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Papst Johannes Paul: Das Vermächtnis des Löwen

Von Matthias Matussek

Er war konservativ, er war stur, er war eine Provokation. Er sagte: Hinknien, Rosenkranz beten! Doch Millionen auf allen Kontinenten trauern in diesen Stunden um den Papst, und wer nicht betet, empfindet immerhin Respekt, auch in der Gegnerschaft. Im Abschied von ihm wirkt die Welt schlagartig gefährdeter.

Papst Johannes Paul II. (1998): Mehr als ein Vierteljahrhundert das Kirchenoberhaupt der Katholischen Kirche
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Papst Johannes Paul II. (1998): Mehr als ein Vierteljahrhundert das Kirchenoberhaupt der Katholischen Kirche

Mehr als 50.000 Menschen nahmen auf dem Petersplatz die Nachricht entgegen. "Der Heilige Vater ist um 21.37 Uhr an diesem Abend in seinem Privatzimmer gestorben", hieß es in der Mitteilung.

Ergriffen und unter Tränen beteten sie für den verstorbenen Würdenträger. Minutenlang verharrten sie schweigend, viele hielten Kerzen. Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano hielt ein Gebet.

Der in Polen geborene Johannes Paul stand der Römisch-katholischen Kirche mehr als ein Vierteljahrhundert vor.

Wenige Stunden zuvor hatte der Vatikan eine kurze Erklärung verteilt, sie bestand aus drei dürren Sätzen: "Der klinische Zustand des heiligen Vaters bleibt weiter sehr ernst. Am späten Papst Johannes Paul II. stirbt so, wie er sein Leben bestritt: Mutig, kämpfend in der Agonie, im Auge der Welt. "Jesus ist auch nicht einfach vom Kreuz gestiegen", sagte er vor Monaten, bereits im Vorhof des Todes, hervorstoßend, was ihm noch wichtig war. Und nun, zur Christengemeinde, die sich versammelt hat: "Gut, dass ihr gekommen seid".

Karol Wojtyla, der Jahrtausend-Papst. Im Abschied von ihm wirkt die Welt schlagartig gefährdeter und ganz sicher seine Kirche: Ohne seine Ermunterungen, seinen Widerspruch, seine Fürsorge. Sein Papsttum überspannte mehr als 26 Jahre. Es begann tief in der erfrorenen alten Welt der politischen Blöcke, und es erlischt nun im heißgelaufenen, alternativlosen Hochbetrieb des Kapitalismus. Die Schlachten sind geschlagen, die politischen, die ideologischen.

Und die Bilanz ist imponierend. Er war konservativ. Er war stur. Er war eine Provokation. Seine Löwenleistung: Er hat die katholische Kirche vor dem Ausverkauf an die moderne Beliebigkeit bewahrt. Wo sich heutzutage jede jugendschnittige Message in Ironien auflöst, ist die Botschaft des Papstes stets von mystischer Beharrung gewesen. Wo alles nur noch Spiel ist, verkörperte er die Spielverderberei.

Er sagte: Hinknien, Rosenkranz beten! Was dagegen die Mehrheit anmacht, nannte er die "Zivilisation des Todes". Und wenn zwei Milliarden auf der Welt hungern, sagte er, ist das irdische System kaputt. Er sagte: diese Party ist aus.

Er war der Weltbischof - überall vor Ort. Er reiste in 129 Länder, er predigte vor Millionen, er schloss Gäubige zusammen. Wie nun in seinen letzten Stunden war die Öffentlichkeit von Beginn an sein mächtigster Verbündeter. Mit seinen Wallfahrten, seinen Messen, den in Bewegung gesetzten Massen hat der polnische Papst nicht zuletzt auch die eisgrauen Bürokraten des Kommunismus in seinem Heimatland in die Knie gezwungen.

