Besuch in der Türkei Papst der Armen in Erdogans Palast

Mit seiner Reise in die Türkei am Wochenende sucht Papst Franziskus die Annäherung zur griechisch-orthodoxen Kirche. Doch für Wirbel sorgt ein geplanter Besuch im neuen Palast von Staatspräsident Erdogan.

AFP

Von , Istanbul


Auf dem Programm steht schlicht "Höflichkeitsbesuch bei Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan", ein Termin unter mehreren, die Papst Franziskus am Freitag nach seiner Ankunft in Ankara zu absolvieren hat. Aber der "Höflichkeitsbesuch" entrüstet einige in der Türkei: Der Papst soll das erste Staatsoberhaupt sein, das Erdogan in seinem neuen Palast die Ehre erweist.

Das Gebäude ist umstritten: Es wurde unter Missachtung von Naturschutzbestimmungen in ein Waldgebiet gebaut. Gerichtsurteile, den Bau zu stoppen, wurden ignoriert. Als die Richter des Obersten Verwaltungsgerichts im März gegen den Bau entschieden, sagte Erdogan nur: "Sollen sie ihn doch abreißen, wenn sie die Macht dazu haben."

Nun steht der Tausend-Zimmer-Palast also da, Ak Saray genannt, weißer Palast, den Kritiker lieber Kacak Saray, illegaler Palast, nennen. Die Architektenkammer in Ankara geht sogar davon aus, dass das Bauwerk noch größer wird. "Es sollen hier eine Moschee mit Platz für 4000 Menschen und eine Residenz mit 250 Räumen entstehen", sagt Tezcan Karakus Candan, Präsidentin der Architektenkammer (lesen Sie hier das ausführliche Interview). Dabei hat der Bau mit etwa einer halben Milliarde Euro schon doppelt so viel gekostet wie ursprünglich geplant.

"Problem betrifft nicht den Papst"

Im Namen der Architekten hat Candan den Papst in einem Brief gebeten, er möge "nicht an der geplanten Zeremonie im ungenehmigten Gebäude teilnehmen", schreibt Candan weiter. Schließlich könne der Besuch den Bau im Nachhinein legitimieren.

Aus dem Vatikan heißt es, man werde dieser Bitte nicht nachkommen, sondern die Einladung "selbstverständlich" annehmen. "Der Papst geht, wie jeder höfliche Mensch, dorthin, wo ihn der Präsident empfangen will", sagt Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Es ist eben ein "Höflichkeitsbesuch".

Mit Spannung wird nun erwartet, ob der Papst sich zu dem Streit um den Palast oder zu dem Prunk, mit dem Erdogan sein Machtbewusstsein demonstriert, äußert. Es würde nicht den diplomatischen Gepflogenheiten entsprechen, aber bei diesem Papst, der für seine unkonventionelle Art bekannt ist, wäre es denkbar. Außerdem versteht er sich als Repräsentant der Armen, solch ein Luxus ist ihm fremd. Aus dem Vatikan lässt man jedenfalls vernehmen, die Debatte um den Palast sei ein "Problem, das den Heiligen Stuhl oder den Papst nicht betrifft".

Besucht Franziskus Flüchtlinge?

Erdogans Team setzt darauf, dass der erste Staatsbesuch im neuen Präsidentenpalast glatt abläuft und glänzende Bilder abwirft. Der Präsident hat kürzlich eine Charmeoffensive gestartet. "Seit dem Tag, an dem Sie das Amt des geistlichen Oberhauptes der katholischen Welt übernommen haben, folge ich mit Wohlwollen Ihren wertvollen Bemühungen für den Weltfrieden, für Brüderlichkeit und für Frieden unter den Völkern", schrieb er dem Papst in einem Brief. Der bevorstehende Besuch trage eine "besondere Bedeutung und Wichtigkeit für die gesamte Menschheit".


Schöne Bilder für die Türkei wird es auf jeden Fall geben, denn der Papst plant in Istanbul einen Besuch der Hagia Sophia und der Blauen Moschee nebenan. Und auch wenn Franziskus offiziell der Einladung von Erdogan folgt, ist sein eigentliches Ziel, die Annäherung zwischen katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche voranzubringen. Deshalb stehen mehrere gemeinsame Gottesdienste sowie eine "private Begegnung" mit dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., an. Die beiden hatten sich bereits im Mai getroffen, als Franziskus das Heilige Land bereiste. Unklar ist, ob er sich in der Türkei auch mit Flüchtlingen trifft. Mehr als 1,6 Millionen Syrer suchen derzeit Schutz in der Türkei. Den Umgang der EU mit ihnen hatte er am Dienstag vor dem Europaparlament kritisiert.

