Fliegende Pressekonferenz nach Nahost-Reise Papst nennt Kindesmissbrauch "satanische Messe"

Überraschend deutlich hat sich Papst Franziskus zu Fällen von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche geäußert. Auch der Zölibat und ein möglicher Rücktritt kamen bei einer Fragerunde über den Wolken zur Sprache.


Rom/Jerusalem - Nach seiner dreitägigen Nahost-Reise hat Papst Franziskus während des Rückflugs nach Rom zu einigen kontrovers diskutierten Themen der katholischen Kirche Stellung bezogen. Ungewohnt deutlich äußerte er sich unter anderem zu Fällen von Kindesmissbrauch durch Geistliche. Zur Sprache kamen auch der Zölibat sowie der Rücktritt seines Vorgängers Benedikt XVI.

Pädophile Übergriffe seien ein großes Problem, bei dem es für die Kirche nur eine Null-Toleranz gebe, bekräftigte er. "Sexueller Missbrauch ist ein schreckliche Straftat, weil ein Geistlicher, der so etwas tut, Verrat begeht am Leib des Herrn. Das ist wie eine satanische Messe", sagte Franziskus.

Gegen drei Bischöfe werde derzeit wegen pädophiler Übergriffe ermittelt, einer sei bereits verurteilt worden. Es gebe für die Beschuldigten "keine Privilegien". Der Papst kündigte außerdem für die kommende Woche eine Messe an, die er im Vatikan gemeinsam mit acht Missbrauchsopfern feiern wolle. Zwei davon sind Deutsche, andere Betroffene kommen aus England und Irland. Nach dem gemeinsamen Gottesdienst wolle er sich mit ihnen in privaten Gesprächen über ihre Erfahrungen unterhalten, sagte Franziskus.

"Tun, was der Herr mir aufträgt"

Auch über seinen Vorgänger Benedikt XVI. sprach der Papst. Benedikt habe mit seinem Rücktritt ein Zeichen für kommende Päpste gesetzt, sagte Franziskus. "Er hat eine Tür geöffnet für emeritierte Päpste, die es zuvor nicht gegeben hat." Nur Gott wisse, ob es weitere Fälle dieser Art geben werde, "aber die Tür ist offen". Auch für sich selbst schloss Franziskus einen Rücktritt nicht aus. So müsse sich ein Papst dieselben Fragen stellen wie Benedikt, wenn er fühle, dass seine Kräfte schwinden. Wenn die Zeit gekommen sei, "werde ich tun, was der Herr mir aufträgt, ich werde beten und versuchen, seinen Willen zu ergründen. Aber ich glaube, dass Benedikt XVI. kein Einzelfall bleiben wird."

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Franziskus nach Nahost-Reise: Fragerunde über den Wolken
Den umstrittenen Zölibat verteidigte Franziskus während seiner Fragerunde. Unverheiratete Priester seien ein Geschenk an die Kirche, das er schätze, und kein Glaubensdogma. Zwar seien die Türen für eine Diskussion offen, derzeit stünden jedoch für die Kirche andere Themen mehr im Mittelpunkt.

Auch zu weltlichen Fragen äußerte sich das Kirchenoberhaupt. So lobte Franziskus die Präsidenten Israels und der Palästinenser für ihren Mut. Dabei bezog er sich auf ein geplantes gemeinsames Gebet für Frieden im Nahen Osten, nachdem Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Israels Staatschef Schimon Peres eine entsprechende Einladung des Papstes in den Vatikan angenommen hatten.

Brandanschlag nach Papstbesuch

Abbas und Peres hätten den "Mut, einen Schritt nach vorn zu gehen", sagte Franziskus, stellte allerdings klar, dass es bei dem geplanten Treffen nur darum gehe, gemeinsam zu beten. Es handle sich nicht um einen Vermittlungsversuch im Nahost-Konflikt; auch Diskussionen werde es keine geben. Franziskus hatte seine Einladung für das gemeinsame Gebet Anfang Juni am Sonntag überraschend bei einer Messe unter freiem Himmel in Bethlehem ausgesprochen.

