Presseschau zur Papstwahl: "Schon wieder die Hand Gottes!"

Sonderausgabe einer Zeitung in Kolumbien: "Argentinischer Papst" Zur Großansicht
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Sonderausgabe einer Zeitung in Kolumbien: "Argentinischer Papst"

Ein Argentinier ist Papst - die internationale Presse fühlt sich an Diego Maradonas "Hand Gottes" erinnert. Ein historisches Signal sei die Wahl, meinen einige Zeitungen. Andere schlagen kritischere Töne an. Die Reaktionen zu Papst Franziskus im Überblick.

ARGENTINIEN

La Prensa: "Der neue Papst ist ein gemäßigter Jesuit, Liebhaber von Tango und Fußball, dialogbereit und moderierend."

Clarín: "Ein historischer Tag"

Pagina12: "Mein Gott! (…) Ich halte es für gesichert, dass der neue Bischof von Rom ein 'Ersatz' sein wird... ein Surrogat von minderer Qualität, wie die Wasser-Mehl-Mischung, die indigene Mütter nutzen, um den Hunger ihrer Kinder zu überlisten", schreibt der renommierte Essayist und Literaturkritiker Horacio Verbitsky in Anlehnung an das deutsche Wort.

La Nación: Die argentinische Tageszeitung betont, dass Bergoglios Verhältnis zur Casa Rosada, dem argentinischen Präsidentenpalast, schon immer spannungsgeladen war. Während der Regierungszeit von Néstor Kirchner ebenso wie bei dessen Frau und Nachfolgerin Cristina Kirchner sei es eine "Beziehung mit einigem Hin und Her gewesen: zwischen kühl, schlecht und sehr schlecht". Dies ging soweit, dass Néstor Kirchner Bergoglio einst als "geistigen Führer der Opposition" bezeichnete, den viele politische Akteure regelmäßig um Rat fragen. Auch Cristina Kirchner wird nach Rom reisen, um der Amtseinführung des Papstes beizuwohnen.


USA

New York Times: "Der neue Papst ist sowohl eine historische als auch eine gewöhnliche Wahl. (...) Er ist der erste Jesuit und der erste Papst aus Lateinamerika. Aber Kardinal Bergoglio ist auch eine gewöhnliche Wahl, ein theologisch Konservativer italienischer Herkunft, der die Standpunkte des Vatikan zu Abtreibung, Homo-Ehe, der Ordination von Frauen und zu anderen wichtigen Fragen energisch vertritt."

Washington Post: "'Lasst uns diese Reise beginnen': Erster lateinamerikanischer Papst verkörpert eine kulturelle Brücke. (...) Als überzeugter Konservativer und strenggläubiger Jesuit in Lateinamerikas sozial fortschrittlichstem Land ist Kardinal Jorge Mario Bergoglio, jetzt Papst Franziskus, eine fast salomonische Wahl durch die Prinzen der Kirche.

Chicago Tribune: "Franziskus: Reise des Vertrauens beginnt. Die Wahl des argentinischen Kardinals Jorge Bergoglio zum Papst hat den jahrhundertealten Zugriff Europas auf das Papstamt gebrochen und dadurch die Tür für ein neues Zeitalter der Bescheidenheit und Demut für die römisch-katholische Kirche geöffnet, die in Intrigen und Skandale verstrickt ist.

Philadelphia Inquirer: "Franziskus: Erster Papst aus Amerika".


ITALIEN

Repubblica: Das Blatt zitiert den Erzbischof von Turin, Cesare Nosiglia: "Der heilige Vater (...) wird einen Hauch der Erneuerung bringen, dank seiner Herkunft von einem Kontinent, auf dem die Kirche jung und offen für eine Zukunft des spirituellen und pastoralen Wachstums ist. Wir als Piemonteser sind stolz, dass die Familie des Papstes Franziskus Wurzeln in unserer Heimat hat. Ich fühle in meinem Herzen (...) eine große Erleichterung, weil wir besonders schwierige und komplexe Zeiten erleben."

