Besuch in der Türkei Papst pocht auf Religionsfreiheit

Der Papst ist seiner direkten Art auch bei seinem Türkei-Besuch treu geblieben. Ungeachtet von Attacken Erdogans gegen den Westen sprach sich das Oberhaupt der katholischen Kirche für Religions- und Meinungsfreiheit aus.

Papst Franziskus und der türkische Präsident Erdogan: Deutliche Worte in Ankara
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Papst Franziskus und der türkische Präsident Erdogan: Deutliche Worte in Ankara


Ankara - Unbeeindruckt von einer Brandrede des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen den Westen hat Papst Franziskus in Ankara zum Schutz von Meinungs- und Glaubensfreiheit aufgerufen. "Die Religions- und die Meinungsfreiheit, die allen effektiv garantiert ist, regt das Aufblühen der Freundschaft an und ist ein Zeichen des Friedens", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche bei seinem Zusammentreffen mit Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu.

Wenige Stunden vor Beginn des Papst-Besuches hatte Erdogan mit scharfen verbalen Attacken gegen den Westen für Irritationen gesorgt. "Die, die von außen kommen, mögen Öl, Gold, Diamanten, billige Arbeitskräfte sowie Gewalt und Streit", sagte Erdogan in Istanbul. "Sie scheinen vordergründig unsere Freunde zu sein, aber freuen sich über unseren Tod und über den Tod unserer Kinder."

Dennoch freute sich Erdogan offenbar über den Türkei-Besuch des Papstes: "Ihr Besuch wird eine bedeutende Spur in der islamischen Welt hinterlassen und er wird auch die Meinung über den Islam in der christlichen Welt verändern", sagte Erdogan an Franziskus gewandt.

Appell für Religionsfreiheit

Das Kirchenoberhaupt sparte in seiner Rede auch ein anderes heikles Thema nicht aus: die Religionsfreiheit. Papst Franziskus bezeichnete sie als "grundlegend". Es sei wichtig, "dass die muslimischen, jüdischen und christlichen Bürger - sowohl in den gesetzlichen Bestimmungen wie auch in ihrer tatsächlichen Durchführung - die gleichen Rechte genießen und die gleichen Pflichten übernehmen", sagte Franziskus.

Neben der großen islamischen Mehrheit leben nur knapp 100.000 Christen in der Türkei. Sie und andere Minderheiten können ihre Religion zwar grundsätzlich ausüben, leiden dabei aber unter Einschränkungen, wie auch der aktuelle EU-Fortschrittsbericht bemängelt. So darf etwa die orthodoxe Kirche in der Türkei keine Priester ausbilden.

Gemeinsame Anstrengungen gegen Fundamentalismus

Papst Franziskus ging auch auf den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ein, die weite Teile Syriens und des Iraks beherrscht. "Es ist erforderlich, dem Fanatismus und dem Fundamentalismus die Solidarität aller Glaubenden entgegenzusetzen", sagte der Argentinier. "Neben der dringend notwendigen Unterstützung und humanitären Hilfe können wir auch den Gründen dieser Tragödie nicht gleichgültig gegenüberstehen." Für dauerhaften Frieden sei ein "starker gemeinsamer Einsatz" nötig.

Am Samstag reist der 77-jährige Pontifex weiter nach Istanbul, wo 7000 Polizisten allein zu seiner Sicherheit im Einsatz sein sollen. Anlass des Besuchs des katholischen Kirchenoberhaupts ist die Feier des orthodoxen Andreasfests mit Patriarch Bartholomäus am Sonntag.

