Fotograf in Kaliforniens Flammenhölle "Ich legte meine Kamera weg. Meine Hände zitterten"

Die Flammen fraßen sich von Haus zu Haus: Der Fotograf Josh Edelson hat das Feuer im kalifornischen Paradise dokumentiert - und zeigt die Arbeit, die nun beginnt. Überall finden Helfer verbrannte Leichen.

AFP

Das Feuer war einfach überall. Die Stadt hatte keine Chance.

Seit Jahren fotografiert Josh Edelson Waldbrände. Doch ein Inferno wie im kalifornischen Paradise hat er noch nie erlebt. Erst allmählich wird klar, wie verheerend das "Camp Fire" für die Gegend nördlich von Sacramento war.

Nach und nach werden weitere Leichen aus Häusern und Autos geborgen. 81 Menschen sind laut dem Sheriff des betroffenen Bezirks Butte bislang durch das "Camp Fire" ums Leben gekommen. Einsatzkräfte suchen weiter nach Vermissten. Deren Zahl lag zuletzt noch bei knapp 700.

Die Flammen selbst sind laut der Feuerschutzbehörde Cal Fire mittlerweile zu rund 75 Prozent eingedämmt. Bisher breiteten sie sich auf 616 Quadratkilometern aus, das entspricht rund zwei Dritteln der Fläche Berlins. Mehr als 11.000 Häuser wurden zerstört, mehrere Hundert Gebäude stark beschädigt. Diese Zahlen zeigen: Das "Camp Fire" ist außergewöhnlich.

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Fotograf beim Waldbrand in Paradise: "Die Stadt hatte keine Chance"

Fotograf Edelson erinnert sich gut an den Morgen des 8. November, als der Waldbrand ausbrach, wie er der Nachrichtenagentur AFP schildert:

Ich bin um 8 Uhr aufgewacht, ein Freund hatte mir bereits eine Nachricht über das Feuer geschickt. Zu diesem Zeitpunkt brannten in einem Waldgebiet etwa vier Quadratkilometer, bei geringer Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeiten von mehr als 80 Kilometern pro Stunde. Als freier Fotograf jage ich seit Jahren Bränden hinterher - und mir schien es, als könnte dieses Feuer ein größeres Problem werden.

Um 9 Uhr bin ich losgefahren, Richtung Norden. Bei Bränden haben Feuerwehrleute strikte Prioritäten: Sie wollen vor allem Leben retten. Dann wollen sie Eigentum schützen.

Edelson kam gegen 12.45 Uhr in Paradise an. Zu diesem Zeitpunkt wüteten die Flammen bereits mit voller Kraft in der 27.000-Einwohner-Stadt.

Mit das Erste, was ich gesehen habe, war ein brennendes Krankenhaus. Die Patienten wurden gerade aus der Klinik gebracht. Okay, dachte ich, die Feuerwehrleute schaffen es nicht, die Flammen von wichtigen Gebäuden fernzuhalten - die Lage ist ernst.

Wie ernst es werden sollte, wusste ich noch nicht. Doch ich bekam bald eine Ahnung davon. Ich stand mit meinem Auto auf einer Kreuzung, an jeder Ecke brannten Gebäude. Zunächst hatte ich einen klaren Blick auf die Häuser. Doch es gab heftige Windstöße, und es wurde wegen des Rauchs zwischenzeitlich komplett schwarz, sodass man die Hand vor Augen nicht sehen konnte.

Ich machte ein paar Fotos aus dem Auto und überlegte, ob es sicher wäre, aus dem Wagen auszusteigen. Da kam plötzlich ein drei Meter hoher Feuerwirbel auf mich zu. Ich wollte kein Risiko eingehen und legte den Rückwärtsgang ein. Als ich ausstieg, schwankten die Stromleitungen heftig, einige rissen ab und fielen direkt vor mein Auto.

Im Video: Das zerstörte Paradise

Kamera One

Überall in der Stadt beobachtete Edelson ähnliche Szenen:

Haus für Haus, Geschäft für Geschäft ging in Flammen auf. Es gab ein großes Einkaufszentrum mit einem dieser riesigen Parkplätze. Ein solcher Parkplatz bietet meistens einen guten Schutz vor Flammen. Diesmal nicht. Das Feuer fraß sich langsam durch das Einkaufszentrum.

Überall, wo ich hinging, war es so. Bis zum nächsten Morgen waren 90 Prozent in der Gegend abgebrannt. Die Macht und die Wut dieses Feuers waren atemberaubend.

Was es besonders gefährlich machte, war nicht nur die Geschwindigkeit, mit der Flammen kamen, sondern auch die bergige Gegend. Die Straßen hier sind schmale Bergstraßen. Deshalb standen viele flüchtende Menschen in Staus. Sie kamen einfach nicht raus aus Paradise. Die Flammen schlängelten sich wegen der Windstöße über die Straßen. Man konnte teilweise nicht hindurchfahren, ohne dass das Auto Feuer fing.

Im Video: Dramatische Flucht vor den Flammen

DER SPIEGEL

Es gibt zwei Teile bei der Berichterstattung über Waldbrände: das aktuelle Feuer und die Auswirkungen. Beim "Camp Fire" sind es die Auswirkungen, die mich nachhaltig beeinflusst haben.

In den folgenden Tagen hielt Edelson die Suche nach Vermissten und das Bergen von Leichen fest:

Einmal gingen wir in ein abgebranntes Haus, in dem eine Leiche lag. Die Rettungskräfte hoben ein Metalldach hoch. Der Körper war komplett verbrannt, aber man konnte den Gesichtsausdruck der Person erkennen. Ich glaube, es war eine Frau. Die Augen waren offen, das Gesicht vor Angst erstarrt. Es war, als hätte sich der Gedanke, dass sie gleich in diesem Feuer sterben würde, in ihr Gesicht eingeprägt.

"Es war so grausam"

Ich legte meine Kamera weg und schlotterte. Plötzlich spürte ich eine solche Verbindung zu dieser Frau und der Angst, die sie gefühlt haben musste. Meine Hände zitterten. Ich habe bei vielen Waldbränden fotografiert, aber so etwas habe ich noch nie gefühlt. Ich habe die Fotos aus Respekt vor der Familie nicht archiviert. Es war so grausam.

Am nächsten Tag fanden wir einen toten Mann, der zwischen zwei Fahrzeugen lag, mit den Armen auf der Brust. Eine verbrannte Leiche zu bewegen, ist schrecklich. Die Körper sind so steif, es ist, als würde man eine wirklich schwere Schaufensterpuppe bewegen. Es ist wie in einem Horrorfilm. Man beobachtet und betet, dass nicht ein Körperteil abfällt, wenn sie die Leiche bewegen. Gleichzeitig fragt man sich, wie diese Person starb. Was hat sie getan, was hat sie gedacht?

Ich versuchte, Fotos von diesem Mann zu machen, auf denen er nicht identifizierbar ist. Aber es ging einfach nicht. Ich kann diese Bilder nicht abschicken, dachte ich, als ich sie später durchsah. Seine Familie wird sie sehen und seinen Schuh erkennen, die Autos, neben denen er lag. Es war die ganze Zeit so. Ich hatte viele moralische Kämpfe mit mir während dieses Waldbrandes.

wit

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