Papst-Interview: Franziskus warnt Kirche vor Fixierung auf Sexualmoral
Mit überraschend klaren Worten kritisiert Papst Franziskus die Engstirnigkeit der katholischen Kirche in Fragen der Sexualmoral. Statt sich ständig mit Homosexualität und Abtreibung zu beschäftigen, sollten Priester wieder die Heilsbotschaft betonen. Die Kirche müsse Wunden heilen und Herzen wärmen.
Rom - Ihre konservativen Ansichten zu Homosexualität, Schwangerschaftsabbruch und Verhütung prägen seit langem das öffentliche Bild der katholischen Kirche. Bei kaum einem Thema wirkt die Religionsgemeinschaft so dogmatisch und aus der Zeit gefallen wie in ihrer Sexualmoral.
Mit deutlichen Worten hat sich Papst Franziskus nun gegen die ständige Fixierung auf diese Fragen gewandt. Im ersten ausführlichen Interview seines Pontifikats mit mehreren jesuitischen Zeitschriften kritisiert er, die Katholische Kirche sei "besessen" von diesen Fragen. Der 76-Jährige will, dass seine Kirche nicht mehr auf diese "kleinen Dingen und engstirnigen Regeln" reduziert wird.
Franziskus beklagt, dass die Heilsbotschaft der Kirche dagegen in den Hintergrund gerate. "Wir müssen eine neue Balance finden; sonst bricht das gesamte moralische Gebäude der Kirche zusammen wie ein Kartenhaus."
Abgrenzung von Benedikts "Entweltlichung"
Franziskus bekräftigte noch einmal, was er auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro über Homosexuelle gesagt hatte: "Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt." Er habe in seiner früheren Zeit in Buenos Aires Briefe von Homosexuellen erhalten, die "soziale Wunden" enthielten, weil diese sich immer von der Kirche verurteilt fühlten. Das wolle die Kirche nicht. Die Kirche sei eine "Heimat für alle", nicht nur eine "kleine Kapelle".
Damit grenzt sich Franziskus klar von seinem Vorgänger Benedikt XVI. ab. Der hatte eine "Entweltlichung" der Kirche angestrebt und wollte sie eher für erzkonservative Abspaltungen wie der Piusbruderschaft als für Homosexuelle oder Geschiedene öffnen.
Konservative Bischöfe dürften von Franziskus' Kehrtwende wenig begeistert sein: Erst vergangene Woche zeigte sich Bischof Thomas J. Tobin der US-amerikanischen Diözese Providence enttäuscht, dass der Papst "das Übel der Abtreibung" bisher nicht deutlicher verdammt habe.
Diese Kritik dürfte Franziskus noch weiter antreiben: "Die, die stur versuchen, eine Vergangenheit wiederzubeleben, die es nicht mehr gibt, haben einen statischen und selbstbezogenen Blick auf die Dinge. Auf diese Weise wird der Glaube eine Ideologie wie andere Ideologien", sagte er in dem Interview. Für viele Katholiken, die sich eine Kirche in Einklang mit ihrer Lebensrealität wünschen, dürfte das Balsam sein.
Die Offenheit des Papstes überrascht manchen Priester. "Er scheint ein noch größerer Freigeist zu sein, als ich dachte - kreativ, experimentell und bereit, Grenzen zu testen und zu überschreiten", sagte Pater James Martin, der das Franziskus-Interview für das jesuitische Magazin "America" übersetzte, der "New York Times".
Kirche soll sich als offene Institution präsentieren
Franziskus sprach auch andere kritische Themen an, zum Beispiel die Rolle der Frau in der Kirche. Auch wenn das Kirchenoberhaupt die Priesterweihe für Frauen weiter ausschließt, sagte er, dass Frauen in die wichtigen Entscheidungsfragen einbezogen werden sollten.
Die Kirche solle sich als eine offene Institution präsentieren, deren "Priester verständnisvolle Pastoren sind - und keine kalten, dogmatischen Bürokraten". "Was die Kirche heute braucht, ist die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen." Die Kirche habe damit eine Aufgabe so wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht, wo Wunden geheilt würden.
Gleichzeitig wolle er nichts überstürzen, Veränderungen und Reformen dürften nicht übers Knie gebrochen werden. "Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen", sagte Franziskus. Er misstraue improvisierten Entscheidungen. Die Kirche müsse eine neue Möglichkeit finden, gleichzeitig die bestehenden Regeln zu achten und Gnade zeigen.
gam/ade/dpa/AP/Reuters
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