Dass für einen Papst eine Reise in die Türkei, einem laizistischen Staat, in dem nach offiziellen Statistiken fast 99 Prozent der Menschen Muslime sind, nicht zu den leichtesten Aufgaben gehört, musste 2006 schon Papst Benedikt XVI. erfahren. Kurz zuvor hatte er die Worte eines mittelalterlichen Kaisers zitiert, wonach der Prophet Mohammed der Welt Schlechtes gebracht habe. Die Muslime waren empört. Benedikt erklärte, er habe niemanden beleidigen wollen. Indem er dann in der Blauen Moschee gen Mekka betete, eroberte er verlorenes Vertrauen wieder zurück.

In solch einer Defensive befindet sich Franziskus nicht. Ein Grund mehr, dass offene Worte zu erwarten sind.

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Seite 1
fatherted98 28.11.2014
1. Warum nicht?
...warum soll der Papst nicht zu Erdogan in seinen Palast? Nur wenn man mit den Mächtigen redet kann man den Armen helfen....also warum nicht dorthin?
peter_gurt 28.11.2014
2. Papst der Armen??
Dieses scheinheilige System hat den größten Reichtum aller Zeiten angehäuft und deren Prunkpaläste (Kathedralen, etc.) sind noch um ein Vielfaches größer als dieses popelige Haus von Erdogan.
suplesse 28.11.2014
3. .
Der Papst wohnt doch selber im größten Prunkgebäude, was mir bekannt ist. Damit meine ich nicht, dass Erdogan das Richtige tut. Aber die katholische Kirche soll sich mal schön bedeckt halten, wenn es um Prunk und Protz geht.
KingTut 28.11.2014
4. Erdogan's Palast und Toleranz
Ich bin auch hin- und hergerissen, ob der Heilige Vater Erdogan damit ehren sollte, dass er ihn in seinem Palast besucht, welcher unter Missachtung von rechtsstaatlichen Prinzipien gebaut wurde. Andererseits, kann man meines Erachtens daraus keineswegs ableiten, dass der Papst damit dieses Bauwerk legitimiert, denn andere Staatsgäste werden mit Sicherheit folgen. Ein viel wichtigeres Thema scheint mir zu sein (was auch für den Papst gelten sollte), dass in der Türkei seit 35 Jahren jegliche Priesterausbildung untersagt ist und Christen dort generell als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Dies in einem Land, das sich anschickt, Mitglied unserer toleranten europäischen Wertegemeinschaft zu werden, in der Millionen von Moslems frei von jeglichem Bedrängnis ihre Religion ausüben können. Dieses Thema sollte dem Papst unter den Nägeln brennen und er wird es hoffentlich auch bei Erdogan ansprechen. Ob sich dieser davon beeindrucken lässt, steht wieder auf einem anderen Blatt. Aber auf jeden Fall wäre es falsch, diese Situation totzuschweigen.
Atheist_Crusader 28.11.2014
5.
"Sollen sie ihn doch abreißen, wenn sie die Macht dazu haben." Ja, so spricht Jemand, der das Prinzip eines Rechtsstaates begriffen hat. Erinnert mich auch erschreckend an die Haltung gewisser Landsleute von Herrn Erdogan in diesen Landen. "Ich mach was ich will. Was willst denn Du dagegen tun? Klar, du kannst die Bullen rufen, aber dann komm ich morgen mit meiner Armee/Brüdern vorbei." Die Türkei entwickelt sich immer weiter zurück in die Vergangenheit. Und ich sehe immer weniger Grund, sich überhaupt noch mit dem Land zu befassen. Wir sollten den Kontakt auf das Notwendigste reduzieren und Erdogan und seiner Bagage EU-weites Einreiseverbot erteilen. Da ist es ja kein Wunder, dass es in der Türkei so viele Erdbeben gibt - Atatürk rotiert mit 900 u/min in seinem Grab.
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