Papstreise Türken ignorieren Benedikts Lächel-Offensive

Benedikts erster Tag in der Türkei stellte erhebliche Anforderungen an seine Nehmerqualitäten: steinerne Mienen, eisige Stimmung allerorten - doch der Papst lächelte. Wenn dies, wie vielfach unterstellt, ein neuer Kreuzzug sein soll, ist es der samtpfötigste in der Geschichte des Abendlandes.


Ankara - Ankara präsentierte sich heute Mittag, als sei ein größerer Giftmülltransport zu erwarten. Der Flugplatz und seine Umgebung waren nahezu menschenleer, die Zufahrtsstraße ausgestorben, und auf den Hügeln standen bewegungslos die Militärposten. Der Airbus "Piazza del Duomo Lecce" wird gleich nach dem Ausrollen von Elitesoldaten umstellt, über deren Schultern breite, glänzende Patronengürtel hängen. Es wäre Hohn, hinge jetzt irgendwo ein Transparent "Willkommen, Benedikt XVI." Aber es grüßt kein Transparent, noch nicht einmal das.

Benedict XVI,, religiöses Oberhaupt der Türkei, Ali Bardakoglu: "Eine seelsorgerische Reise"
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Benedict XVI,, religiöses Oberhaupt der Türkei, Ali Bardakoglu: "Eine seelsorgerische Reise"

"Das ist keine politische Reise", hat der Papst an Bord der Maschine gesagt. Es sei "eine seelsorgerische Reise und hat zum Zweck den Dialog und den gemeinsamen Einsatz für den Frieden." Seine Stimme war heiser, und er wirkte auch nicht zu Scherzen aufgelegt. Die Journalisten sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein, sagte er. In den nächsten Tagen zählt jedes Wort. "Man darf an drei Tage keine großen Erwartungen stellen. Ich würde sagen, der Sinn ist eher symbolisch." Es geht um die Gesten. Keine Hymne auf dem Flugplatz, keine Wimpel, keine Kinder. Am Fuß der Gangway steht Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und versucht, jedes Lächeln zu vermeiden. Als die beiden den kurzen roten Teppich entlanggehen, zum VIP-Raum des Flughafens, beult sich der Mantel des Papstes an Schultern und Rücken aus, als trüge er tatsächlich eine Schutzweste darunter. Aber das mag täuschen.

Bußgang à la Canossa

Wenn dies, wie die National-Islamisten der "Glückseligkeitspartei" meinen, ein "Kreuzzug" sein soll, um in der Türkei (99 Prozent muslimisch) ein neues Byzanz zu errichten, dann ist es der samtpfötigste in der Geschichte des Abendlands. Eher ein Bußgang à la Canossa, denn klerikale Landnahme. Regensburg lauert überall. Noch im VIP-Raum verspricht Benedikt XVI., der Vatikan würde einen Beitritt der Türkei zur EU natürlich begrüßen. Und wenig später, vorm Grab des laizistischen Staatsgründers Atatürk, verharrt der Papst andächtig, mit ineinander gelegten Händen, als stünde er vor einem Apostelgrab. Er lächelt weiter, als Erdogan ihm, aus Versehen, den Deckel einer Geschenkschatulle auf die Finger fallen lässt. Er lächelt, als ihn der Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer mit steinernem Gesicht empfängt. Und er lässt sich auch gefallen, dass nachmittags, beim Empfang des diplomatischen Korps, sich der Doyen (aus dem sehr muslimischen Oman) von seinem Vize vertreten lässt.

Bei seinen beiden Ansprachen an diesem Tag folgt dem Wort "christlich" stets das "und muslimisch". Es soll der Anschein vermieden werden, als fordere der Pontifex eine Sonderrolle für seine Glaubensbrüder, -schwestern und -cousins.

"Es gibt sehr viele christliche und muslimische Monumente, die von der ruhmreichen Vergangenheit der Türkei zeugen", sagt er dem Chef des staatlichen Religionsamtes, Ali Bardakoglu, und spricht von der türkischen Denkmalpflege, während in Anatolien seit Jahrzehnten Kirchen und Friedhöfe von Armeniern, Griechen, Syriaken aktiv verfallen lassen werden. Er spricht vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das die gemeinsamen abrahamitischen Wurzeln von Islam und Christentum benannt hat. "Die Christen und die Muslime lenken, je nach ihren entsprechenden Religionen, die Aufmerksamkeit auf die Wahrheit des heiligen Wesens und der Würde des Menschen."

Jeder fürchtet ein neues Regensburg

Dann zeigt der Papst einen Augenblick lang seinen Sinn für Humor. "Ich möchte einige Sätze von Papst Gregorius VII. aus dem Jahr 1076 zitieren, die er an einen muslimischen Prinzen aus Nordafrika richtet...", fängt er an, und jeder fürchtet schon ein neues Regensburg, eine neue missverständliche Koran-Exegese. Benedikt XVI. scheint diesen Moment zu genießen. Er fährt fort: "Gregorius VII sprach von der speziellen Liebe ("caritas"), die Christen und Muslime sich gegenseitig schuldig sind, denn wir glauben und bezeugen den einen Gott, wenn auch in verschiedener Weise, jeden Tag loben wir ihn und verehren ihn als Schöpfer der Jahrhunderte und Herrscher dieser Welt."

Während Benedikt XVI. bei seinen Reden regelmäßig die Herrschaft des Laizismus in den industriellen Gesellschaften geißelt, schafft er es in Ankara, dem diplomatischen Korps die Vorzüge der hierzulande praktizierten "Regimes der Laizität" zu preisen, wo "die Zivilgesellschaft klar von der Religion getrennt wird, so dass jede in ihrem eigenen Bereich autonom sein kann, stets in Respekt für die Sphäre des anderen".

Mit einer rhetorischen Kunstfigur, dem Lob eines angeblich schon Bestehenden, fordert der Papst auch die Verwirklichung der Verfassung: "Ich freue mich, dass die Gläubigen, welcher religiösen Gemeinschaft sie auch angehören, weiterhin diese Rechte genießen, in der Gewissheit, dass die Religionsfreiheit ein grundlegender Ausdruck der menschlichen Freiheit ist."

Am Mittwoch wird Benedikt XVI. nach Izmir (Smyrna) zum angeblichen Sterbeort Mariens weiterfahren und später nach Istanbul alias Konstantinopel. Und wieder werden die Passanten am Straßenrand nicht die Hände aus den Taschen nehmen, wenn der Papst-Konvoi vorbeifährt. Eine Reise durch die Gleichgültigkeit.

Es bleibt Benedikt XVI. nur ein Trost: Seinem Vorgänger ging es auch nicht besser. Auch der kryptoheilige Johannes Paul II. bereiste gleich zu Beginn seines Pontifikats Ankara, Istanbul und Ephesus und wurde im November 1979 genauso kühl abgefertigt, genauso mit Beschimpfungen und Attentatsdrohungen versehen wie der Papst aus Bayern.



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