Papst-Appell an die Jugend: "Mischt euch ein!"

Von Jens Gluesing, Rio de Janeiro

Drei Millionen Pilger bejubeln den Papst. Franziskus wandte sich zum Abschluss des Weltjugendtags in Rio de Janeiro in einer flammenden Ansprache an die junge Generation und forderte sie dazu auf, sich einzumischen und für eine bessere Welt zu kämpfen.

Er schlägt sich wacker auf Portugiesisch; doch wenn es drauf ankommt, redet der argentinische Papst in seiner Muttersprache. Auf Spanisch hielt Franziskus am Samstag im Stadttheater von Rio seine wohl wichtigste Rede: "Zwischen der egoistischen Gleichgültigkeit und dem gewalttätigen Protest gibt es eine Option, die immer möglich ist: den Dialog", sagte er vor Politikern, Kirchenleuten und Künstlern. Zum ersten Mal nahm er direkt zu den Protesten Stellung, die seine knapp einwöchige Reise zum Weltjugendtag nach Rio de Janeiro begleiteten.

Zwar gingen längst nicht so viele Menschen auf die Straße wie im Juni, als Brasilien von Massendemonstrationen gegen die Korruption der herrschenden Klasse erschüttert wurde. Knapp 300 Protestierende mischten sich Freitagnacht unter die Pilger an der Copacabana. Die Demonstranten hatten klargestellt, dass sich ihre Proteste nicht gegen den Papst richten; sie wollten nur den Medienrummel ausnutzen, der den Pontifex begleitete.

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Papst Franziskus in Rio: Die große Copacabana-Messe
Dabei findet Brasiliens ungeduldige Jugend bei diesem Papst ein offenes Ohr. "Die Zukunft fordert von uns eine humanistische Vision der Wirtschaft und eine Politik, die mehr Menschen die Teilnahme ermöglicht", ermahnte Franziskus die im Theater versammelten Politiker. Elitismus gelte es zu vermeiden. Da mögen so manchem im Publikum die Ohren geklungen haben.

Brasiliens Protestbewegung hat zwar den Höhepunkt überschritten, die Massendemonstrationen sind vorbei. Allerdings kommt es überall im Land weiterhin zu kleinen Protestmärschen, die oft von einer gewaltbereiten Minderheit begleitet werden. Die Regierung reagierte mit einem Über-Aufgebot an Sicherheit: Mehr als 20.000 Soldaten und Polizisten sind unterwegs, um den Papst zu schützen. Sie kontrollierten das Zimmer des Pontifex auf radioaktive Strahlungen, rasten mit Gewehren durch die Stadt und schüchterten die Pilger mit martialischen Pumpguns ein.

Franziskus versetzt die Stadt ins Chaos

Die Cariocas, wie die Einwohner von Rio heißen, sind einiges an Großveranstaltungen gewohnt, doch der Papst schlägt alles: Mehr als drei Millionen Besucher sind am Samstag zur Nachtwache an die Copacabana geströmt. Dauerregen verwandelte zudem das riesige Feld, auf dem der Papst seine Abschlussmesse halten wollte, in eine Schlammwüste; die Veranstaltung wurde daraufhin an die Copacabana verlegt. Zwischendurch fiel auch noch die U-Bahn für zwei Stunden aus, Lastwagen voller Chemieklos versperrten den Pilgern den Weg, viele wurden in dem Gedränge ohnmächtig. Gleichzeitig frohlockten die Taschendiebe.

Bürgermeister Eduardo Paes entschuldigte sich für das Chaos, aber die Pilger ließen sich von Organisationschaos und Kaltfront nicht die Laune verderben: "Wir leiden nicht, wir bringen unser Opfer für den Papst", versicherte Claire Wu aus Taipeh und lachte fröhlich. "Die Toiletten sind knapp, die Wege könnten auch besser ausgeschildert sein." Irgendwie hatte sie trotzdem den Weg an die Copacabana gefunden.

Die Nacht von Samstag auf Sonntag wollte sie am Strand verbringen; die Nachtwache vor der großen Abschlussmesse hat Tradition. Das Menschenmeer an der Copacabana bedeckte die gesamte sechs Kilometer lange Strandmeile, nicht mal Silvester ist es so voll. Erstmals nach sechs Tagen schien die Sonne, auch nachts wurden die Pilger vom Regen verschont. Papst Franziskus hatte dem Bürgermeister empfohlen, der Heiligen Santa Clara ein Dutzend Eier zu opfern, das sei ein bewährtes katholisches Hausmittel gegen schlechtes Wetter. Offenbar hatte das Rezept gewirkt.

