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25. September 2011, 10:38 Uhr

Papst-Kritiker Tzscheetzsch

"Eine schöne Show, mehr nicht"

Von , Freiburg

Er ist Katholik, Querdenker und war Professor der Theologie: Werner Tzscheetzsch hat Kirchengeschichte geschrieben, als er sich auf eigenen Wunsch die Lehrbefugnis entziehen ließ. Für ihn ist die Deutschland-Reise des Papstes vor allem eins - eine perfekte Inszenierung.

Von seinem Schreibtisch aus kann Werner Tzscheetzsch die Dächer und Kirchtürme Freiburgs sehen. Vermutlich auch die Blaulicht-Karawanen, wenn Papst Benedikt XVI. durch den Breisgau donnert. Dass ihn und das Oberhaupt der katholischen Kirche nur wenige hundert Meter trennen, kümmert den Theologen jedoch nicht.

Tzscheetzsch hat Kirchengeschichte geschrieben: Der Theologie-Professor, römisch-katholisch, seit 1995 am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Katechetik, erklärte vor zwei Jahren, er könne den kirchlichen Anforderungen an einen theologischen Hochschullehrer nicht mehr entsprechen. Auf seinen Wunsch hin musste ihm Erzbischof Robert Zollitsch die kirchliche Lehrbefugnis entziehen, ein bundesweit einzigartiger Fall. Seit Unterzeichnung des Badischen Konkordats im Jahre 1932 ist noch keinem Dozenten aus dieser Motivation heraus die Lehrerlaubnis im Erzbistum Freiburg entzogen worden.

Er konnte einfach mit vielem nichts mehr anfangen, was in den Lehrplänen stand, sagt Tzscheetzsch, 60 Jahre alt, Brille, graumeliertes Haar, Vater von drei Kindern. Für die katholische Lehrbefugnis ist jedoch wichtig, dass die Grundsätze der katholischen Kirche in der eigenen Lebensführung beachtet werden. Autonomie sei nicht gestattet, kritisiert Tzscheetzsch, aber genau die sei für ihn zum Leben unabdingbar. Selber denken, eigene Schritte wagen, auch wenn sie wehtun.

Tzscheetzsch hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, ein Querdenker, bei dem die Kirche wusste, was sie an ihm hat - zumindest eine Zeit lang. Einer, der sich mit Benedikt XVI. beschäftigte, als der noch nur Joseph Ratzinger war. Einer, der nach dieser Deutschland-Reise des Papstes eine ernüchternde Bilanz zieht: "Wenn er dieses Land verlassen hat, ist alles wieder wie früher, nichts, rein gar nichts, hat er auf den Weg gebracht." Reine Illusion, zu glauben, dass sich unter diesem Kirchenoberhaupt etwas ändern werde, konstatiert Tzscheetzsch und lässt den Blick über die Baumwipfel vor dem Fenster schweifen.

Schallende Ohrfeige

Dass die Protestanten große Erwartungen hatten an das Treffen im Augustinerkloster, gar an ein "Wunder von Erfurt" glaubten, kommentiert der Theologe nüchtern: "Die kennen den Papst nicht."

Schlimmer noch: Benedikt XVI. sprach gar von einem Missverständnis derer, die von ihm ein "Geschenk" für die Einheit der Christen erwartet hätten. Eine Annäherung sei keineswegs etwas, "was wir aushandeln können" wie unter Politikern, sagte der Pontifex. Eine schallende Ohrfeige für die, die gehofft hatten. Für Tzscheetzsch war es der Beleg dafür, dass er selbst zu Recht die Hoffnung auf Annäherung längst aufgegeben hat.

Wenn Benedikt XVI. aber so konservativ und rückwärtsgewandt ist, wie er daherkommt, warum nur unterwirft sich ein Teil der Jugend diesem Mann wie beim Abendgebet in Freiburg? "Er ist im positiven Sinne ein Showman", urteilt Tzscheetzsch, "er weiß seine Härte gut zu kaschieren". Das liege auch daran, dass Benedikt XVI. die Gabe habe, Dinge nur selten im Klartext zu formulieren. "Er hätte ja auch klipp und klar sagen können: Ich will keine Annäherung der Religionen. Tut er aber nicht."

