Papst-Spotting: "Ich habe seine Hand gesehen"

Von Alexander Schwabe, Köln

Gerade mal ein Mittagessen mit jugendlichen Gläubigen steht heute auf dem Programm des Papstes. Ansonsten trifft er sich mit Amtsträgern: Politikern und Religionsvertretern. Die Nähe zu seinen leidenschaftlichsten Fans scheint Benedikt XVI. unheimlich, der Personen-Kult behagt ihm nicht.

Umjubelter Papst: Personenkult ist ihm unangenehm
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Umjubelter Papst: Personenkult ist ihm unangenehm

Köln - Als Benedikt XVI. am Abend seines ersten Besuchstags in Köln gegen halb acht Uhr den Segen singt, antwortet die junge Gemeinde kaum. Als er sich bekreuzigt, tun es ihm nur wenige nach. Stattdessen strecken ihm Hunderte Hände Kameras und Fotohandys entgegen, um noch schnell einen Schnappschuss zu schießen. Ist das die Innerlichkeit, für die der Papst die Jugend gewinnen will? Sieht so die Spiritualität aus, um die es beim Weltjugendtag in Köln gehen soll?

Vier, fünf Stunden hatten Tausende Jugendliche auf dem Roncalliplatz am Dom dicht an dicht in praller Sonne ausgeharrt. Stundenlang ließen sie das Glockengedröhn von der gotischen Kathedrale über sich ergehen, stundenlang starrten sie auf eine Großleinwand, auf der die nachmittägliche Schifffahrt des Papstes und seine Ansprache an den Rheinwiesen übertragen wurden.

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Jubel in Köln: Der Papst kütt

Verstanden haben es die meisten nicht. Die zarte Stimme Benedikts, das anhaltende Glockengrollen, ein böiger Wind und eine zu schwache Lautsprecheranlage machte das Zuhören nahezu unmöglich. Auch die Begrüßungsrede von Kardinal Karl Lehmann, dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz - vom Winde verweht. Halb so schlimm: Viele ausländische Gäste hätten ohnehin nichts verstanden, weil es keine Übersetzungen gab. Immerhin: Gesten sahen sie auf der Leinwand: den winkenden, sehr herzlich wirkenden Papst, der stundenlang grüßte und begrüßt wurde.

Dabei ist es Benedikt nach eigenem Bekunden wichtig, Inhalte rüberzubringen, etwas über "die Bedeutung des menschlichen Daseins als Pilgerschaft" zu vermitteln, etwas über die "Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe" zu sagen - und den Personenkult möglichst gering zu halten.

Vermeidung von Beifallsstürmen

Schon bei seiner Ankunft am Flughafen ging er die Treppen der Alitalia-Maschine schnell hinunter und gab so den Jubelwilligen am Flugfeldrand kaum Gelegenheit, ihn zu feiern. Auch während seiner ersten Ansprache in Gegenwart von Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder versuchte er Applaus zu vermeiden, indem er kaum Sprechpausen machte. Als wieder einmal die rhythmischen Benedetto-Rufe einsetzten, rutschte ihm der Satz heraus: "Das werden wir jetzt noch oft hören, nicht wahr?" Dabei entwischte ihm auch ein leises, leicht abfälliges Lachen, das verriet: Die jugendliche Begeisterung ist ihm eigentlich unangenehm. Diese ritualisierte Art der Kommunikation befriedigt ihn letztlich nicht.

Der Auftritt des Ratzinger-Papstes ist anders als der seines Vorgängers Johannes Paul II.. Benedikt küsste den Boden des Gastlandes nicht. Vor allem aber kostete er den Applaus der Menge nicht in vollen Zügen aus, wie dies Karol Wojtyla getan hatte. Der ehemalige Laienschauspieler aus Polen hatte die Massen mit Gesten immer wieder zu Jubelstürmen ermutigt. Benedikt brandete in Köln zwar ähnlicher Enthusiasmus entgegen, er begnügte sich jedoch damit, auf ihn freundlich zu reagieren, nicht ihn herauszufordern. "Wir sind gekommen, ihn anzubeten" - das Motto des Jugendtreffens ist auf Jesus Christus, nicht auf den Papst gemünzt.

