Franziskus und sein Widersacher Die feine Rache des Papstes

Papst Franziskus hat seinen ärgsten Widersacher an den Rand der Welt geschickt. Natürlich nur vorübergehend, zur Aufklärung eines komplizierten Missbrauchsfalles. Womit hat er das verdient?

Papst Franziskus
REUTERS

Papst Franziskus


Guam ist eine Insel im Pazifik, knapp 50 mal 20 Kilometer groß, mit etwa 160.000 Bewohnern, 85 Prozent davon katholischen Glaubens. Das entlegene Eiland gehört zu den Außengebieten von Donald Trump und dient den USA als großer Luftwaffenstützpunkt.

Es ist feucht und warm dort, in diesen Tagen um die 29 Grad. Ab und zu gibt es Taifune und nicht selten auch Erdbeben. Es ist gewiss nicht die Sommerfrische, die sich der 69-jährige Kardinal Raymond Leo Burke auserkoren hätte, wenn er denn hätte wählen dürfen. Aber das durfte er nicht.

Auf Befehl seines Chefs, dem Pontifex Maximus der katholischen Welt, Papst Franziskus, musste er vorigen Mittwoch über 12.000 Kilometer weit fliegen, um dort in den kommenden Monaten einen Missbrauchsfall zu untersuchen. Dem Erzbischof auf der Tropeninsel, Anthony Apuron, 71 Jahre alt, wird vorgeworfen, in den Siebzigerjahren Kinder missbraucht zu haben. Was Apuron bestreitet und was der Amerikaner Burke jetzt in einem Fall klären soll.

Kein leichter Job, aber er ist seit vorigen Oktober nun einmal Vorsitzender eines Tribunals der römischen Glaubenskongregation, das solche Fälle unter die Lupe nehmen soll. Auch diesen Arbeitsplatz hatte sich Burke nicht ausgesucht. Denn zuvor, von 2008 bis 2014, war er ein sehr einflussreicher Mann im Vatikan. Er war Präfekt, also Chef der "Apostolischen Signatur". Das ist seit 1608 das oberste Gericht der römischen Kurie. Aber dann hatte Burke sich, gemeinsam mit etlichen Gleichgesinnten, einen offenen Machtkampf mit dem Papst geliefert. Und, wie es scheint, hat er den verloren. Zumindest vorerst. Was steckt dahinter?

Die "Schlacht" - wie der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper den Glaubenskrieg im Vatikan genannt hat - tobt seit Jahren. Es geht um das richtig-katholische Familienbild, vor allem um den Umgang mit Homosexuellen und wiederverheirateten Geschiedenen. Man hat ja sonst keine Probleme. In Afrika, im Nahen Osten, in Asien werden Christen abgeschlachtet, Millionen Flüchtlinge fliehen vor Bomben und Hunger, der Globus wird geplündert?

Kardinal Burke
AP

Kardinal Burke

Doch die Führungsriege von über einer Milliarde Katholiken streitet lieber darüber, ob Menschen, die sich erdreisten, nach einer ersten, gescheiterten Ehe eine zweite Verbindung einzugehen, zur Kommunion zugelassen werden dürfen. Also, ob sie im Gottesdienst wie alle anderen "die geheiligte Hostie empfangen" dürfen oder still und schuldbewusst auf ihren Bänken verharren müssen. Was die ja nicht unbedingt tun, sondern dann lieber gar nicht mehr in die Kirche gehen. Auch deshalb werden die Kirchen - außer zu Weihnachten - ja immer leerer.

Und auch deshalb versucht Franziskus, seit er zum Papst gewählt wurde, die strengen Vorschriften aus der Steinzeit des römisch-katholischen Glaubens etwas zu lockern und deren zeitgemäßere Auslegung im Alltag den Priestern und Bischöfen vor Ort zu überlassen. "Barmherzigkeit" gilt auch für Sünder, ist sein Credo. Dagegen lehnt sich der konservative Teil der Kirche freilich vehement auf.

"Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen", sagen die Glaubens-Hardliner. Die Ehe sei schlicht "unauflöslich". Wenn Geschiedene Sex mit einem neuen Partner hätten, sei das eine "Todsünde" - und basta. Ja selbst der, der das "Unauflösliche" auch nur lockern wolle, versündige sich: "Wer fortgesetzten Ehebruch und den Empfang der Heiligen Kommunion für vereinbar hält", so der 88-Jährige deutsche Kardinal Walter Brandmüller, sei ein "Häretiker", auf deutsch: ein Ketzer.

Pazifikinsel Guam
imago/ blickwinkel

Pazifikinsel Guam

Brandmüller gehört zu der Gruppe konservativer Kirchenfürsten, die schon im Vorfeld der Synode 2014, bei der es um die umstrittenen Fragen ging, massiv Stimmung gegen den liberalen Geist des Papstes gemacht hatte. Die lauteste Stimme in dieser Traditionalistentruppe war meist die des US-Kurienkardinals Raymond L. Burke.

In der vom Papst angeregten Debatte, tönte er zum Beispiel, werde ja sogar das, was Jesus selbst gelehrt und angeordnet habe, "infrage gestellt". Man müsse solche "unnützen Diskussionen [...] über Wahrheiten, die sich nun einmal nicht verändern lassen" gar nicht führen, sagt Burke. Ein klarer Affront gegen "Seine Heiligkeit", den Papst aus Argentinien.

Viele Nattern, wenig Journalisten

Vor allem der ruppige Ton des Amerikaners im Vatikan ärgerte Franziskus offenbar mächtig. Eigentlich versuche er ja, "die innerkirchlichen Opponenten liebevoll zu gewinnen", hatte er dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn einmal anvertraut. Aber bei Burke wollte ihm das wohl nicht gelingen. Also mussten andere Mittel her.

Gleich nach der Synode 2014 versetzte er den harschen US-Kardinal vom Gerichtshof als "Kardinalspatron", eine Art päpstlicher Botschafter, in den Malteserorden. Damit war der aufsässige Amerikaner automatisch von der Synode 2015 ausgeschlossen. Im vorigen Jahr bekam Burke zu seinem Ordensamt zwar noch einen Richterposten dazu. Freilich nicht mehr als Chef des obersten Kuriengerichts, wie vordem, sondern eines auf Missbrauchsfälle spezialisierten und darauf auch reduzierten Tribunals.

Doch still war Burke noch immer nicht.

Beim Malteserorden sollte er eigentlich einen dort beherzt geführten Streit um personelle Konsequenzen wegen der Verteilung von Verhütungsmitteln in Asien und Afrika schlichten. Wie im Vatikan stehen sich auch dort seit Längerem orthodoxe Glaubenshüter und Reformer feindlich gegenüber. Statt zu beruhigen, schlug sich Burke sogleich auf die Seite der Hardliner und eskalierte den Glaubenskrieg. Franziskus musste persönlich eingreifen, um Ruhe in den Orden zu bringen. Burke irritierte das nicht sonderlich.

Jüngst kündigte er gemeinsam mit weiteren Kardinälen sogar eine formale Ermahnung von Papst Franziskus an. Damit gewann er dann die schöne Reise ans Ende der Welt. Dort, auf Guam, gibt es besonders viele große giftige Nattern, aber kaum Journalisten, die sich für den Katholikenkrieg um das richtige Familienbild interessieren.



