauseigenen Sender Radio Vatikan, dem Papst gehe es ja gar nicht darum, "mehr Popularität" zu erlangen. Das "würde nicht zu einem Papst und nicht zum Stil von Benedikt XVI. passen". Er suche vielmehr einen Weg, "dort präsent zu sein, wo die Menschen sind". Natürlich löse man mit einem Tweet nicht die Probleme der Kirche, so Erzbischof Celli, aber so wie dem dürstenden Wanderer in der Wüste einige Tropfen Wasser weiterhülfen, könne ein Tweet des Papstes "ein Funken Licht, eine Perle der Weisheit, ein Tropfen frisches Wasser sein".

Freilich, gab der Kirchenmann zu, seien nicht alle Antworten auf die frommen Wünsche seines Chefs positiv gewesen. Manche seien sogar ziemlich rüde und beleidigend. Und auch im Kirchenstaat selbst habe es kritische Stimmen gegeben, wie der Papst sich zu derart banalen Kurzbotschaften herablassen könne.

Doch diese internen Kritiker haben wohl nicht mitbekommen, dass der Vatikan sich schon seit längerem um ein völlig neues Image bemüht: Aufgeschlossen und modern will er künftig wirken, statt antiquiert und düster wie bislang. Viele Skandale der jüngsten Vergangenheit, so die interne Analyse des Hofstaats am Heiligen Stuhl, seien durch eine miserable Kommunikation mit der realen Außenwelt verstärkt worden.

Manche Pannen und Patzer wären mit mehr Offenheit und professionellen PR-Beratern womöglich gar nicht erst zu Großschäden geworden. Deshalb wurde im Sommer ein Medien-Profi engagiert, der US-Journalist Greg Burke. "Ich bin ein altmodischer Katholik aus dem Mittleren Westen, dessen Mutter jeden Tag in die Messe ging", präsentierte er sich in einem Interview zum Amtsantritt.

Burke arbeitet seit vielen Jahren in Rom, berichtete vor allem über den Vatikan, zuletzt für den konservativen US-Fernsehsender Fox News. Und er ist Mitglied des mächtigen katholischen Opus Dei-Netzwerks. Das alles macht ihn für viele im Vatikan erträglich, die den Einzug eines Medienmannes eigentlich für höchst gefährlich halten. Zumal der jetzt genau das in Gang setzen soll, was die große Mehrheit der alten und uralten Kirchenoberen bisher am meisten fürchteten.

Schlechte Kommunikation machte Lage noch desaströser

"Die Kirche muss sich der Wahrheit öffnen", sagt Burke, und dabei zwar nicht totale, aber "maximal mögliche Transparenz erreichen". Revolutionäre Worte im letzten absolutistischen Staat Europas.

Ob bei den Missbrauchsskandalen in kirchlichen Einrichtungen, beim Streit um den Holocaust-Leugner und abtrünnigen Bischofs Richard Williamson oder bei der Vatileaks-Affäre, als der Kammerdiener des Papstes interne Dokumente über die Vatikangrenze schmuggelte, in denen es um Intrigen und Machtkämpfe innerhalb der Kurie ging - immer reagierte die Vatikanführung zu spät, immer falsch und machte so alles noch desaströser.

Da müsse sich einiges ändern, beschied Benedikt XVI. nach langen Beratungen im engsten Kreis. Und parallel zum Engagement des PR-Profis wurde auch die Präsenz des Kirchenstaates und seines Herrschers im Internet systematisch ausgebaut und verbessert. Schon im Juni vergangenen Jahres hatte der Papst ein neues Nachrichtenportal der Kirche über den Twitterkanal von Radio Vatikan - "mit meinen Gebeten und Segenswünschen" - annonciert. Jetzt soll daraus ein regelmäßiger Kontakt mit den Gläubigen entstehen.

Bald sollen "einige Millionen Menschen" die Möglichkeit haben, so Vatikansprecher Federico Lombardi, "zu fühlen, dass der Papst näher ist, ein Wort von ihm bekommen, einen Funken Weisheit, den sie im Geist und im Herzen tragen und mit anderen Twitter-Freunden teilen können".

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Ähnlich wie Benedikt XVI...
MCS87 12.12.2012
... als ähnlicher Twitter-Account wird automatisch Gregor Gysi und Tommy Hilfiger vorgeschlagen.
2. Parallelen?
Layer_8 12.12.2012
Zitat von sysopAufgeschlossener, moderner, transparenter: Der Vatikan bemüht sich um ein neues Image. Der neueste Schritt trägt den Namen @pontifex, der Twitter-Kanal von Benedikt XVI. Konservative im Vatikan halten das Gezwitscher für zu banal angesichts seiner Heiligkeit - doch ein PR-Profi gibt nun den Ton an. Papst Benedikt XVI. twittert: Kanal @pontifex gestartet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/papst-benedikt-xvi-twittert-kanal-pontifex-gestartet-a-872545.html)
Wie war das nochmal mit dem heiligen Franziskus? Der zwitscherte ja auch, mit den Vögeln. Wohl nebenher, denn der musste ja auch noch seine Kirche wieder aufbauen.
3. Uralter Wein...
jubelbube 12.12.2012
Zitat von sysopAufgeschlossener, moderner, transparenter: Der Vatikan bemüht sich um ein neues Image. Der neueste Schritt trägt den Namen @pontifex, der Twitter-Kanal von Benedikt XVI. Konservative im Vatikan halten das Gezwitscher für zu banal angesichts seiner Heiligkeit - doch ein PR-Profi gibt nun den Ton an. Papst Benedikt XVI. twittert: Kanal @pontifex gestartet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/papst-benedikt-xvi-twittert-kanal-pontifex-gestartet-a-872545.html)
Was nützt das oberflächliche moderne Getue, wenn der Inhalt immer noch rückständig und ethisch minderwertig ist?
4. dadurch
Broeselbub 12.12.2012
wird die Kirche auch nicht moderner. Vielleicht denkt er das jetzt mehr Menschen zur Kirche wechseln. Die Kirche ist und bleibt aber ein mittelalterliches Relikt was man schon alleine aus Kostengründen abschaffen sollte.
5.
hierundjetzt59 12.12.2012
Zitat von sysopAufgeschlossener, moderner, transparenter: Der Vatikan bemüht sich um ein neues Image. Der neueste Schritt trägt den Namen @pontifex, der Twitter-Kanal von Benedikt XVI. Konservative im Vatikan halten das Gezwitscher für zu banal angesichts seiner Heiligkeit - doch ein PR-Profi gibt nun den Ton an. Papst Benedikt XVI. twittert: Kanal @pontifex gestartet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/papst-benedikt-xvi-twittert-kanal-pontifex-gestartet-a-872545.html)
Alter Wein in neuen Schläuchen. :gähn: gruss
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