Es ist Mitte Januar, als ich im eisigen Weimar aus dem Zug steige. Die Grünen-Bundestagsabgeordneten treffen sich in der tief verschneiten Klassikerstadt zur Fraktionsklausur. Weimarer Winteridylle. Auch die Grünen wirken in diesen Tagen harmonisch wie selten: kein Personalstreit, kein inhaltlicher Zwist.
Aber warum auch? Sie sind eine Partei am Rande der Bedeutungslosigkeit - im Bund sitzen die Grünen in der Opposition, in den Ländern regieren sie außer im winzigen Saarland und den Stadtstaaten Hamburg und Bremen nirgends mehr mit.
"Weimarer Erklärung" heißt das Papier, mit dem sich die Abgeordneten nach dreitägiger Klausur zu Wort melden. Kaum einer bekommt es mit. Das dürfte ein tristes Jahr für mich als Grünen-Berichterstatter werden, denke ich mir bei der Rückfahrt nach Berlin.
Weit gefehlt.
Ein Dreivierteljahr später sind die Grünen obenauf. Selbst in mancher bundesweiten Umfrage haben sie die SPD überholt, im schwarzen Baden-Württemberg dürfen die Grünen vom Ministerpräsidentenposten träumen. So dicht sind sie der politischen Konkurrenz auf den Pelz gerückt, dass die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel zum Ausdruck der höchsten Wertschätzung greift: Sie erklärt die Grünen zum Hauptgegner. Am 24. November wird das bei der Bundestagshaushaltsdebatte auch dem letzten Sozialdemokraten klar. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier tut Merkel mit einem beinahe mitleidigen ersten Satz ab, dann arbeitet sie sich an den Grünen ab.
Was ist passiert seit Weimar?
Da ist erst mal Nordrhein-Westfalen - wo die Grünen nach der Landtagswahl am 9. Mai plötzlich wieder regieren, gemeinsam mit der SPD. Auch wenn es nur für eine Minderheitsregierung reicht, NRW ist das Kraftzentrum der Republik, das zählt. Die Grünen spielen wieder mit - was sie wenige Wochen später nach dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler erneut beweisen: Joachim Gaucks Kandidatur ist ihre Idee, trotz der Niederlage gegen Christian Wulff wird sie zum Triumphzug.
Und dann ist da natürlich der politische Widerstand - gegen Stuttgart 21, gegen die schwarz-gelbe AKW-Laufzeitenverlängerung. Die Grünen, von Schwarz-Gelb als "Dagegen-Partei" geschmäht, sind die Protest-Gewinnler des Jahres.
Freiburg im Nebel, Ende November, 800 grüne Delegierte treffen sich zum Bundesparteitag. Mit Mühe finde ich einen Platz an den Pressetischen. 400 Journalisten sind akkreditiert. Die Grünen sind auf dem Weg zur Volkspartei - und viele wollen mit dabei sein.
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