Papst-Bruder Georg Ratzinger "Er hat getan, was er konnte"

Georg Ratzinger wusste als Erster, dass sein Bruder vom Amt des Papstes zurücktreten wird, und wann - doch er behielt es für sich. Die Nachricht erwartete der 89-Jährige vor dem Radio. Den Schritt seines Bruders Joseph kann der Theologe nachvollziehen: "Er wünscht sich mehr Ruhe."

dapd

Kein Wort ging Georg Ratzinger über die Lippen. Zu niemandem. Er kannte den Tag und die Uhrzeit, wann die Bombe platzen sollte. Und als sie es tat, saß er in seiner Wohnung in der Regensburger Altstadt vor dem Radio, um die Zwölf-Uhr-Nachrichten bei Bayern-4-Klassik zu hören.

"Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben", begründete Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt in einer Erklärung, die er in lateinischer Sprache vortrug.

Sein Bruder Georg ist es, der an diesem denkwürdigen Tag spezifiziert, welche Kräfte genau der Pontifex meint. "Im Alter lassen die Kräfte nach", sagt er SPIEGEL ONLINE. Immerhin werde sein Bruder bald 86 Jahre alt, das sei "ein Alter, das nicht alle Leute erleben dürfen". Der Arzt habe ihm von langen Reisen abgeraten. Das Gehen falle ihm zunehmend schwer.

Fotostrecke

7  Bilder
Georg und Joseph Ratzinger: Zwei Brüder, ein Weg
Der Heilige Vater habe ihm seine Entscheidung persönlich mitgeteilt, sagt Georg Ratzinger. Er habe ihn in dieser "sehr persönlichen Situation" nicht beraten, schon gar nicht versucht, ihn zu beeinflussen. "Die Verantwortung muss er alleine tragen, die Entscheidung hat er alleine gefällt."

Einen Tag nachdem im April 2005 weißer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen war, hatte sich Georg Ratzinger über die "nicht ganz so stabile Gesundheit" seines Bruders geäußert. Damals sagte Georg Ratzinger, er habe gehofft, "der Kelch geht an ihm vorüber" und die Kardinäle würden "einen etwas Jüngeren zum Papst wählen".

Ist er nun erleichtert, dass der Bruder aus eigenem Willen von seinem Amt zurücktritt und an seine Gesundheit denkt? "Ich nehme diese Entscheidung an, sie hat positive und negative Folgen." Die Amtszeit von Benedikt XVI. sei "für die Kirche segensreich" gewesen. Sein Bruder habe "vor schwierigen Aufgaben gestanden" und "alles getan, was er konnte".

Ein neues Zuhause in Bayern: unmöglich

Georg Ratzinger, 89 Jahre, führt die kirchlichen Ehrentitel Monsignore und päpstlicher Ehrenprälat. Er weiß um die Sorgen und Nöte im Alter. Bei einem Besuch in Rom musste er wegen Herzrhythmusstörungen operiert werden, er trägt seither einen Herzschrittmacher. "Ich habe beim Gehen und besonders beim Sehen Schwierigkeiten", sagt er. "Und das Gedächtnis lässt nach, aber einiges geht noch." Besucher im Hintergrund lachen auf, er lacht befreit mit.

Vielleicht schwingt auch Freude mit über die Pläne, die er bereits mit dem Bruder geschmiedet hat. Im kommenden Sommer will Georg Ratzinger nach Rom reisen. Benedikt XVI. wird auf dem Gelände des Vatikans in ein Kloster ziehen. "Anders geht es nicht", sagt Georg Ratzinger. "Das Haus in Pentling gehört uns nicht mehr, und selbst wenn, es wäre nicht möglich für ihn, dort zu wohnen."

Es ist ein symbiotisches Verhältnis, das die beiden Brüder eint. Unvergessen der Besuch Benedikts im September 2006 in Bayern, als ihm sein Bruder bei einigen Auftritten folgte, auch mal Hand in Hand. Georg Ratzinger trug damals eine Art Bischofsgewand, das ihm als Monsignore offiziell nicht zusteht, aber notwendig war, weil er neben dem Papst standesgemäß gekleidet sein musste. Unvergessen auch, wie sie gemeinsam ans Grab der Eltern und an das ihrer Schwester Maria gingen, die ihnen den Haushalt geführt und deren Tod sie 1991 erschüttert hatte.

Georg Ratzinger, drei Jahre älter als Joseph, freute sich auf Zeit mit seinem Bruder in der Heimat - auf ein vierhändiges Klavierspiel, das gemeinsame Abendessen und gar den anschließenden Abwasch. Sie spazierten durch den Klostergarten in Altötting, knieten nieder vor Josephs Taufstein in Marktl.

"Das Ewige hat sich irgendwie uns bewusst gemacht"

Dass sie Priester werden wollen, wussten die beiden von klein auf. Gemeinsam besuchten sie 1946 das Priesterseminar der Erzdiözese München und Freising, 1951 folgte die gemeinsame Priesterweihe von Kardinal Michael von Faulhaber. "Das Ewige hat sich irgendwie uns bewusst gemacht", beschrieb Georg Ratzinger einmal die katholische Erziehung im Elternhaus.