Papst-Spotting in den Straßen Kölns

Die Gefahr der Idolatrie, der Verehrung von Bildnissen, kennt der Dogmatiker Joseph Ratzinger. Als Benedikt XVI. am späten Abend im Papamobil vom Dom mit weiten Umwegen zu den erzbischöflichen Übernachtungsräumen fährt, setzt in der Kölner Innenstadt eine regelrechte Hatz auf einen Blick auf den Papst ein. Sobald der Pontifex passiert ist, rennt ein Teil der Jugendlichen zwei Seitenstraßen weiter, um noch einen zweiten Blick auf ihn zu erhaschen. "Ich habe seine Hand gesehen", freut sich eine junge Frau. Eine andere ist enttäuscht: Drei Stunden gewartet, und in einer halben Minute war er vorbei. Papst-Spotting in den Straßen Kölns.

Atmosphärisch hat die Jugend längst die Regie übernommen. Sie sorgt für Stimmung. Wenn sich in den dicht bevölkerten Straßen Kölns zwei Menschenschlangen aneinander vorbei schieben, klatschen sich Leute, die sich nie gesehen haben und nie wieder sehen werden, gegenseitig ab, wie Eishockeyspieler nach ihrem Match. Die Rheinwiesen sind bevölkert, die Jugendlichen liegen in den Parks und hören Bob Marley, machen Party auf einem Ausflugsschiff mit Gassenhauern wie "Tulpen aus Amsterdam" oder Oldies wie "We will rock you".

Lautstark artikuliert die Jugend auf dem Roncalliplatz ihre Jubelstimmung, als der Papst aus dem Südportal des Doms tritt. Er setzt sich auf einen schweren hölzernen Stuhl. Zu seiner Rechten sitzt der Kölner Kardinal Joachim Meisner, zu seiner Linken der Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano. Vor dem Podium des Papstes haben Kardinäle und Bischöfe Platz genommen, in der ersten Reihe sind Kardinal Friedrich Wetter, München, und Kardinal Sterzinsky, Berlin, zu sehen. Hinter dem Heiligen Vater wehen die fast 200 Nationalflaggen der Länder, aus denen Jugendliche an dem Christentreffen teilnehmen.

"Der Papst ist zu Gast bei uns"

Meisner hat alle Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Erst stockt ihm der Atem angesichts der überbordenden Benedetto-Rufe, dann übertönt er die Benedetto-skandierende Menge und würgt sie ab mit den Worten: "Benedetto eins, Benedetto zwei, Benedetto drei und fini!", oder er unterbricht ihren Jubel, indem er unwirsch ruft: "Jetzt bin ich wieder dran!"

Doch viele Jugendliche in Köln sind selbstbewusst. Die Hierarchie der Amtskirche ist für sie nicht so wichtig. "Der Papst ist zu Gast bei uns", sagt die 23-jährige Mirjam Brouwer aus Rotterdam, "wir sind nicht in Rom, wo er zu Hause ist." Sie freue sich zwar über seinen Besuch, doch wir - sie spricht für 550 Holländer samt Gästen aus Surinam, Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam, die sich für eine Woche auf dem Rheinschiff "Wappen von Mainz" eingemietet haben - wir sind gekommen, um hier die internationale Jugend der Kirche zu treffen.

Dabei geht es um love, peace und happiness, wie es schon in Woodstock hieß und Jahre später auf der Love-Parade zelebriert wurde, mit dem einen Unterschied, dass Liebe, Friede und Glück hier vom Evangelium abgeleitet werden und nicht aus dem Drogenrausch. Die alle in orange gekleideten Niederländer auf der "Wappen von Mainz" sind selbstbewusst genug, um ein riesiges Plakat an ihrem Schiff zu befestigen: "Benedetto, you'll never walk alone." Wie der Papst sich ihrer annehmen will, so geben sie ihm ihre Unterstützung mit auf den Weg, wenn er den Rhein hinunterschippert. Begeisterung und Respekt, aber keine blinde Verehrung. Diese Gruppe erliegt der Gefahr des Personenkults nicht so leicht.

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