Papstnamen Folgt George Ringo auf John Paul?

115 Kardinäle haben sich in der Sixtinischen Kapelle eingeschlossen, um den 265. Papst zu wählen. Erste Aufgabe des neuen Pontifex wird es sein, sich einen Namen zu geben. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt - doch bisher zeigten sich die Päpste wenig originell.

Von Dominik Baur


Loggia des Petersdoms: Hier wird der Name des neuen Kirchenoberhaupts verkündet werden
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Loggia des Petersdoms: Hier wird der Name des neuen Kirchenoberhaupts verkündet werden

Hamburg - "Wie willst du dich nennen?" wird die zweite Frage sein, die Kardinalsdekan Ratzinger dem Nachfolger von Johannes Paul II. stellt, nachdem dieser die Wahl angenommen hat. Viel Zeit bleibt dann nicht, die meisten der 115 Kardinäle dürften sich also schon insgeheim Gedanken für den Fall der Fälle gemacht haben - sofern sie sich nicht auf eine Eingebung des Heiligen Geistes verlassen wollen. Der Kreativität des "Neuen" sind bei der Namenswahl im Prinzip keine Grenzen gesetzt. Und doch bewies seit über tausend Jahren nur der Italiener Albino Luciani Mut zu Neuem: Er wählte mit Johannes Paul I. den ersten Doppelnamen - mit den beiden Bestandteilen seines Namens huldigte er freilich seinen beiden Vorgängern Johannes XXIII. und Paul VI. Nachfolger Karol Wojtyla seinerseits betrachtet seinen Namen als Hommage an den nur 33 Tage amtierenden "lächelnden Papst".

In der Regel signalisieren Päpste mit der Wahl ihres Namens, an welche Traditionen sie anknüpfen müssen. Wenn man den frühen Papstchroniken Glauben schenken darf, war Papst Lando (913-914) vor Johannes Paul I. der Letzte, der keinen Vorgänger gleichen Namens hatte. Allerdings lag das daran, dass im ersten Jahrtausend die meisten Päpste ihren Taufnamen beibehielten.

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Der erste Papst, der seinen Namen änderte - wenn auch nicht freiwillig - war natürlich Petrus selbst. "Du bist der Fels (griechisch: Petros), auf dem ich meine Kirche bauen werde", hat Jesus dem Neuen Testament zufolge zu seinem Apostel Simon gesagt. Der erste Papst, der sich aus eigenem Antrieb umbenannte, war Mercurius (533-535), der nicht den Namen einer römischen Gottheit tragen wollte und sich daher Johannes II. nannte. Ähnlich ging es Octavianus, der sich von dem römischen Kaiser Augustus distanzieren wollte. Er gab sich 955 den Namen Johannes XII. Ab 996, als sich Bruno von Kärnten in Papst Gregor V. verwandelte, wurde die Umbenennung zur Regel, die von den Ausnahmen Hadrian VI. und Marcellus II. bestätigt wurde. Sie behielten ihren Geburtsnamen bei. Der Brauch knüpft nicht nur bei Petrus an, sondern auch an die Übung in Klöstern, sich einen anderen Namenspatron zu wählen, wenn man das Mönchsgelübde ablegt.

Wie nun wird sich der Nachfolger von Johannes Paul II. nennen? Der römische Volksmund hilft da auch nicht weiter: Ihm zufolge folgt auf einen Namen mit "r" einer ohne diesen Konsonanten. Für den umgekehrten Fall gibt es jedoch keine Regel. Die Briten scherzen gern, nach den John Pauls sei jetzt endlich George Ringo I. an der Reihe, um allen vier Beatles Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Wahl dieses Namens ist selbst bei einem Popmusik-affinen Papst höchst unwahrscheinlich, doch unzulässig wäre sie keineswegs. "Niemand ist gehalten, sich an die bisherigen Sitten zu halten", erklärt der an der Universität Münster lehrende Theologe Horst Herrmann.

Zu den häufigsten Namen von Päpsten zählen Johannes (bereits 23 Mal), Gregor (16), Benedikt (15), Clemens (14), Leo (13), Innozenz (13), Pius (12), Bonifatius (9), Urban (8), Alexander (8) und Paul (6). Im vergangenen Jahrhundert etwa haben sich alle Päpste aus diesem Namensfundus bedient. Viele Päpste benennen sich nach Vorbildern unter den früheren Päpsten, manche wählten den Heiligen des Tages ihrer Wahl, wieder andere gingen nach der Bedeutung des Namens wie im Fall von Pius (lateinisch: fromm) und Innozenz (unschuldig). Angelo Roncalli alias Johannes XXIII. schließlich wollte mit seiner Namenswahl schlicht seinen Vater ehren.

Ein Name, den der Nachfolger Johannes Pauls II. bestimmt nicht wählen dürfte ist Peter II. Will sich doch niemand den Vergleich mit Petrus, dem ersten aller Päpste, anmaßen. Auch für abergläubische Christen wäre der Name noch schlimmer als etwa Pius XIII.: Schließlich geht auf den heiligen Malachias die unheilvolle Prophezeiung zurück, ein Papst mit diesem Namen werde der letzte auf dem Stuhl Petri sein.

Vom Protokoll abweichen müssen die Kardinäle freilich, sollte Ratzinger selbst der Auserwählte sein. Dann muss ein anderer Kardinal, womöglich der Camerlengo, einspringen und ihn nach dem gewünschten Namen fragen. Die Antwort dürfte dann nach Ansicht des Münsteraner Theologen Horst Herrmann "Johannes Paul III." lauten - als Hommage an den langjährigen Pontifex, dessen Amtszeit Ratzinger entscheidend mitgestaltet hat.



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