jbe/dpa

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bergfex55 28.11.2014
1. Das Verhalten Erdogans hat Methode
immer sich selbst in die Opferrolle stürzen, stets die Anderen in die Defensive drängen, stets sind die Anderen die Bösen , die den Armen Türken/Muslimen am zeugs flicken möchten. Toleranz und Freizügigkeit fordern, diese als Machthaber aber nie gewähren. In der Türkei werden die Kirchen geschlossen, Christen verfolgt und die Ausbildung der orthodoxen . Geistlichen verboten. Gleichzeitig entstehen bei uns 8000 Moscheen und der Sultan versucht hier seine 5. Kolonne aufzubauen. Keine Toleranz den Intoleranten.
C. Goldbeck 28.11.2014
2. Wo sind die vielen Christen in der Türkei geblieben?
100 tsd. Christen leben derzeit in der Türkei, vor ca. 100 Jahren waren es noch um die 2 Millionen. Wie geht die Türkei damit um?
Tiananmen 29.11.2014
3.
Zitat von C. Goldbeck100 tsd. Christen leben derzeit in der Türkei, vor ca. 100 Jahren waren es noch um die 2 Millionen. Wie geht die Türkei damit um?
Naja, die Türkei geht glänzend damit um. Die Ermordung und Vertreibung von Armeniern und Griechen und anderen Christen aus dem heutigen türkischen Staatsgebiet hat keine tiefgreifenden psychischen Probleme hinterlassen - bei den Türken. Herr Erdogan bezweifelt ganz energisch, dass so etwas durch Türken geschehen konnte. Und wenn von 2 Mio. Christen hin und wieder dort 50.000, dort 20.000 und 10.000 ermordet werden, dann sieht das Ergebnis halt so aus. Es bleiben 100.000 übrig (noch).
Enya 29.11.2014
4.
Wenn das Oberhaupt der katholischen Kirche mit klugen und wohlabgewogenen Worten den türkischen Ministerpräsidenten darauf hinweist, dass Religionsfreiheit ein hohes Gut ist und dass Muslime, Juden und Christen in der Türkei die gleichen Rechte und Pflichten haben sollten, wenn Papst Franziskus dann noch davon spricht, dass dem Fanatismus und dem Fundamentalismus des IS die Solidarität "aller Glaubenden" entgegenzusetzen sei, und dieser türkische Ministerpräsident darauf antwortet, der Besuch des Papstes werde eine bedeutende Spur in der islamischen Welt hinterlassen und vor allem aber das Bild des Islam in der christlichen Welt verändern, dann wird deutlich, dass der türkische Ministerpräsident ein schlechter Zuhörer ist. Das Bild, das der türkische Ministerpräsident vom Islam in die christliche Welt vermittelt, ist das Bild einer kleingeistigen, nationalistisch verstrickten und unglaublich arroganten Religion. Für diese Veränderung sorgt der türkische Ministerpräsident im Alleingang.
elikey01 29.11.2014
5. Von Wahrnehmungen und Meinungsvielfalt
Der selbsternannte "Staatsmann" RTE outet sich mal wieder in seinem höchst unstaatsmännischen Sprachgebrauch gg. den Westen als das, was "Kenner" schon sehr viel länger in ihm sahen: Er ist in seiner Psyche viel mehr das, was er anderen in purer Sandkastenpolemik unterstellt. Bleibt nur zu hoffen, dass sowohl Brüssel, Washington als auch Berlin dies endlich auch erkennend umsetzen, indem sie aufhören, diesen Mann und seine Community so unsäglich-einseitig zu hoffieren. Die geostrategische Bedeutung, die offensichtlich insb. die USA dem NATO-Land TR zubilligen, nutzt RTE h.E. nicht nur immer ungenierter als Erpressungspotential, sondern inzw. auch für seine Verbalinjurien gg. den Westen, die wie eine lächerliche Entgleisungen eines sich selbst maßlos überschätzenden Staatspräsidenten wirken und wahrgenommen werden sollten. Der so geschmähte Westen sollte einen Umgang mit RTE prägen wie mit einem unreifen Kleinstkind, das zum Erwachsenwerden ständig neue Machtkämpfe mit seinen Erziehungsberichtigen erprobt.
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