Papst Franziskus in Kolumbien Das Wort Politik ist verpönt

Die Erwartungen an Franziskus' erste Kolumbien-Reise waren hoch. Doch der Papst schlägt ein Treffen mit Ex-Guerilleros aus und verzichtet auf Kritik an dem Regime in Venezuela - und macht sich so zum Verbündeten der Regierenden.

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Aus Bogotá berichtet


Papst Franziskus gibt sich alle Mühe, seinen Besuch in Kolumbien zu entpolitisieren: Er schlug den Wunsch von Ex-Guerrilleros der einstigen Rebellentruppe Farc aus, die um eine Privataudienz gebeten hatten. Nur kurz traf er sich mit einer Delegation von fünf Bischöfen aus Venezuela, und er verzichtete auf jegliche Kritik an dem diktatorischen Regime von Präsident Nicolás Maduro.

Der Pontifex zeigte sich nur allgemein "besorgt" über die humanitäre Krise in dem Nachbarland - viele Venezolaner hatten gehofft, dass der Papst sich öffentlich für die Entsendung humanitärer Hilfe, Medikamente und Lebensmittel in die von Hunger und Mangelwirtschaft gepeinigte Nachbarrepublik einsetzen würde. Maduro lehnt diese Forderung bislang ab, er ignoriert das humanitäre Drama in seinem Land.

Franziskus rüffelte dagegen die kolumbianischen Bischöfe: "Ihr seid keine Techniker oder Politiker, sondern Hirten!" rief er dem versammelten Klerus in der Kathedrale von Bogotá zu. Kolumbiens Amtskirche setzt sich nach Ansicht Roms zu wenig für den Friedensprozess ein.

"Vergebung und Versöhnung"

Tatsächlich sind viele Bischöfe längst nicht so enthusiastisch wie der Papst, was das Friedensabkommen mit der Farc betrifft, das die Regierung Kolumbiens im November 2016 nach gut einem halben Jahrhundert Konflikt mit den Guerilla-Kämpfern von den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) geschlossen hatte. Gegen dieses Abkommen haben viele Kolumbianer Vorbehalte, in einer Volksabstimmung votierte eine Mehrheit zunächst dagegen.

In der Vergangenheit stand der Klerus oft auf der Seite der Herrschenden, das südamerikanische Land hat einige der konservativsten Geistlichen Lateinamerikas hervorgebracht.

Das Leitmotiv der Papstreise heißt "Vergebung und Versöhnung". Darum geht es praktisch jede Minute bei diesem kräftezehrendem fünftägigen Reisemarathon zwischen Hochanden, Karibikküste und tropischem Flachland. Das Wort Politik ist verpönt.

Für kein Selfie ist er sich zu schade

Doch diese Reise ist hochpolitisch, das weiß auch Franziskus. Es wirkt daher befremdlich, wenn ausgerechnet der politischste Papst seit Johannes Paul II. plötzlich versucht, seine Mission zu entweltlichen.

Der charismatische Franziskus ist ein Mann des Volkes, daran lässt er keinen Zweifel: Er lässt sich in einem Kleinwagen der Marke Chevrolet herumkutschieren, wenn er nicht gerade mit einem zum Papamobil umgerüsteten ungepanzertem Pick-up durch die Menge rollt und Hände schüttelt. Lustvoll durchbricht er das Protokoll, als eine Gruppe Kinder ihn umzingelt und herzt, für kein Selfie ist er sich zu schade.

Ausgerechnet dieser Papst, der in anderen lateinamerikanischen Ländern gern die herrschenden Klassen wegen ihres Elitismus und mangelnden Mitgefühls kritisiert, macht sich nun in Kolumbien zum Verbündeten der Regierenden: Franziskus und Präsident Juan Manuel Santos, ein Vertreter einer der traditionellsten und einflussreichsten Familien des Landes, wirken bei ihren gemeinsamen Auftritten wie ein Herz und eine Seele.

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Papst in Kolumbien: Vergebung, Versöhnung - Vergessen?