Jeder kennt sein Abenteuerleben, zumindest in hagiografischen Bruchstücken: wie es 1920 begann, in einem Kaff 50 Kilometer vor Krakau, mit Fußmärschen zur Schule, zur Messe und zum Grab der früh gestorbenen Mutter, später des Bruders, des Vaters. Dann der Sturm und Drang. Das Studium in Krakau, Karol Wojtyla als Marien-Romantiker, als dilettierender Dichter und Schauspieler und wie nahe noch die erträumten Heldenrollen beieinander liegen: Priester, Feuerkopf, Liebhaber.

Während des zweiten Weltkriegs die Sträflingsarbeit im Steinbruch, um sich der Deportation nach Deutschland zu entziehen, und dann die Untergrundarbeit, lauter verwegene Kinoarchetypen, das Priesterstudium, der christliche Widerstand, die Theatergruppe Rapsodico.

1946 ist Karol Wojtyla Priester, 1958 Bischof, 1967 Kardinal, 1978 Papst. Alle Dezennien ein Karrieresprung - das waren keine Zufälle, darin arbeitete eine beachtliche Zielstrebigkeit und die Bereitschaft zu einem unglaubliches Arbeitspensum. Ohne Sendungsbewusstsein geht sowas nicht. Immer arbeitete eine Art Gottesglut in ihm, und die übertrug sich. Die Ära Papst Pauls fiel in die des Niedergangs der Ideologien, der Ratlosigkeit und des Ekels vor dem schieren Warenverkehr.

Sicher auch das: Er war kompromisslos. Er verlangte unbedingten Gehorsam, nach der traditionellen Devise "Roma locuta, causa finita" - Rom hat gesprochen, der Fall ist abgeschlossen. Seine Moraltheologie galt Kritikern stets als Skandal. Wobei es durchaus aufschlussreich ist, dass es heutzutage die Aufrufe zu Keuschheit und Monogamie sind, die als skandalös empfunden werden. Zumindest in der ersten Welt hat man bisweilen den Eindruck, dass kein Recht so vehement verteidigt wird wie das auf sofortigen Orgasmus, wo, wie, wann und mit wem auch immer.

In einem Schreiben zu seinem silbernen Amtsjubiläum präzisierte dieser Papst dagegen nochmal seine Position zum Zölibat: "Für die Kirche und die Welt von heute stellt das Zeugnis der keuschen Liebe auf der einen Seite eine Art spirituelle Therapie für die Menschheit dar, auf der anderen Seite einen Protest gegen die Vergötzung des Sexualtriebs." Unnötig zu sagen, dass er härtestes Vorgehen gegen die pädophilen Missbrauchstäter in den eigenen Reihen anordnete.

Die Haltung des Papstes zur Abtreibung (Sünde!) war geradezu haarsträubend unzeitgemäß, aber dann wiederum hat er sich nie als Vollstrecker des Zeitgeistes gesehen. Nein, dieser Papst verlangte stets einiges an gegenaufklärerischer Selbstverleugnung - aber genau damit kam er an.

Zur Jugend hatte er einen besonderen Draht und sie zu ihm. Er war populärer als die Rolling Stones, länger im Geschäft als Madonna, und hübscher war er sowieso. Die Jugend fühlte sich von ihm ernst genommen, auch in seinen Gardinenpredigten, und sie liebte ihn und viele Teenager campieren jetzt in Schlafsäcken unter den Fenstern seines Sterbezimmers auf dem Petersplatz - die letzte Wache.

Karol Wojtyla trat mit Bob Dylan auf, er meditierte, er sprach das religiöse Empfinden der Teenager an, das seit den Tagen des singenden und weinenden heiligen Augustinus immer auch ein ekstaseverwandtes Gefühl ist.

Er verlangte viel. In einer Botschaft zum diesjährigen Weltjugendtag in Köln machte er noch einmal klar, worum es in seiner Botschaft ging: "Stark ist der Drang, an falsche Mythen des Erfolgs und der Macht zu glauben; es ist gefährlich, verschwommenen Auffassungen des Heiligen anzuhängen, die Gott unter der Gestalt der kosmischen Energie darstellen, oder in anderen Formen, die nicht mit der katholischen Lehre übereinstimmen."