Am Montag hatte das Kirchenoberhaupt in Jerusalem seine mehrtägige Nahost-Reise beendet. Zuvor hatte der Papst Jordanien und Bethlehem in den Palästinensergebieten besucht. Franziskus setzte sich bei seinen Auftritten vor allem für die Zusammenarbeit der drei Weltreligionen ein.

Getrübt wurde Franziskus' Aufenthalt in Jerusalem am Montagabend von einem Brandanschlag auf eine der wichtigsten katholischen Kirchen der Stadt, der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg. Nur kurz zuvor hatte Franziskus in der Nähe eine Messfeier zelebriert.

Auf dem Flug von Tel Aviv nach Rom plauderte er rund 40 Minuten lang mit Journalisten. Über Warnungen seines Sprechers Federico Lombardi, sich doch besser zu schonen, ging der Papst damit hinweg. Ohnehin ist die Fragestunde über den Wolken für ihn inzwischen fast eine Tradition. Bereits im vergangenen Jahr hatte Franziskus eine stundenlange "fliegende Pressekonferenz" gegeben - damals auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro.

rls/dpa/AFP/Reuters/AP



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realistin2 27.05.2014
1. -
"Sexueller Missbrauch ist ein schreckliche Straftat, weil ein Geistlicher, der so etwas tut, Verrat begeht am Leib des Herrn. Das ist wie eine satanische Messe" - Am Leib des Herren? Aus Sicht der kath. Kirche viellt. - in erster Linie geht es hier im den Leib der Kinder. Trotzdem, nach Jahren des Totschweigens scheint etwas Bewegung in bisherige Tabuthemen zu kommen.
cato. 27.05.2014
2. ...
Zitat von sysopAPNull Toleranz für Täter: Überraschend deutlich hat sich Papst Franziskus zu Fällen von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche geäußert. Auch der Zölibat und ein möglicher Rücktritt kamen bei einer Fragerunde über den Wolken zur Sprache. http://www.spiegel.de/panorama/papst-franziskus-nennt-kindesmissbrauch-satanische-messe-a-971867.html
Nein Herr Bergoglio, da muss sich die Kirche bei diesem sehr Katholischen Problem selbst an die Nase fassen, mit Satanismus hat das nichts zu tun, weder mit dem modernen Satanismus noch mit Teufelsanbetern. Und ob ein Geistlicher Verrat an irgendwelchen Mythen und Legenden begeht ist nicht der springende Punkt, dass schreckliche Verbrechen ist der Missbrauch der an sich, der die Opfer teilweise ein leben lang verfolgt und ihr ganzes Leben zerstört. Und die Katholische Kirche leistet mit ihrer Vertuschungspolitik und zahmen Kirchengerichtsbarkeit Beihilfe.
hevopi 27.05.2014
3. Ein Geschenk des Himmels
ist dieser Papst. Endlich mal Klartext, dass wird aber vielen der verlogenen Kirchenfürsten nicht gefallen.
Juhuu 27.05.2014
4. Überschätzter Papst
Bis auf seinen sympathischen Verzicht auf Prunk hat er noch nichts geleistet. Habe nicht davon gehört, dass kinderschändigende Würdenträger exkommuniziert wurden (dafür aber solche die eigene Liturgie feiern). Das Zölibat sei ein Geschenk an die Kirche, kein Dogma. So, so. Geschenke sind doch eigentlich freiwillig ? Fazit: es bleibt alles beim ganz Alten.
rawi65 27.05.2014
5. nur Worte... oder?!
Wichtig erscheint mir, dass überhaupt von dem höchsten Repräsentanten mal so eindeutige Worte kommen. umso wichtiger wird es sein dass diesen Worten auch Taten folgen. Gerechtigkeit ist erst dann erfolgt, wenn Priester der zivilen Gerichtsbarkeit überstellt sind und wieder ganz normale Verbrecher behandelt und bestraft worden ist.
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