Georg Ratzinger studierte an der Münchner Musikhochschule Kirchenmusik und arbeitete gleichzeitig an verschiedenen Orten als Priester. 1957 schloss er die Meisterklasse ab, wurde Chordirektor in Traunstein und 1964 Domkapellmeister am Regensburger Dom und Leiter der Regensburger Domspatzen. Am 29. Juni 2011 feierte Georg Ratzinger mit seinem Bruder in Rom sein 60-jähriges Priesterjubiläum.

Die Brüder Ratzinger ähneln sich, haben die gleichen braunen Augen, die breit auslaufende Nasenpartie. Die Meinung des einen scheint für den anderen existentiell. Sie telefonieren mindestens einmal in der Woche miteinander, regelmäßig reist Georg Ratzinger nach Rom oder besucht seinen Bruder im päpstlichen Landsitz Castel Gandolfo.

Die Nähe der beiden Brüder bereitete dem Vatikan auch Unbehagen. Georg Ratzinger wurde zu Beginn von Benedikts Amtsantritt zurechtgestutzt, als er erzählte, dass sein Bruder bereits einen Herzinfarkt gehabt habe und er nicht mit seiner Ernennung zum Papst gerechnet habe. Fortan musste er Einzelheiten für sich behalten.

Was wünscht Georg Ratzinger seinem Bruder? "Ich wünsche uns beiden, dass uns weitere gesundheitliche Probleme erspart bleiben, bis uns der liebe Herrgott abholt."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wortmannin 12.02.2013
1. Flop?
Wenn so eine Formulierung im Arbeitszeugnis steht, heißt das, der Mitarbeiter war ein Totalausfall.
Spiegelleserin57 12.02.2013
2. es ist verständlich...
dass man in diesem hohen Alter nicht die Belastungen dieses Amtes ertragen kann. Es wird aber auch Zeit dass ein jüngerer Pabst nachrückt der die Geschehnisse der Zeit aus der Sicht der nächsten Generation betrachten kann. Wenn man betrachtet was Menschen in diesen hohen Alter noch leisten können ist dieser Abtritt schon längst überfällig. Was allgemein wundert ist aber dass andere Religionen die sicherlich noch größer sind als die katholische so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ein Grund darüber mal nach zu denken. Auch besteht unser Land nicht nur aus Katholiken. Die massenhaften Kirchenaustritte beweisen das.
janne2109 12.02.2013
3. ....
Sein Rücktritt vom Amt hat einen Maßstab gesetzt, hoffen wir das andere seiner Maßstäbe schnell veränderbar sein werden. Einen Mann zum Oberhaupt einer Kirche zu wählen der bereits einen Herzinfarkt hatte zeugt nicht davon, dass die ihn Wählenden an die Mitglieder dieser Kirche gedacht haben. Auch er selbst hat nicht an 1 Milliarde Gläubige gedacht als er die Rede in Latein hielt, vor einer kleinen Gruppe Kirchenmännern. Für mich zeugt das davon wie weit die kathl. Kirche von ihren Mitglieder entfernt ist. Das finde ich bedauerlich. Was den Spruch --wir sind Papst- betrifft--, das ist typisch deutsche Überheblichkeit,leider. Jeder der sich ein bisschen mit Ratzinger beschäftigt hat, wusste dass er ein Theoretiker ist und ein Hardliner im Sinne der Kirche und nicht im Sinne der Gläubigen amtieren wird. Nun sollte man seinen Wunsch nach Ruhe respektieren und auch die Medien ein anderes Thema suchen. Niemand- wirklich niemand kennt vermeintliche oder wissentliche Wahrheiten. Man solle ihm auch keinen zu großen Eichenlaubkranz stricken, denn die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle z. B. hat keinen Kranz verdient.
Fassungsloser 12.02.2013
4. ....
"Georg Ratzinger trug damals eine Art Bischofsgewand, das ihm als Monsignore offiziell nicht zusteht, aber notwendig war, weil er neben dem Papst standesgemäß gekleidet sein musste." Wo haben Sie das denn her? Das ist Mumpitz. Gucken Sie sich Gänswein an, der war bis Januar auch "nur" Monsignore. Genau wie er war auch Georg Ratzinger gekleidet.
hubertrudnick1 12.02.2013
5. Legendenbildung
Zitat von sysopdapdGeorg Ratzinger wusste als Erster, dass sein Bruder vom Amt des Papstes zurücktreten wird, und wann - doch er behielt es für sich. Die Nachricht erwartete der 89-Jährige vor dem Radio. Den Schritt seines Bruders Joseph kann der Theologe nachvollziehen: "Er wünscht sich mehr Ruhe." http://www.spiegel.de/panorama/papst-bruder-georg-ratzinger-ueber-den-ruecktritt-von-benedikt-xvi-a-882747.html
Seit gestern wird in den Medien nur noch eine Legendenbildung über den Herrn Ratzinger betrieben, wie und was alles hinter seiner Amtszeit stand wird ausgeschmückt, eine wahre Auseinandersetztung mit der total veralterten Kirche, die dieser Herr Ratzinger mit geprägt hat wird wie üblich ausgeblendet, oder nur sehr zaghaft angepackt. Religion ist aucdh nur eine Art von Politik und das will man vergessen machen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.