Familiensynode im Vatikan Der Papst lädt zum Streitgespräch

Die Dogmen der Kirche zu Familie und Sexualmoral sind weltfremd, das meinen auch viele Katholiken. Jetzt empfängt Papst Franziskus seine Bischöfe, um das Problem anzugehen. Die Fronten sind verhärtet.

Von Annette Langer

Alle Hände voll zu tun: Franziskus will über das Familienbild reden
DPA/ Osservatore Romano

Alle Hände voll zu tun: Franziskus will über das Familienbild reden


Mit ernsten Gesichtern schritten sie über den glänzenden Marmorboden des Petersdoms: 20 Bräute mit luftigen weißen Schleiern, an ihrer Seite 20 nervöse Männer, direkt vor ihnen ein gutgelaunter Papst Franziskus. "Die Ehe ist Symbol des Lebens, des realen Lebens, sie ist keine Fiktion", sagte der Pontifex.

Und genauso real waren die Geschichten der Paare, die zu der Massentrauung vor zwei Wochen in Rom antraten: Da gab es seit Jahren in wilder Ehe Lebende, Geschiedene und eine Frau, die bereits Mutter ist. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die so gar nicht den katholischen Dogmen entsprach - und allein dadurch für Zündstoff sorgte.

Ab Sonntag treffen sich in Rom die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zu einer außerordentlichen Synode zum Thema Familie. Zwei Wochen lang werden sie über Ehe, Sexualmoral und wiederverheiratete Geschiedene reden. Sie werden ein Kernthema der katholischen Kirche beackern, das ein hochsensibles ist, seit liberale und konservative Kräfte darüber ihre heftigen internen Kämpfe austragen.

Der Papst hat verstanden

Im Auftrag von Papst Franziskus hatte der reformoffene deutsche Kardinal Walter Kasper vor der Kurie eine vielbeachtete Rede zur Familie gehalten. Humorvoll verdeutlichte der Professor für Dogmatik, dass die Lebensferne der Doktrin die Gläubigen in Scharen aus der Kirche treibe. Die Mehrzahl der deutschen Bischöfe steht laut ihrem Vorsitzenden Reinhard Marx, der an der Synode teilnimmt, hinter der moderaten Haltung von Kasper. Marx selbst hatte in Aussicht gestellt, dass wiederverheiratete Geschiedene in Zukunft wieder zur Kommunion zugelassen werden könnten. Tatsächlich gibt es hierzulande bereits konkrete Pläne, die laut kirchlichem Arbeitsrecht bisher geltende automatische Kündigung von Geschiedenen, die sich wiederverheiraten wollen, in Zukunft auszusetzen.

Im Februar dieses Jahres hatte der Vatikan einen Fragebogen an die Bischöfe weltweit geschickt, um eine Idee davon zu bekommen, wie es steht um die Ehe- und Sexualmoral in katholischen Familien. Das Ergebnis war weder überraschend noch revolutionär: Das Kirchenvolk kennt die Dogmen, verdrängt oder ignoriert sie aber im wahren Leben erfolgreich.

Verstanden hat das vor allem einer: Papst Franziskus. Er hält sich mit konkreten Aussagen zurück, lässt aber gleichzeitig eine Sonderkommission an einer Reform des kirchlichen Eherechts arbeiten, die eine Annullierung von Ehen erleichtern könnte - und damit eine Zweitheirat von Katholiken möglich machte.

"Das ist kein Krieg zwischen Kardinälen"

Bei der anstehenden Familiensynode muss sich der Papst allerdings auf heftigen Gegenwind einstellen. Als Replik auf Kardinal Kaspers Aufforderung, mehr Nachsicht mit den Sündern zu haben und ihnen zu helfen, anstatt sie zu verdammen, wurde nur wenige Tag vor Beginn der Synode das Buch "In der Wahrheit Christi bleiben" veröffentlicht. "Christus verbietet unzweideutig die Scheidung sowie die Wiederheirat", heißt es im Vorwort.

Autoren des Werks sind fünf konservative Kardinäle, darunter der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, der Deutsche Gerhard Ludwig Müller. "Schon die Einladung an Kasper, vor dem Kardinalskollegium zu sprechen, kam einer Ausladung von Müller gleich, der eigentlich dafür zuständig gewesen wäre", sagt Christian Weisner von der Initiative "Wir sind Kirche". Ein Affront also, der mit einem weiteren sozusagen gerächt wurde.

Wird die Synode also zum Austragungsort eines Zweifrontenkriegs? "Das ist kein Krieg zwischen Kardinälen, sondern ein Austrag von Argumenten, welcher der Klärung dient", sagt Walter Kasper im Interview mit der "Zeit". Man solle das Ganze nicht zu einer Palastrevolte hochspielen, außerdem gelte: "Lieber eine streitende Kirche als eine schlafende."

"Es ist gerade in der katholischen Kirche äußerst schwierig, jemanden auf eine Position festzunageln", sagt der Vatikanist Marco Politi. Auch bei Kardinal Müller fänden sich sowohl liberale als erzkonservative Ideen. "Die Kirche ist ein Mosaik und ein und dieselbe Person kann eine ganze Palette von verschiedenen Meinungen haben."

