Terroranschläge während des Länderspiels Ein Knall. Ein zweiter. Ein dritter

Es sollte ein fröhlicher Fußballabend werden in Paris. Stattdessen erlebt Frankreichs Hauptstadt die schlimmsten Terrorattacken ihrer Geschichte. Die Menschen im Stadion reagieren erst ängstlich, fast panisch - doch die Stimmung dreht sich rasch.

Französischer Fan im Stadion: Fußball ist nicht mehr wichtig
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Französischer Fan im Stadion: Fußball ist nicht mehr wichtig

Aus Paris berichten und


70.000 Menschen waren am Freitagabend ins Stade de France in den Norden von Paris gekommen, um Fußball zu gucken. Doch das Fußballspiel war nach 20 Minuten eigentlich vorbei. Auch wenn es die Spieler und die meisten Zuschauer zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten.

Eine Explosion hatte nach 20 Minuten das Stadion erschüttert, ein gewaltiger Knall, Minuten später ein zweiter, dann ein dritter. Kein Krach, wie man ihn von Feuerwerkskörpern von Hooligans kennt, das war eigentlich allen klar. Wie man nun weiß: Es war der Auftakt der fürchterlichen Terrorwelle, die an diesem Abend die französische Hauptstadt überzogen hat.

Aber da man im Stadion selbst sonst nichts sah, nichts hörte, wurde ungeachtet dessen auf dem Platz das Spiel fortgesetzt, während sich vor allem auf der Ehrentribüne die Meldungen aus der Stadt verbreiteten. Frankreichs Präsident François Hollande verließ das Stadion bereits zur Halbzeit. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier verfolgte die Partie dagegen noch weiter bis zum Ende. Auch die gesamte DFB-Spitze war im Stadion und dachte womöglich darüber nach, dass es noch wichtigere Dinge gibt als die Besetzung des neuen Präsidentenjobs.

Eilmeldungen via Twitter auf der Pressetribüne

Bereits am Nachmittag war das deutsche Teamhotel am Bois de Boulogne wegen einer Bombendrohung kurzzeitig geräumt worden. Aber niemand hatte dem Vorfall wirklich große Bedeutung beigemessen. Im Nachhinein sieht man auch das vielleicht anders.

Im Lauf der zweiten Hälfte liefen via Twitter die Eilmeldungen vor allem auf der Pressetribüne ein: Schießerei im Stadtzentrum, möglicherweise Granatenbeschuss in der Nähe des Stadions, die Zahl der Toten stieg. Während die Zuschauer sogar noch das 2:0 ihrer Franzosen bejubelten, weil sie noch nichts wussten, war Fußball längst komplett unwichtig geworden. Hubschrauber kreisten über dem Stade de France, während Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und Co. noch dem Ball hinterherliefen.

Video: Wie die Menschen im Stadion die Detonationen erlebten

Was tun in so einer Situation? Die Verantwortlichen entschieden sich, die Partie regulär zu Ende zu führen. Es gab keine Durchsagen vom Stadionsprecher über das Geschehen, nichts. Die Alternative, das Spiel abzubrechen, eine Massenpanik zu provozieren - dieser Gefahr wollte sich niemand aussetzen. Auch die Maßnahme, das Spiel während der Partie komplett abzuriegeln, gründete wohl in der Überlegung: Im Stadion sind die Menschen im Moment am sichersten.

Die Zuschauer konnten relativ geordnet den Heimweg antreten

Rechtzeitig zum Abpfiff öffneten sich allerdings wieder die Stadiontore, die Lage in Saint Denis hatte sich im Gegensatz zu der im Pariser Stadtzentrum offensichtlich beruhigt. Langsam realisierten die Zuschauer, dass sich an diesem Abend in ihrer Stadt Schreckliches ereignet hat.

Im Stade de France: Fans trösten einander
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Im Stade de France: Fans trösten einander

Als beim Verlassen des Stadions plötzlich ein unvermittelt lautes Geräusch zu hören war, rannten mehrere Hundert Zuschauer, die das Stadion schon verlassen hatten, panikartig wieder zurück, flüchteten sich in die Katakomben. Deutsche Fans, darunter auch ein Mann mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm, drückten sich hinter die Stadionpfeiler. Auch wenn es zum Glück falscher Alarm war. Es war nur ein Motorrad, das röhrend durchgestartet war.

Von Chaos, von Durcheinander war ansonsten in Saint Denis nichts zu spüren. Die Polizei tat ruhig ihre Arbeit, leitete die Zuschauerströme auf den Heimweg. Auch wenn überall Blaulicht, Sirenen, Polizisten das Bild beherrschten. Ein Taxi zu bekommen oder die U-Bahnstationen zu betreten - daran war allerdings nicht zu denken. Aber die Leute nahmen es erstaunlich gelassen. Jeder hatte sein Smartphone als Infoquelle dabei, jeder wollte wissen, was da los ist in der Stadt, ihrem Paris.

Wenn irgendwo in einem Café, einem Bistro ein Fernseher lief, bildeten sich Trauben, aber nicht lange. Ein Café, auch das wissen die Leute seit diesem Abend, ist kein sicherer Platz. Also schnell weiter. Die Menschen versammelten sich lieber in den Hauseingängen, die vermeintlich Sicherheit versprachen, überall bildeten sich Grüppchen, alle hatten nur ein Thema, und das war nicht der Fußball. Es gab noch keine Normalität in Saint Denis, aber vermeintliche Ruhe. Im Stadtzentrum wurde da noch geschossen.

Eine Stadt im Ausnahmezustand, und dennoch gefasst.

Video: Mindestens 120 Menschen sterben bei Terrorserie in Paris

Video: Explosionen waren im Stadion zu hören

Terrorziele in Paris
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Fotos: AP, AFP, dpa
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Stade de France
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4
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6
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