Das war die Abgrenzung zu den anderen Produkten auf dem gegenwärtigen Heilsmarkt, den kalifornischen Geldkirchen und indischen Celebrity-Gurus und dem Kabbalisten-Zirkus um Madonna. Die katholische Kirche, so Papst Johannes Paul II., ist keine Feel-good-Veranstaltung für jedermann: entweder wir oder die anderen. Beides geht nicht.

Im Rückblick wird man sich streiten, ob Wojtyla ein Papst der Integration oder des Aussschlusses war. Er hat die Aussöhnung mit den Juden und den großen Weltreligionen gesucht, aber den katholischen Weg als einzig wahren propagiert. Er erhöhte der katholischen Kirche die Schwellen, statt sie tiefer zu legen. Er, dem Popularisierungen und Trivialisierungen vorgeworfen werden, hielt immer wieder Brandpredigten gegen den Missbrauch des Kruzifix als Modeassessoir, gegen die Brillianten-Kreuze der Beckham, Liz Hurley, Catherine Zeta Jones.

Man muss dieses Papsttum als Gegenoffensive lesen. Seine über 1.300 Seligsprechungen und seine fast 500 Heiligsprechungen etwa, mehr als alle anderen Päpste vor ihm: es ist, als ob er gegen den heillosen Zirkus der Pop-Idole und Ikonen seine eigene katholische Armee aufmarschieren lassen wollte, und gegen die Narrationen von absurdem Reichtum und Bling und Swimmingpools andere Helden ins Gespräch bringen möchte, solche des Leidens und der Aufopferung und der inneren Disziplin wie im Falle der Mutter Teresa. Die Medien liebten diesen Papst so sehr, dass sie seine Radikalität in sozialen Fragen oft unbegriffen ließ, bis zum Schluss. Tatsächlich hat Papst Paul II. wie kaum je einer seiner Vorgänger in den Sozial-Enzykliken gegen die Reichen und Mächtigen Stellung genommen. Sein Kampf gegen die Sirenengesänge des Marktes war grimmiger, als es der gegen den Kommunismus je war. Auch da übrigens wurde er eher von der Jugend verstanden, als fast subversiver Verbündeter, denn die führt ja in aller Konsumbesessenheit stets die Rhetorik der Konsumverweigerung mit.

Gegen Ende seines Lebens sah der Papst mit zunehmender Bitterkeit, wie sehr das kapitalistische System und sein Nihilismus gesiegt hatte. Im heiligen Jahr 2000 geißelte er die Umwertung der Werte, die die moderne Welt vorgenommen habe. Er tat es mit einer düsteren Travestie auf die Bergpredigt: "Selig sind die Stolzen und die Gewalttätigen, die, die skrupellos, erbarmungslos und hinterhältig sind, die Krieg machen und nicht Frieden, und die jene verfolgen, die sich ihnen in den Weg stellen. Ja, sagt die Stimme des Bösen, sie werden gewinnen".

Wahrscheinlich ist es so, dass dieser Papst gerade in seinen Niederlagen triumphierte. Er konnte den Irak-Krieg nicht verhindern, doch sein Widerstand dagegen brachte ihm Bewunderung und Liebe ein. Es konnte kaum etwas Beeindruckenderes geben als diese Friedensgebete des Papstes in seinem Rollstuhl, zur Seite gekippt wie ein gefällter Baum. Und wie sie zu ihm pilgerten, die Mächtigen dieser Welt, und wie er sie unbeirrt mahnte!

Eines ist sicher: Dieser polnische Junge, der zum Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken wurde, hat seinen Weg beeindruckend schwindelfrei zurückgelegt. Für seinen Löwenmut und seine Liebe, für all diese Schlachten und Kompromisslosigkeiten, die den Glauben vor Trivialisierungen bewahrt haben und Nachlass für seine Kirche bilden, sind wir ihm Dank schuldig.

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