Corriere della sera: In der Zeitung erklärt der Historiker und Schriftsteller Vittorio Messori: "Die römische Kirche verliert den sogenannten Kontinent der Hoffnung. (...) Südamerika wendet sich vom Katholizismus ab, die Kirche verliert täglich Tausende Männer und Frauen. (...) Seit Anfang der achtziger Jahre hat Lateinamerika etwa ein Viertel der Gläubigen verloren. Wo gehen die hin? Sie gehen in die evangelikalen Gemeinden, zu den Pfingstlern, die von den großen US-amerikanischen Geldgebern geschickt und finanziert werden, um den alten Traum des US-Protestantismus verwirklichen: Endlich dem 'päpstlichen' Aberglauben auf dem Kontinent ein Ende zu setzen."


GROSSBRITANNIEN

Guardian: "Die Wahl Jorge Bergoglios zeigt eine Verlagerung weg von Europa. (...) Die Wahl Kardinal Jorge Bergoglios zum neuen Papst Franziskus versinnbildlicht eine bemerkenswerte Bewegung weg von den konservativen und vorsichtigen vergangenen beiden Pontifikaten. Auch wenn Bergoglio als gemäßigter Konservativer beschrieben wird, so stehen Jesuiten doch innerhalb der Kirche für strenges und unabhängiges Denken. Unter Papst Johannes Paul II. fielen sie in Ungnade, weil sie die Befreiungstheologie Lateinamerikas unterstützten. Die Wahl eines Jesuiten aus Lateinamerika wäre vor 30 Jahren unvorstellbar gewesen. Die Wahl Bergoglios ist eine Verschiebung des Mittelpunkts der Kirche - weg von Europa und hin zum Kontinent, auf dem die meisten Katholiken leben. Und wo die Herausforderungen der Kirche sich von denen Europas unterscheiden."

Sun: "Hand Gottes (...) Vergangene Nacht wurde bekannt, dass der neue Papst Großbritannien dazu bewegen will, die Falkland-Inseln zurückzugeben. Einst sagte er: 'Die Malvinas (auf Spanisch werden die Falkland-Inseln als Islas Malvinas bezeichnet - d. Red.) gehören uns.' Er unterstützte auch die argentinischen Soldaten bei ihrem zum Scheitern verurteilten Versuch, die Inseln wieder zu ergattern. (…) Franziskus spricht Spanisch, Italienisch und Deutsch - aber kein Englisch. (…) Er war Teil einer Gruppe katholischer Bischöfe, die den Vatikan davon überzeugen wollte, die Falkland-Inseln einer argentinischen Diözese zuzuordnen."


AUSTRALIEN

Sydney Morning Herald: "Aufregende Premiere: Der verblüffende Name des Papstes".

The Australian: "Jorge Mario Bergoglio, Papst Franziskus, wird als bescheiden und nüchtern beschrieben und hat eine politische Vergangenheit".


NIEDERLANDE

De Telegraaf: "Mit der Wahl des neuen Papstes Franziskus schlägt die Kirche von Rom nach Jahren des Stillstands einen neuen Weg ein. Der argentinische Kardinal Bergoglio (...) machte mit seinem ersten öffentlichen Auftritt deutlich, dass ein neuer Wind durch den Vatikan wehen wird."

Volkskrant: "Mit der Wahl eines Nichteuropäers zum Papst zeigen die Kardinäle, dass sich der Schwerpunkt der Kirche verschiebt - in Richtung Dritte Welt."


ÖSTERREICH

Die Presse: "Die katholische Kirche erfindet sich selbst durch den Papst aus Lateinamerika nun gewissermaßen neu."

Der Standard: "Mit der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst will die katholische Kirche ein Zeichen setzen. Es wurde erstmals kein Vertreter aus Europa sondern aus Lateinamerika - einer Region, in der der Katholizismus noch einen wichtigen Stellenwert hat, wo jedoch Evangelikale auf dem Vormarsch sind."