Franziskus schätzt es, dass der im Volk unbeliebte Santos gegen alle Widerstände und Widrigkeiten das Friedensabkommen mit der Farc durchgeboxt hat. Für diese Leistung wurde der als Opportunist verfemte Berufspolitiker mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Dass die Farc die Waffen niedergelegt hat, dass auch die zweitgrößte Guerilla ELN zu einem Friedensschluss bereit scheint, ist trotz aller Probleme bei der Umsetzung ein riesiger Fortschritt - immerhin reicht die Gewalt in Kolumbien bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Ohne Abkommen wäre er nicht nach Kolumbien gekommen

Die "Violencia" ist das große Thema von "Hundert Jahre Einsamkeit", dem inoffiziellen Nationalepos des zweiten kolumbianischen Nobelpreisträgers, Gabriel García Márquez. Franziskus zitierte in seiner Begrüßungsrede ausgiebig aus dem Werk des großen Dichters, er verlieh Santos' Friedenswerk damit eine historische Dimension. Ohne Friedensabkommen wäre er nicht nach Kolumbien gekommen, auch das machte er deutlich.

Doch ein bisschen mehr Distanz würde dem Papst ganz gut anstehen - schließlich wird Präsident Santos auch deshalb so angefeindet, weil seine Regierung in einem Strudel von Korruptionsskandalen versinkt. Die traditionellen Parteien und ihre Politiker sind im Volk noch unbeliebter als die Farc.

Ob Kolumbien den Weg zu einem dauerhaften Frieden findet, hängt auch davon ab, ob die herrschende Klasse bereit ist, gegen die grassierende Straflosigkeit vorzugehen - und damit ihre eigenen Privilegien abschafft. Dafür stehen die Aussichten jedoch schlecht.

Franziskus hat die Demoralisierung der Gesellschaft und ihrer Institutionen, die dem kolumbianischen Konflikt zu Grunde liegt, bislang nicht angesprochen. Damit läuft er das Risiko, dass seine Appelle an Vergebung und Versöhnung verhallen. Die Abwanderung der Gläubigen, die auch in Kolumbien massenweise zu evangelikalen Pfingstkirchen überlaufen, ist so nicht zu stoppen.

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Seite 1
wolke:sieben 09.09.2017
1. Dieser Papst
....schaut auch nur dahin, wo er hinschauen will und nicht dahin wo er hinschauen sollte und für seine einseitige Meinung ist er ja sowieso bekannt.
micromiller 09.09.2017
2. ER ist mit Abstand das Beste
was die Katholische Kirche in den letzten Jahrhunderten auf den Thron zauberte, Jesus Christus kann aufatmen, es gibt noch Juenger, die ihn irgendwie verstanden haben.
jozl 09.09.2017
3. oder doch der Antichrist
Ich vermisse ihn in Afrika, und anderen Plätzen wo Christen abgeschlachtet werden !
moosi1 09.09.2017
4. Wer im November 2015 in der Zentralafrikanischen Republik war,...
Zitat von jozlIch vermisse ihn in Afrika, und anderen Plätzen wo Christen abgeschlachtet werden !
... braucht sich keine Feigheit vorhalten lassen. Wie Sie richtig wahrgenommen haben, werden dort aktuell die Christen abgeschlachtet. Worauf Ihre Überschrift "oder doch der Antichrist" hinweisen will, weiß ich nicht. Wer den ersten Schritt tut, ist immer angreifbar. Mal sehen, was die anderen Staatsoberhäupter in den nächsten Wochen in Kolumbien ausrichten. Ach so, da will keiner hin?
kyon 09.09.2017
5. Nicht ernst zu nehmen
Mal zieht der Herr Bergoglio über den Westen und über die Marktwirtschaft her, dann wieder spricht er mal davon, dass jemand, der nicht "Gott" anbete, den Teufel anbete, dann bittet er - manchmal im Verbund mit anderen An-höhere-Wesen-Gläubigen- immer wieder vergeblich ein höheres Wesen um Frieden, mal lässt er sich medienwirksam mit Migranten ablichten, mal spricht er von einer "Invasion" nach Europa - und jetzt spricht er gar nicht über das, worüber er doch sprechen müsste. Der Mann ist die am meisten überschätzte Person auf der Welt. Wer ihm huldigt, ist selbst in Schuld.
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