Papst-Kritik Grünen-Chefin Roth gibt Benedikt kräftig Kontra

Papst Benedikt XVI. sieht sich auf seinem Deutschlandbesuch scharfer Kritik ausgesetzt. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann hatte ihn bereits kurz vor seiner Ankunft in Bayern als Verbrecher angeprangert. Nun kritisieren ihn die Grünen. Der Papst sei ein "Mann der Gedankenkontrolle".


Berlin - Die Grünen attackieren den Papst wegen dessen Umgang mit der Meinungsfreiheit. Es sei nicht akzeptabel, "wenn Benedikt die Kritik an Religion aus der Meinungsfreiheit herausnehmen will", sagte Parteichefin Claudia Roth nach einer Bundesvorstandssitzung der Partei in Berlin. Dies stehe im Widerspruch zu einer pluralen, modernen und offenen Gesellschaft.

Der Papst hatte sich gestern in Anspielung auf den Karikaturenstreit gegen einen "Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht", gewandt. Dazu sagte Roth: "Aus diesen Worten spricht der alte Kardinal Ratzinger, ein Mann der Gedankenkontrolle." Diese Passage aus der Rede Benedikts XVI. sei "etwas, was aus unserer Sicht nicht mit Meinungsfreiheit konform geht". Der Wert der Meinungsfreiheit müsse auch im Bereich der Kritikfähigkeit des Religiösen geachtet werden.

Die Grünen-Chefin kritisierte zudem, dass der Papst zu oft vor Ungläubigen warne. "Wer ständig davon spricht, dass Menschen ohne Glauben an Gott die größte Bedrohung seien, der muss sich auch sagen lassen, dass Menschen mit Glauben an Gott nicht alles richtig machen", sagte Roth.

Ganz anders interpretierte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber den Papstbesuch. Der CSU-Chef zeigte sich beeindruckt vom bisherigen Verlauf des Besuches im Freistaat. Stoiber sagte, Benedikt XVI. verbinde "persönliche Nähe und starke Emotion mit grundlegenden Aussagen und Wahrheiten für alle Menschen". Der Politiker fügte hinzu: "Ich glaube, er weiß gerade für viele Menschen in Deutschland und der westlichen Welt wieder eine Nähe zu Gott in ihrem Leben herzustellen."

Stoiber bezeichnete den Papst als den "größten Sohn Bayerns". Er gebe unzähligen Menschen Kraft, Orientierung und Glaubensstärke. Der Ministerpräsident fügte hinzu: "Ein kleines privates Zeichen hat mich besonders berührt: Als der Papst meinen Enkel Benedikt auf den Schoß genommen und herzlich gedrückt hat."

"Tödliche Irreführung der Menschheit"

Vor der Kritik Roths hatte bereits die Theologin Uta Ranke-Heinemann Benedikt XVI. als Verbrecher angeprangert. Sie warf ihm den Tod unzähliger Menschen vor. Weil er Kondome ablehne, sei er "Schuld an HIV-Infektionen, insbesondere in der Dritten Welt", schrieb Ranke-Heinemann in der Zeitung "Junge Welt".

"Ich klage Johannes Paul II. und Benedikt XVI. an wegen jahrzehntelangen Verbrechens in Form von tödlicher Irreführung der Menschheit", schrieb die 78-Jährige. "Ich klage sie an, an Krankheit und Tod vieler Menschen die Schuld zu tragen." Beide verträten eine rückwärtsgewandte Sexualmoral und verkündeten, "dass Kondome Löcher hätten und in die Hölle führen".

Sie "verlange vom Vatikan, allen betroffenen Ehefrauen Afrikas und weltweit die medizinische Versorgung zu finanzieren und ihnen und ihren Familien Schadenersatz zu leisten." Der Besuch Benedikts in Bayern sei "das gleiche Frömmigkeitsspektakel wie bei seinem Vorgänger, nur dass es statt 20 Millionen Mark jetzt 20 Millionen Euro kostet", schrieb Ranke-Heinemann darüber hinaus in einer in Essen veröffentlichten Erklärung. Von den Fragen und Sorgen der Menschheit hätten sich die "zölibatären Hirten" längst verabschiedet. "Ihre Frauen- und Sexualfeindlichkeit allerdings ist uns geblieben."

Die Theologin war 1953/54 in München Studienkollegin von Joseph Ratzinger. 1970 hatte die Tochter des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann als erste Frau der Welt eine Professur für katholische Theologie erhalten. Die Kirche entzog ihr die Lehrerlaubnis aber 1987, weil sie die Jungfrauengeburt Christi bezweifelt hatte.

asc/dpa/AP/ddp

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