Paris im Winter "Sie haben das noch nie gesehen, so viel Schnee in Paris"

Zum ersten Mal seit Jahren hat es in Paris ordentlich geschneit - und schon ist Schluss mit Normalität, sogar der Eiffelturm schließt. Unterwegs in einer fast lahmgelegten Stadt.

LANGSDO/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Von , Paris


Vor der Uni Diderot im 13. Pariser Bezirk werfen die Studenten am Morgen Schneebälle, lachen und schreien wie kleine Kinder. "Habt ihr gehört, der Eiffelturm ist geschlossen", ruft Ahmed, 22 Jahre, ein Sinologiestudent, der bei Apple am Pariser Opernplatz in Sichtweite des berühmten Eisenturms jobbt.

Nanu, der Eiffelturm geschlossen? Was ist los in Paris? Ein neues Attentat? Oder beginnen schon die Olympischen Spiele? Nein, es hat nur geschneit. Paris zeigt sich in weiß, ausnahmsweise. Seit dem Winter 2012/13 gab es in der französischen Hauptstadt keinen anhaltenden Schneefall mehr.

"Als ich aufwachte und aus dem Fenster schaute, sagte ich mir: Heute werde ich nicht zur Arbeit gehen", erzählt David, der 50-jährige Wirt des Café Autobus im 11. Bezirk. Dann aber hörte er seinen Nachbarn, einen Chinesen, der pünktlich wie immer aufbrach. "Ich dachte mir: Die Chinesen sind zu allem fähig, und fuhr doch zur Arbeit. Schließlich habe ich ein deutsches Auto." David bereut es schon. Sein Café ist leer. "Alles ist ruhig", sagt der Wirt. Er schaut über die Straße auf einen Spielplatz, wo sich Grundschulkinder mit Schnee bewerfen: "Das ist die neue Generation. Sie haben das noch nie gesehen, so viel Schnee in Paris."

Gegenüber beim Bäcker Dupain ist der 16-jährige Lehrling Théo mittags völlig erschöpft. Normalerweise fährt sein Kollege die Baguettes mit dem Lastwagen aus, in 60 verschiedene Pariser Restaurants. Heute musste Théo das Pensum mit Fahrrad, Métro und zu Fuß erledigen. Morgens ging er in den Keller der Bäckerei und holte die Vorräte an grobem Kochsalz hoch. Kaum ein Gehsteig, kaum eine Straße in Paris, nur die ganz großen Boulevards sind an diesem Tag gestreut. Doch vor der Bäckerei Dupain ist jetzt der Schnee geräumt - dank Kochsalz.

"Die Leute sind gut drauf"

In der kleinen Hinterhofgasse neben der Bäckerei wohnt seit dem vergangenen Sommer der Obdachlose Rodericke, 33 Jahre. Er stammt aus Holland, aber lebt schon seit vielen Jahren in Paris. Seine Decken sind noch schneebedeckt, aber die guten Bücher, die er liest, hat er sorgfältig unter Plastikplanen verstaut. "Vom letzten Houellebecq bleiben mit noch vier Seiten. Aber schau dir meine Hände an! Ich habe Frostbeulen. Ich konnte das Buch nicht länger halten", sagt Rodericke. In der einen Hand hält er einen Joint. In die andere Hand steckt ihm ein Passant einen Fünfeuroschein. "Die Nacht war scheußlich", sagt Rodericke, "aber die Leute sind gut drauf. Alle machen Selfies. Die Kinder jubeln. Das ist schön."

Doch nicht alle Pariser genießen den Schnee. 700 Kilometer Stau wurden am Vorabend rund um Paris gemessen. Kein Bus fährt mehr durch die Hauptstadt. Die Bahnen fahren nur noch halbes Tempo, sogar der Superschnellzug TGV. Wer schimpft, wie schlecht die Bahnen in Deutschland bei Schneefall fahren und wie schlecht dann in Deutschland die Straßen geräumt sind, hat keine Vorstellung, wie Paris gerade funktioniert - draußen nämlich kaum noch.