Einfach hat Franziskus es den Organisatoren nicht gemacht: Statt im gepanzerten Papamobil ließ er sich in einem einfachen Fiat kutschieren. Immer wieder kurbelte er die Scheibe herunter, der Wagen hatte nicht mal elektrische Fensteröffner. Nur das offene Papamobil kam zum Einsatz, immer wieder ließ er anhalten und stieg vom Auto herunter; er segnete jedes Baby, das ihm entgegengehalten wurde. Ohne zu zögern setzte er einen Federschmuck auf, den ihm ein Indianer als Geschenk überreicht hatte.

Ein Papst mit Charisma

Viele Brasilianer fühlten sich an Ex-Präsident Lula erinnert, der ließ sich auch gern mit Häuptlingsschmuck fotografieren. "Kein Vergleich zu seinem Vorgänger Benedikt", sagte anerkennend Pablo Verde, 26, der aus Uruguay zum Kirchenfest gekommen war. "Dieser Papst hat Charisma."

Franziskus spricht eine einfache, klare Sprache; er trifft den Nerv der Jugend - das ist vielleicht der größte Unterschied zu seinem Vorgänger. Viele vergleichen ihn bereits mit Johannes Paul II., der in Lateinamerika verehrt wird wie kein anderer.

Doch wie viel Substanz steckt in seinen Reformen? Der katholischen Kirche laufen in Lateinamerika ihre Schäfchen davon; in der Westzone von Rio ist die Mehrheit der Bevölkerung bereits evangelisch. Franziskus will die Kirche öffnen, er scheucht seine Priester hinaus in die Welt. Sie sollen auf das Volk zugehen, statt darauf zu warten, dass es in die Kirche kommt.

Franziskus will der Papst der Armen sein, doch die suchen immer öfter Hilfe bei den evangelischen Kirchen. Denn die zeigen einen Weg aus dem Elend auf, sie helfen bei Arbeitssuche und predigen Unternehmergeist. Die katholische Kirche mit ihrer starren Liturgie und dem ewigen Vergebungsversprechen nehmen viele Gläubige dagegen als statisch wahr, die Aufsteigerkirchen sind die Evangelikalen. Dieses Grunddilemma der Katholiken in Lateinamerika rührt auch Franziskus nicht an, obwohl er sich so weltlich gibt wie kein Papst vor ihm.

Die wahren Herausforderungen lauern ohnehin daheim in Rom. Dort warten Skandale um die Vatikanbank, die Schwulen-Mafia und eine widerspenstige Kurie auf den Papst. Aber vielleicht ist da wenigstens das Wetter besser als im kalten Rio.