Ein Thema, das Tzscheetzschs Nerv trifft. Er hat zwar seine Lehrbefugnis für Theologie ad acta gelegt, aber keineswegs sein Verständnis von Religion. "Ich verstehe unter Religion, dass Menschen ihr Leben lang suchen, wie sie leben wollen und bei dieser Suche immer wieder auf die Tatsache stoßen, dass sie das Leben nicht selbst erklären können - und dass man manchmal auch darunter leidet." Religion ist für Tzscheetzsch "etwas brutal Ernstes". Das intensive Studium anderer Glaubensrichtungen, des Hinduismus und Buddhismus, hat ihn darin bestätigt. Religion gehöre zu den Grundelementen unserer Gesellschaft, betont Tzscheetzsch, denn ohne Kenntnis des Christentums sei vieles in dieser Gesellschaft nicht zu verstehen.

Keine neuen Impulse

Fünf, sechs Jahre hat der Prozess gedauert, bis er einsah, dass die katholische Kirche Menschsein anders versteht als er. Es war ein unbequemer Schritt, als er Anfang 2009 Zollitsch seine Entscheidung mitteilte. Es folgten zwei lange Gespräche, die Tzscheetzsch nicht umstimmen konnten, und mehrere persönliche Unterhaltungen mit Weihbischof Paul Wehrle, von dem Tzscheetzsch den Eindruck hatte, er würde ihn verstehen. "Aber das kann er ja nicht sagen."

Letztendlich ausschlaggebend für Tzscheetzsch war die Einsicht: Es wird in der katholischen Kirche in den traditionellen Fragen - Zölibat, Frauenpriestertum, Demokratisierung kirchlicher Ämter, Lockerung des Eheverständnisses, überholte Sexualmoral - keine Fortschritte geben. "Unter Benedikt XVI. wird sich da nichts tun", so Tzscheetzsch, "seine diesjährige Reise war eine schöne Show, mehr nicht". Weder sei es ihm gelungen, das ramponierte Image der Kirche aufzupolieren, noch habe er neue Impulse gesetzt.

Sein Besuch in Deutschland sei kein "religiöser Tourismus", hatte Benedikt XVI. im Vorfeld angekündigt, "und noch weniger eine Show". Worte, die zu einem Papst wie ihm zu passen schienen. Einem, dem die starken Bilder, die die Kirche für ihre Inszenierung braucht, nicht so leicht fielen - ganz anders als seinem Vorgänger Johannes Paul II.

Doch Tzscheetzsch korrigiert das Bild: "Er hat längst Gefallen gefunden am Bad in der Menge, wenn ihn die Leute feiern und ihm zujubeln". Früher sei das undenkbar gewesen, dass Benedikt XVI. so strahlend auf die Menschen zugehe wie zuletzt vor dem Freiburger Münster oder bei der Jugendvigil. Heute nicht mehr.

Führt der Pontifex die Kirche etwa nur auf die Bühne? Ist seine Art des Glaubens überhaupt zeitgemäß? Wie kann er weiterhin Liebe und Zuwendung predigen und gleichzeitig die Lebensweise Homosexueller verurteilen? Und wie wird in Zukunft mit den Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen umgegangen?

Dieser "Umgang" müsse dringend überdacht werden, fordert Tzscheetzsch. Benedikts Dialog mit den Opfern wie zuletzt in Erfurt gehöre inzwischen zum Ritual auf Papstreisen. Diese Begegnung sei nicht gar nichts wert. Aber es gehe einfach darum, die Schuld der Kirche anzuerkennen, einmal zu sagen: "Wir haben unseren Beitrag geleistet, indem wir nichts getan haben."

Noch ist Werner Tzscheetzsch Mitglied der katholischen Kirche. Bald nicht mehr. Die Frage nach Gott sei generell so wichtig, aber in der Kirche nicht so aufgehoben, wie er es sich vorstellt. Auszutreten sei folglich der letzte Schritt, um den großen Schnitt zu machen. Aber er betet weiterhin, sagt Tzscheetzsch, meist Stoßgebete.

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