insgesamt 17 Beiträge
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manni.baum 20.02.2019
1.
eine Scheibe hat einen Rand, die Erdkugel nicht, es könnte aber sein das einige im Vatikan noch an die Scheibe glauben.
k.Lauer 20.02.2017
2. Zwar bin ich ein überzeugte Katholik
störe mich aber an der Tatsache, dass die r.-k. Kirche unglückliche Menschen produziert. Erste Kategorie: Menschen, die dazu verdammt sind, mit einem anderen Menschen, den sie einmal - irren ist menschlich - geheiratet haben, bis ans Ende ihrer Tage ertragen müssen. Zweite Kategorie: Ihre Priester, denen das Glück der Zweisamkeit versagt bleibt. Wo doch schon die Bibel ganz am Anfang feststelt, dass es nicht gut sei, dass der Mensch alleine sei.
ernstmoritzarndt 20.02.2017
3. Florett als Waffe!
Dieser Papst will keine urkatholischen Grundsätze über Bord werfen - er ist offensichtlich lediglich zu der Erkenntnis gelangt, daß auch katholische Amtsträger und - nicht zuletzt - katholische Christen Menschen sind mit Schwächen und Fehlern, wie wir alle. Dazu hat er viele Entscheidungen auf die untere Ebene, die bei den Menschen tätigen Priester verlagert, die sodann im Einzelnen prüfen und entscheiden wie man mit den Vorgängen umgeht. Das ist ein ganz großer Schritt.
yvowald@freenet.de 20.02.2017
4. Reaktionäre Päpste konnten schalten und walten
Solange Päpste die reaktionären Lehren ihrer Kirche nicht antasten, haben sie das Wohlwollen der Kurienkardinäle, allesamt rückwärtsgewandte Geister jenseits der 70. Sie behaupten einfach, Jesus habe das Kirchenrecht "gestiftet" und deshalb seien diese uralten Rechtsvorschriften nicht veränderbar. Weit gefehlt! Jesus hat weder die katholische Kirche "gestiftet" noch irgendwelche schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Er war den Schriften nach ein revolutionärer Wanderprediger, der sich mit dem jüdischen Establishment anlegte und dies mit dem Leben büßte. Wenn sich die katholische Kirche nicht wandelt und sich den wirklichen Lehren der Schrift anpaßt - und Papst Franziskus macht erste kleine Schritte in diese Richtung -, dann wird sie in einigen Jahrzehnten zur Sekte schrumpfen. Dies dürfte die Kurienkardinäle nicht schrecken, denn dies werden sie ja nicht mehr miterleben. Das Schlimme ist, daß Gott diese Alten Herren schalten und walten läßt. Gibt es diesen "Gott" denn überhaupt. Ernste Zweifel sind wohl mehr als angebracht!
ruhepuls 20.02.2017
5. Dogma...
Zitat von k.Lauerstöre mich aber an der Tatsache, dass die r.-k. Kirche unglückliche Menschen produziert. Erste Kategorie: Menschen, die dazu verdammt sind, mit einem anderen Menschen, den sie einmal - irren ist menschlich - geheiratet haben, bis ans Ende ihrer Tage ertragen müssen. Zweite Kategorie: Ihre Priester, denen das Glück der Zweisamkeit versagt bleibt. Wo doch schon die Bibel ganz am Anfang feststelt, dass es nicht gut sei, dass der Mensch alleine sei.
Es ist nun einmal das katholische Dogma, dass die Ehe vor Gott geschlossen wird und daher vom Mensch nicht mehr getrennt werden darf. Das gleiche gilt für die Ehelosigkeit der Priester. Die Bibel ist ja auch nicht katholisch... Nebenbei bemerkt: Als Marketingkonzept ist der Katholizismus ziemlich effektiv: Erst verbietet er den Menschen das Leben vor dem Tode und verspricht es dafür im Paradies. Und damit die Menschen dann nicht auf den logischen Schluss kommen, dass es dann am besten ist, sich möglichst schnell ins Paradies zu befördern, erklärt man den Suizid zur Todsünde. Bleibt den armen Gläubigen also nichts anderes übrig als mit ihren Leid in die Kirchen zu gehen - und brav Kirchensteuer zu zahlen. Nicht schlecht...
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