Das Ich gegen das Wir

Es herrscht allgemein Konsens darüber, dass Franziskus strategisch klug agiert, indem er den Gesprächsprozess über die Familie sozusagen gestückelt hat. Erst kam die Umfrage, dann die Evaluierung, jetzt die Synode, auf der Zeugnisse und Vorschläge der Bischöfe gesammelt werden sollen. Erst auf der ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode 2015 sollen konkrete Leitlinien erarbeitet werden.

In Rom sind also keine bahnbrechenden Entscheidungen oder gar Reformen zu erwarten. "Die Familiensynode wird die kirchliche Lehre nicht verändern", ließ der Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie schon mal vorab wissen. Erzbischof Vincenzo Paglia hofft vor allem eins: Dass der Fortbestand der Familie gesichert wird, denn die sei bedroht: "Es geht nicht mehr um das Wir, sondern um das Ich", wetterte er. "Die Familie wird nur noch als Ort betrachtet, an dem es um die Selbstverwirklichung geht." Sie sei aber nun mal kein Selbstbedienungsladen.

Kirchenkritiker halten wenig von dieser Verteidigung der alten Werte. "Die Kirchenleitung muss endlich vom Verbotsmodus in den Dialogmodus umschalten", sagt Christian Weisner. Die Zeit sei knapp, die Kirche verliere weltweit durch Missbrauchs-, Finanz- oder arbeitsrechtliche Skandale beständig an Einfluss und Reputation.

"Wir brauchen dringend ein neues, weiter gefasstes Familienbild, müssen weg von der Fixierung auf die Kernfamilie, das Vater-Mutter-Kind-Klischee." Was denn Familie sein kann, in Zeiten wie diesen, für einen Christen? "Nestwärme, eine Heimat für Kinder, das Versprechen, in dauerhafter Verantwortung miteinander zu leben."

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Scheidungskind 04.10.2014
1.
Kinder brauchen dauerhafte und zuverlässige Bezugspersonen - warum, kann man sehr oft an Menschen sehen, deren Eltern sich vor ihrem 6. Lebensjahr getrennt haben - distanziert, stressanfällig und von Minderwertigkeitsgefühlen getrieben. Nicht das Kirchenrecht ist antiquiert, sondern das liberale Scheidungsrecht der Bedeutung des Themas Ehe völlig unangemessen.
brotherandrew 04.10.2014
2. Jesus Christus ...
... bezeichnet die Wiederheirat Geschiedener als Ehebruch. Das ist der Maßstab, an dem sich der Papst und die Kardinäle messen lasen müssen.
lapje 04.10.2014
3.
Zitat von ScheidungskindKinder brauchen dauerhafte und zuverlässige Bezugspersonen - warum, kann man sehr oft an Menschen sehen, deren Eltern sich vor ihrem 6. Lebensjahr getrennt haben - distanziert, stressanfällig und von Minderwertigkeitsgefühlen getrieben. Nicht das Kirchenrecht ist antiquiert, sondern das liberale Scheidungsrecht der Bedeutung des Themas Ehe völlig unangemessen.
Genau...die Eltern sollten zusammenbleiben obwohl es vorne und hinten nicht funktioniert und sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Das tut den Kindern natürlich sehr gut. Für wie dumm halten Sie Kinder eigentlich? Glauben Sie wirklich, dass Kindern nicht merken würden, wenn etwas nicht stimmt? Das macht diese nicht wirklich gefestigter... Bei solch einem Argument müssten alle "Scheidungskinder" traumatisiert sein und allen Kinder von Eltern, die gezwungender Maßen zusammen geblieben sind, müsste es blendend gehen. Das ganze hat nur ein Problem: Die Realität sieht bisweilen anders aus!
seikor 04.10.2014
4. ja, und?
Zitat von ScheidungskindKinder brauchen dauerhafte und zuverlässige Bezugspersonen - warum, kann man sehr oft an Menschen sehen, deren Eltern sich vor ihrem 6. Lebensjahr getrennt haben - distanziert, stressanfällig und von Minderwertigkeitsgefühlen getrieben. Nicht das Kirchenrecht ist antiquiert, sondern das liberale Scheidungsrecht der Bedeutung des Themas Ehe völlig unangemessen.
Gemeinsame Bezugspersonen kann man leider nicht durch ein anderes Scheidungsrecht erzwingen. Scheidungen beenden häufig zum Glück die Qual vieler Kinder, die Streitereien der Eltern ertragen zu müssen. Auf diesem Gebiet ist die Kirche so was von rückständig - sie verhindert geradezu stabile Bezugspersonen, indem sie die Wiederverheiratung verhindern will!
Q16 04.10.2014
5.
Zitat von ScheidungskindKinder brauchen dauerhafte und zuverlässige Bezugspersonen - warum, kann man sehr oft an Menschen sehen, deren Eltern sich vor ihrem 6. Lebensjahr getrennt haben - distanziert, stressanfällig und von Minderwertigkeitsgefühlen getrieben. Nicht das Kirchenrecht ist antiquiert, sondern das liberale Scheidungsrecht der Bedeutung des Themas Ehe völlig unangemessen.
Haben Sie sich auch mal die Kinder angesehen, die jahrelang bei völlig inkompatiblen Eltern gelebt haben? Jaja, Hauptsache das Kirchenrecht wird eingehalten....
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