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1. Da sollte er.....
curti 28.07.2013
Zitat von sysopREUTERSDrei Millionen Pilger bejubeln den Papst. Franziskus wandte sich zum Abschluss des Weltjugendtags in Rio de Janeiro in einer flammenden Ansprache an die junge Generation und forderte sie dazu auf, sich einzumischen und für eine bessere Welt zu kämpfen. http://www.spiegel.de/panorama/papst-franziskus-ruft-jugend-zum-kampf-fuer-bessere-welt-auf-a-913531.html
....mit gutem, christlichen Beispiel vorangehen und sich zunächst konsequent in seiner Kirche einmischen. Nicht fortwährend diese vollmundigen Sprechblasen! Gibt da zuhauf Baustellen auf denen sich Anspruch und Wirklichkeit krass gegenüber stehen. Bayern wäre ein ideales Areal zur Bekehrung, z.B. Politiker dort mit einem C voran und den Hals nicht vollkriegend. Überhaupt ist die Gier, eine der großen Sünden im Katholizismus, gerade unter diesen "Schafen" sehr ausgeprägt. Also, erst einmal bei sich beginnen und dann versuchen auf das Umfeld positiv einzuwirken. Amen!
2. schlechtes Erinnerungsvermögen
bio1 28.07.2013
Er hätte selbst zu einer besseren Welt beitragen können, indem er vor der argentinischen Justiz sich hätte erinnern können, wer die entführten Armen-Pfarrer Yorio und Jalics bei den Militärs denunzierte. "Bergoglio wurde im Jahr 2010 befragt Während einer Untersuchung fragte die argentinische Justiz Bergoglio, wer die Gerüchte gegen Yorio und Jalics in die Welt setzte. Bergoglio nannte keine Namen, stattdessen redete er über “Sektoren” innerhalb der Kirche. Solche Gerüchte hätte es jedoch schon vor der Diktatur gegeben, immer dann wenn Pfarrer sich für Arme einsetzten. Auf die Frage, ob er sich an eine konkrete Situation und Namen erinnern könne, war seine Antwort: “Nein.” (youtube, zeitindex 4:34). Er erinnerte sich, dass ein Mann aus dem Armenviertel ihn anrief, um von der Entführung zu berichten. Er weiß nicht, wer diese Person war [10:30]. Ihm wurde die Frage gestellt, ob er wüsste, wie die Version entstand, dass die militärische Marine die beiden Priester entführte [15:20]. Bergoglio antwortete schnell “Nein” und erklärte, dass die öffentliche Meinung es besagte. Daraufhin wurde er gefragt, wer die öffentliche Meinung sei. Bergoglio antwortete, es wären verschiedene “Sektoren” der Kirche gewesen, er hatte mit einflussreichen Personen gesprochen. Auf die nochmalige Frage, ob er sich an einen Namen erinnern könnte, war Bergoglios Antwort ein kategorisches “Nein”. [16:10] Wie kann es möglich sein, dass er dies vergaß? Was machte der “heilige Vater” für die Diktatur Argentiniens? | Friedensblick (http://friedensblick.de/5506/was-machte-der-heilige-vater-fuer-die-diktatur-argentiniens/)
3. das
rbn 28.07.2013
und verlangt einiges von den katholischen Gläubigen. Es verlangt nämlich nicht nur die Bereuung einer schlechten Tat (wie bei den Lutheranern und den Evangelikalen) sondern auch deren irdische, materielle Wiedergutmachung. Also, ein evangelischer Gläubiger der Steuern hinterzogen hat, erlangt Vergebung seiner Schuld allein durch die Barmherzigkeit Gottes. Es steht nirgends, dass er die vom Finanzamt nicht entdeckten Steuern zur Wiedergutmachung nachzahlen muss. Hingegen genügt bei dem Katholiken Hoeness es nicht, dass er nur zur Beichte geht. Vielmehr muss er jeden hinterzogenen Cent nachzahlen, auch den, den das Finanzamt übersehen hat. Ein Evangelikaler kommt also billiger davon. Vielleicht deshalb der grosse Zulauf.
4. das
rbn 28.07.2013
und verlangt einiges von den katholischen Gläubigen. Es verlangt nämlich nicht nur die Bereuung einer schlechten Tat (wie bei den Lutheranern und den Evangelikalen) sondern auch deren irdische, materielle Wiedergutmachung. Also, ein evangelischer Gläubiger der Steuern hinterzogen hat, erlangt Vergebung seiner Schuld allein durch die Barmherzigkeit Gottes. Es steht nirgends, dass er die vom Finanzamt nicht entdeckten Steuern zur Wiedergutmachung nachzahlen muss. Hingegen genügt bei dem Katholiken Hoeness es nicht, dass er nur zur Beichte geht. Vielmehr muss er jeden hinterzogenen Cent nachzahlen, auch den, den das Finanzamt übersehen hat. Ein Evangelikaler kommt also billiger davon. Vielleicht deshalb der grosse Zulauf.
5. das
rbn 28.07.2013
und verlangt einiges von den katholischen Gläubigen. Es verlangt nämlich nicht nur die Bereuung einer schlechten Tat (wie bei den Lutheranern und den Evangelikalen) sondern auch deren irdische, materielle Wiedergutmachung. Also, ein evangelischer Gläubiger der Steuern hinterzogen hat, erlangt Vergebung seiner Schuld allein durch die Barmherzigkeit Gottes. Es steht nirgends, dass er die vom Finanzamt nicht entdeckten Steuern zur Wiedergutmachung nachzahlen muss. Hingegen genügt bei dem Katholiken Hoeness es nicht, dass er nur zur Beichte geht. Vielmehr muss er jeden hinterzogenen Cent nachzahlen, auch den, den das Finanzamt übersehen hat. Ein Evangelikaler kommt also billiger davon. Vielleicht deshalb der grosse Zulauf.
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Der Papst beim Weltjugendtag: Millionen Gläubige feiern Franziskus


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