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Winterchaos: Paris im Schnee

Am Morgen hatte man als Radfahrer den großen Boulevard Voltaire zwischen dem Platz der Nation und dem Platz der Republik fast allein, nur für sich. Die eisernen Balkongitter an den Seiten zogen weiße Linien in die alten Gemäuer. Die Métro-Zeichen leuchteten gelb im schneebedeckten Rund. Wenn der Eiffelturm schließt, ist in Paris eben doch irre was los.



insgesamt 5 Beiträge
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le.toubib 07.02.2018
1. SO selten?
Kurz vor Weihnachten 2008 war es auch nicht besser! Selbst die Autobahnen waren an manchen Einfahrten gesperrt, auch der Autobahngrenzübergang Saarland - Lothringen. Gott sei Dank kannte unser Busfahrer, ein Franzose sämtliche Tricks, wo man auf die Autobahn fahren konnte und wo rechtzeitig wieder runter, um Polizeisperren zu umfahren. Dafür dauerte die Fahrt gute zwei Stunden länger als üblich, aber auch ein kleines Abenteuer! Und am Hotel kamen wir dennoch pünktlich an, der Fahrer liess einfach die sonst anscheinend obligate Stadtrundfahrt mit dem Besuch des Tours Montparnasse weg. Nichts gegen den Tours Montparnasse, aber ich weiss nicht einmal mehr, wie oft ich da schon oben war. Dann doch lieber ab ins Hotel und wärmere Kleidung angezogen. Aber es stimmt, Paris komplett in Weiss hat was - wenn man abends nach Stunden die ersten Fussspuren im Schnee unter dem Grande Arche hinterlassen kann und am nächsten Morgen noch findet! Einfach zauberhaft ...
natascha_k 08.02.2018
2. Lange ist es her
Meine Güte, als ob 2012/2013 schon ewig her gewesen wäre. Ich glaube Schnelllebigkeit nimmt neben der Zeit zum Leben auch das Zeitgefühl.
jhea 08.02.2018
3. Ist schon lustig...
ist in Deutschland ja zT auch so. Da treffen sich zB zwei Schneeflocken über Hannover, und schon gibt es ein Verkehrschaos sondergleichen.
seine-et-marnais 08.02.2018
4. Träumereien und Realität
Gott sei Dank hat sich Hidalgo für die Sommerolymiade entschieden, ansonsten, siehe was passiert ist. Aber im Ernst, wenn tausende von Autofahrern auf der N118, die in Sèvres am Pont, praktisch an der Metro beginnt, eine Nacht lang festsitzen, dann zeigt sich doch dass da etwas nicht stimmt. Wenn dann Paris malerisch weiss ist, und Hidalgo sagt dass es in Paris so recht gut ging, dann zeigt sich nur die Missachtung der Bewohner der Banlieue, denn die sassen fest. RER und Vorortzüge nur ausgedünnt, keine Strassenbahnen in den Vororten, und vor allem keinerlei Busse. So fahren/fuhren selbst keine Busse mehr im Département Seine-St Denis, also in den nördlichen unmittelbar an die Stadt Paris angrenzenden Vororten, zB St Ouen (Flohmarkt), St Denis (Stade de France). Und was sagten die Behörden, nehmen Sie die Öffentlichen Verkehrsmittel. Natürlich muss man die Ausnahmesituation berücksichtigen, und ich war ganz froh dass man uns nicht den Strom abgeschnitten hat (alles schon erlebt), aber all dies zeigt dass da mit Olympiaden usw grosskotzig geplant wird, dass aber vergessen wird dass die Infrastruktur was Verkehr und Versorgung betrifft auch bei hochtrabenden Planspielen im Alltag ausreichend sein muss. So führt die N118 direkt zum Plateau von Saclay. Dort geplant war die Weltausstellung 2025, jetzt abgesagt, und selbstverständlich ist eine Metro dort draussen geplant, auch jetzt noch, die zu dem Prestigeprojekt führen sollte, vorbei an muhenden Kühen auf der Weide. Die N118 ist eine 'Berg- und Talbahn' bestehend aus vielen Steigungen und Gefällen, es ist die 'Autobahn' vom Pariser Westen Richtung südliche Banlieue und zu Autobahnen Richtung Süd- und Westfrankreich, dass man hier nichts gemacht hat ist schlicht unverständlich. Nachsatz: Was bemerkenswert war, die Preise für Fahrten in Wagen mit Chauffeur, also die Uber-Taxis, vervielfachten sich, das Spiel von Angebot und Nachfrage.
OhMyGosh 08.02.2018
5. Mon Dieu!!!
In Macrons schönem Land ist weder der ÖPNV noch der Renault des Monsieur Hulot en marche? Quelle mauvaise suprise... und dass der TGV nur Schritttempo fährt, zeigt, dass Deutschland und Frankreich wirklich sehr enge Freunde sind... die Bahn rumpelt hüben wie drüben, wenn ein paar Flocken fallen... wie schon Antoine sang: Juste quelques flocons qui tombent~~~
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