SCHWEDEN

Dagens Nyheter: "Als das Bild von den Kardinälen auf dem Weg in die Sixtinische Kapelle um die Welt ging, drängte sich der Gedanke auf, dass der Katholizismus dabei ist, sich selbst zu überleben. Eine Schar unverheirateter Männer im fortgeschrittenen Alter (...) steht für Tradition. Aber wo ist die Modernität? Vor allem in der Balance zwischen Modernität und Tradition liegt die große Herausforderung für Franziskus."


SCHWEIZ

Neue Zürcher Zeitung: "Mit diesem Entscheid bekennt sich die katholische Kirche endlich auch im Papstamt zu ihrer Verfasstheit als Weltkirche, trotz der immer noch herrschenden europäischen Dominanz des Kardinalskollegiums. (...) Lateinamerika, die Heimat der von Rom verfemten Befreiungstheologie, steht für eine lebendige und wachsende Kirche auf der Seite der Menschen."

Blick: "Eine massive Akzentverschiebung steht mit dem Pontifikat von Franziskus I. dennoch an: Zum ersten Mal überhaupt wird ein Mann aus der Neuen Welt Oberhaupt der 1,2 Milliarden Katholiken. Etwas wärmer anziehen müssen sich jetzt wohl die Italiener: Sie haben die Kurie mit allzu großem Schlendrian verwaltet. Damit könnte nun Schluss sein."


FRANKREICH

Le Monde: "Argentinien: Schon wieder die Hand Gottes!"

La Croix: "Die Spannung hat nicht lange angehalten. Die schnelle Wahl gibt dem neuen Papst die Sicherheit, das volle Vertrauen seiner Brüder zu haben. Sie haben auch Vorhersagen widerlegt, auch wenn die Person Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, sicher nicht unbekannt ist. Gewählt wurde ein Nichteuropäer, ein Jesuit, ein Mann (...) mit gebrechlicher Gesundheit, bescheiden. Er wird sicherlich die Kurie erneuern müssen, die durch die Vatileaks-Affäre angeschlagene Zentralregierung der Kirche. Aber vor allem wird er den gläubigen Katholiken Zuversicht geben müssen in einer mehr und mehr gottlosen Welt."


BELGIEN

De Standaard: "Offensichtlich ist zu den Kardinälen durchgedrungen, dass das Ruder herumgerissen werden muss. Der erste Auftritt des neuen Papstes brachte der Welt einen ungekünstelten Mann mit einfachen Worten, einen Mann des Gebets, ohne großes Gehabe."

ala/han/rls/ulz/wit/dpa

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Forum - Papst Franziskus - kann er die Erwartungen erfüllen?
insgesamt 1666 Beiträge
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    Seite 1    
1. Franziskus
stiip 13.03.2013
Zitat von sysopDas Konklave ist beendet, Erzbischof Jorge Mario Bergoglio aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist der neue Papst. Der Nachfolger von Benedikt XVI. wird die unterschiedlichsten Erwartungen an ihn und sein Pontifikat aus der ganzen Welt moderieren müssen. Was denken Sie - kann Papst Franziskus diese Erwartungen erfüllen?
Ich weiß nicht viel über den Herrn Bergoglio, aber die Wahl des Papstnamens lässt ja fast so etwas wie Hoffnung aufkeimen.
2. Überraschung
shareman 13.03.2013
Das ist doch mal eine Überraschung - der Name wurde weniger genannt in den letzten Tagen. Jetzt also ein Südamerikaner!
3. Toll
mattin666 13.03.2013
Gott sei mit Dir!!!
4. Papst Franziskus I - kann er die Erwartungen erfüllen?
sysop 13.03.2013
Das Konklave ist beendet, Erzbischof Jorge Mario Bergoglio aus Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist der neue Papst. Der Nachfolger von Benedikt XVI. wird die unterschiedlichsten Erwartungen an ihn und sein Pontifikat aus der ganzen Welt moderieren müssen. Was denken Sie - kann Papst Franziskus I diese Erwartungen erfüllen?
5. Gesetz gilt wieder
fritzwert 13.03.2013
"Wer als Favorit ins Konklave reingeht, kommt als Kardinal wieder raus."
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