Papstbestattung Loleks letzter Auftritt

In Rom ist der erste Medienpapst in der Geschichte der katholischen Kirche zu Grabe getragen worden. Rund 180 Kardinäle, 200 Staats- und Regierungschefs und Millionen gläubige und weniger gläubige Fans verabschiedeten sich endgültig von Johannes Paul II. Selbst im Tod setzt Karol Wojtyla noch Maßstäbe.

Aus Rom berichtet Dominik Baur




Trauergemeinde und Kardinäle am Sarg des Papstes: Heiligsprechung, aber schnell
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Trauergemeinde und Kardinäle am Sarg des Papstes: Heiligsprechung, aber schnell

Rom - Der Star selbst hat keinen Pomp nötig. Es ist ein schlichter Sarg aus Zypressenholz, in dem Johannes Paul II. um 10.04 Uhr aus dem Dom auf den Petersplatz hinausgetragen wird. Nur ein einfaches Kreuz und der Buchstabe "M" wie Maria schmücken ihn. Zwölf Träger setzen den Sarg vor dem Altar nieder.

So bescheiden der Sarg ist, so gigantisch ist das Medienspektakel. Schon in der Nacht hatten die Menschen ausgeharrt, um auf dem Petersplatz oder zumindest in der auf ihn zu führenden Via della Conciliazione an der Trauerfeier teilzunehmen. Geduldig lassen sich Gottes Schäfchen Richtung Dom schieben. Sie tragen Fahnen aller Herren Länder mit sich, besonders aber polnische - oder Transparente, auf denen "Wadowice" steht, der Name des Geburtsorts von "Lolek", wie die Polen ihren Landsmann auch nennen. Oder "Santo subito", man möge den Papst doch heilig sprechen, und zwar etwas plötzlich.

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Rom: Trauerfeier im Vatikan

Von den Dächern rings um den Petersplatz sind Scheinwerfer auf die riesige Beerdigungsgesellschaft gerichtet; Kamerateams haben sich dort eingerichtet. Es scheint, als hätten sich die Fernsehleute und die Scharfschützen der italienischen Polizei dort Seite an Seite positioniert. Der US-Nachrichtensender CNN soll sich schon seit Jahren in einem besonders günstig gelegenen Penthouse eingemietet haben, nur in Erwartung dieses einen Tages.

Sind es wirklich vier Millionen Menschen? Niemand wagt hinterher in Rom genaue Angaben, wie viele auf dem Petersplatz und den Zufahrtsstraßen tatsächlich an der Trauerfeier für den Papst teilgenommen haben. Dazu kommen diejenigen, die sich das Spektakel auf riesigen Leinwänden etwa im Circus Maximus oder im Olympiastadion ansehen. Es sind unzählige. Die Beerdigung des 264. Pontifex dürfte die größte aller Zeiten sein.

Bush in der zweiten Reihe

Um Sarg und Altar haben sich die Fanblocks gruppiert. Zur Linken des toten Papstes sitzen Vertreter des Klerus, Erzbischöfe, Bischöfe und Priester der Diözese Rom, deren Bischof der Papst ist. Mehr schwarz als violett ist der Block zur Rechten des Papstes. Hier haben sich die hohen politischen Gäste aus rund 200 Nationen versammelt, um dem Staatsoberhaupt des Vatikans die letzte Ehre zu erweisen - darunter Präsidenten, Premiers, Kanzler und Prinzen. Die Herrschaften, denen für gewöhnlich der rote Teppich ausgerollt wird, müssen sich diesmal mit einer Statistenrolle begnügen und sich dem Protokoll des Vatikans beugen. Die Sitzordnung richtet sich nach der alphabetischen Reihenfolge der französischen Ländernamen; so muss sich George W. Bush mit einem Platz in der zweiten Reihe zufrieden geben.

Hinter dem Altar haben die Kardinäle Platz genommen. Anstelle des üblichen Purpur tragen sie heute Scharlachrot - als Zeichen der Trauer, die Farbe soll an das Blut der Märtyrer erinnern. Doch die weitaus meisten Anhänger des Papstes finden sich zu seinen Füßen. Allein auf dem Petersplatz drängen sich rund 300.000 zumeist jugendliche Pilger.

Es sind dies die Menschen, die ihm besonders am Herz lagen und denen er im Sterben liegend ausrichten ließ: "Ich habe euch gesucht, und ihr seid gekommen." Seit vergangenem Samstag, als er starb, sind noch ein paar mehr gekommen. Während auf dem Vorplatz des Doms das strenge katholische Ritual abläuft, herrscht unten ausgelassene Stimmung. Es hat etwas von Weltjugendtag, ja sogar von einem Popkonzert. Immer wieder brandet Applaus auf für das tote Idol. Die Menschen klatschen, schwenken ihre Fahnen und skandieren "Giovanni Paolo", "Santo" oder "We love you, John Paul Two".

Karol Wojtyla hätte diesen Abschied genossen. Er hat ihn genossen, davon sind viele auf dem Platz überzeugt. Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger, der als Dekan des Kardinalskollegiums die Messe abhält, sagt in seiner Predigt: "Sie können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster des Hauses des Vaters steht und uns sieht und segnet." Applaus.

Hoffen auf die Heiligsprechung

Wojtyla war ein Mann der Superlative. Keiner seiner Vorgänger bereiste so viele Länder, traf so viele Menschen, feierte mit ihnen derart gigantische und medienwirksame Gottesdienste in aller Welt, oder sprach so viele selig oder heilig. Kaum einer ernannte so viele Kardinäle oder amtierte auch nur so lange wie Johannes Paul Superstar. Und keiner zog bei seiner Beerdigung solche Massen von Pilgern nach Rom.

In der Krypta unterm Petersdom wird der Leichnam beigesetzt
REUTERS/ Osservatore Romano

In der Krypta unterm Petersdom wird der Leichnam beigesetzt

Wer kann einem solchen Pontifex nachfolgen? Es gehört nicht viel dazu, sich auszumalen, dass manch einer der Kardinäle, die da rechts und links von der Domtür sitzen und direkt auf diese riesige Menschenmenge blicken, insgeheim zu seinem Herrn betet, diesen Kelch beim Konklave an ihm vorübergehen zu lassen. Als "Zukunft und Hoffnung der Kirche" habe der Papst, die Jugend bezeichnet, erinnert Ratzinger in seiner wenig mitreißenden Predigt. Um diese Zukunft nicht zu verspielen, muss der nächste Papst also einen ähnlich direkten Draht zur Jugend haben wie Wojtyla. Einer wie Ratzinger, so nahe der Bayer Johannes Paul auch politisch stand, hat diese Gabe sicher nicht.

So bleibt den jungen Pilgern auf dem Petersplatz vielleicht nur noch die Hoffnung, ihr Idol könnte, wie auf den Transparenten gefordert, besonders schnell heilig gesprochen werden. Dazu müsste er allerdings erst einmal selig gesprochen werden. Das ist zwar frühestens fünf Jahre nach dem Tod möglich. Doch dass auch hier Ausnahmen möglich sind, hat der "Eilige Vater" selbst im Fall von Mutter Teresa gezeigt. Auch hier hat Johannes Paul II. neue Maßstäbe gesetzt.

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