Papst in Brasilien Rosenkranz im Atomkraftwerk Gottes

Kaufen Sie sich drei Jungfrauen zum Preis von zweien! Oder eine Bibel! Oder einen kleinen Papst am Schlüsselanhänger! Aparecida ist ein einziges Shoppingcenter des religiösen Kitsches. Zum Ende seiner Brasilienreise ist auch Benedikt XVI. in den Wallfahrtsort der Superlative gepilgert.

Aus Aparecida berichtet Dominik Baur


Aparecida - Immer wieder wird der Vergleich mit einem Atomkraftwerk herangezogen. Das ist natürlich etwas gemein, aber die grüne Kuppel ist nun eben sehr groß geraten, wie überhaupt der ganze klobige Bau.

Pilgerinnen mit Papst-T-Shirts in Apareceida: Stadt des religiösen Kitsches
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Pilgerinnen mit Papst-T-Shirts in Apareceida: Stadt des religiösen Kitsches

Die Kathedrale von Aparecida, zu der jetzt auch der Papst auf seiner Brasilienreise pilgert, ist die zweitgrößte Kirche der Welt nach dem Petersdom. Ein Bauwerk der Superlative: 173 Meter lang, 168 Meter breit und unter der Kuppel 70 Meter hoch. Fassungsvermögen 45.000 Menschen. Das sind immerhin 10.000 mehr, als in der ganzen Stadt wohnen. Wie viele Tonnen Beton für den Bau verwendet wurden, lässt sich nur erahnen.

Es ist kurz nach Mittag, noch fünf Stunden bis zum großen Ereignis: gemeinsames Rosenkranzbeten mit Benedikt XVI. Doch die diversen Schlangen, die sich parallel zueinander ihren Weg zum Eingang der Kirche bahnen, sind bereits über hundert Meter lang. Die Laune der Pilger trübt das nicht: Sie singen, klatschen, warten.

Papst beim Rosenkranz: Gefallen am brasilianischen Feiern
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Papst beim Rosenkranz: Gefallen am brasilianischen Feiern

Der Papst trifft sich währenddessen draußen vor der Stadt mit Drogenabhängigen. Einer seiner Landsleute, der Paderborner Franziskanerpater hat dort vor Jahrzehnten die "Fazenda de Esperança", die Farm der Hoffnung, gegründet. In der Einrichtung finden Drogensüchtige eine neue Aufgabe. Sie versorgen Kühe und pflegen Obstgärten.

In den Gassen am Fuße der Kathedrale herrscht derweil das alltägliche Wallfahrtstreiben. Dort gibt es religiösen Straßenramsch in Unmengen: Kerzen, Kreuze, Bibeln, Heiligenbilder. Drei zum Preis von zweien. Und natürlich "Nossa Senhora Aparecida", Unsere liebe Frau Aparecida, in allen Variationen. Die Zahl der Läden und Stände soll in die Tausende gehen. Die religiösen Artikel werden von jungen Mädchen in knappen T-Shirts und engen Jeans verkauft. Dazwischen gibt es Unterhosen, Obst. Und für den hungrigen Pilgerbauch hält eine Churrascaria an jeder Ecke etwas Gegrilltes bereit.

Die Jungfrau kam ohne Kopf

Natürlich gibt es auch den Papst - als Hinterglasmalerei, als Schlüsselanhänger. Die Papstdevotionalien halten sich allerdings in Grenzen. So ganz hat man sich hier an die Verehrung des Deutschen noch nicht gewöhnt. Maria geht besser. Im "Pilger-Einkaufszentrum" auf dem Gelände der Basilika gibt es weitere 700 Läden mit frommem Kitsch inklusive McDonald's und eines "Sanctuary of the Apostles Barbecue and Beer".

Das Ganze begann mit einem Fischerausflug. Es war im Jahr 1717, als Domingos Garcia, Filipe Pedroso und João Alves beauftragt wurden, dafür zu sorgen, dass beim anstehenden Besuch des Gouverneurs genügend Fisch vorhanden sei. Die drei Fischer fuhren also auf den Rio Paraíba. Statt Fisch ging ihnen allerdings die Mutter Gottes ins Netz, tönern und kopflos. Bei einem zweiten Versuch folgte auch noch der Kopf. Man nannte die Statue "Die Erschienene" - Aparecida.

1745 wurde der gefischten Maria eine Kapelle gebaut, sie war bald zu klein. 1834 folgte eine neue Kirche, seit 1908 durfte sie sich Basilika nennen. Doch auch sie wurde zu klein. 1955 machte man sich schließlich an den Bau des heutigen Monumentalbaus, der 1980 von Johannes Paul II. beim ersten Besuch eines Papstes in Brasilien eingeweiht wurde. Wirklich fertiggestellt ist die Kirche aber immer noch nicht. An einigen Stellen liegt der Beton frei. Atomkraftwerk eben.

Ronaldos Knie, Schnapsflaschen und Kippen

Die gekrönte Dame im blauen Mantel selbst, inzwischen längst Nationalheiligtum, kann nur noch durch Panzerglas angebetet werden, seit sie 1979 einem Attentat zum Opfer fiel. In mehr als 170 Stücke soll die vom Ruß geschwärzte Mutter Gottes zerbrochen sein. Um die Heilige wieder zusammenzuflicken, sei sogar eine Visagistin bemüht worden, heißt es in einem Artikel bei "Wikipedia".

Heute ist der Zugang zur Jungfrau versperrt. Erst am Abend wird die Basilika für den Papst geöffnet. Auch die "Sala das Promessas" in der Krypta ist verschlossen und damit der Blick auf die Schnapsflaschen, Zigarettenschachteln und aus Wachs nachgebildeten Körperteile, die Fromme hier hinterlassen haben aus Dank für Glück, eine gelungene Operation oder ein losgewordenes Laster. Von Fußballstar Ronaldo liegt angeblich ein Knie hier.

Dann kommt der Papst. Von der Vorstellung, ein Rosenkranz sei eine leise und besinnliche Veranstaltung, ein langes monotones Gemurmel, muss man sich verabschieden, wenn Papst und Brasilien aufeinandertreffen. Da wird geklatscht und "Bento, Bento!" skandiert. Streckenweise wird der Papst in seiner abschließenden Ansprache nach fast jedem Halbsatz mit tosendem Applaus und Sprechchören unterbrochen.

Der als hölzern verschriene Pontifex scheint Gefallen daran zu finden. Ein fast seliges Lächeln spielt um seine Lippen. Immer wieder steht er auf und wendet sich winkend den Menschen zu, die in dem Kirchenschiff hinter seinem Rücken sitzen. Als nächstes folgt die große Messe auf dem Vorplatz der Basilika vor erwarteten 500.000 Menschen. Die Generalprobe ist gelungen.



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