Parteipolitik: Das grüne Wunder

Schlecht war es lange um die Relevanz der Grünen bestellt, doch siehe da: 2010 schaffte die alte-neue Protestpartei einen Triumphlauf, dessen Fortsetzung garantiert scheint. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Florian Gathmann über die Polit-Gewinner des Jahres.

Glückstrunken: Grünen-Chefs Claudia Roth, Cem Özdemir auf dem Parteitag im November Zur Großansicht
Getty Images

Glückstrunken: Grünen-Chefs Claudia Roth, Cem Özdemir auf dem Parteitag im November

Es ist Mitte Januar, als ich im eisigen Weimar aus dem Zug steige. Die Grünen-Bundestagsabgeordneten treffen sich in der tief verschneiten Klassikerstadt zur Fraktionsklausur. Weimarer Winteridylle. Auch die Grünen wirken in diesen Tagen harmonisch wie selten: kein Personalstreit, kein inhaltlicher Zwist.

Aber warum auch? Sie sind eine Partei am Rande der Bedeutungslosigkeit - im Bund sitzen die Grünen in der Opposition, in den Ländern regieren sie außer im winzigen Saarland und den Stadtstaaten Hamburg und Bremen nirgends mehr mit.

"Weimarer Erklärung" heißt das Papier, mit dem sich die Abgeordneten nach dreitägiger Klausur zu Wort melden. Kaum einer bekommt es mit. Das dürfte ein tristes Jahr für mich als Grünen-Berichterstatter werden, denke ich mir bei der Rückfahrt nach Berlin.

Weit gefehlt.

Ein Dreivierteljahr später sind die Grünen obenauf. Selbst in mancher bundesweiten Umfrage haben sie die SPD überholt, im schwarzen Baden-Württemberg dürfen die Grünen vom Ministerpräsidentenposten träumen. So dicht sind sie der politischen Konkurrenz auf den Pelz gerückt, dass die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel zum Ausdruck der höchsten Wertschätzung greift: Sie erklärt die Grünen zum Hauptgegner. Am 24. November wird das bei der Bundestagshaushaltsdebatte auch dem letzten Sozialdemokraten klar. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier tut Merkel mit einem beinahe mitleidigen ersten Satz ab, dann arbeitet sie sich an den Grünen ab.

Was ist passiert seit Weimar?

Da ist erst mal Nordrhein-Westfalen - wo die Grünen nach der Landtagswahl am 9. Mai plötzlich wieder regieren, gemeinsam mit der SPD. Auch wenn es nur für eine Minderheitsregierung reicht, NRW ist das Kraftzentrum der Republik, das zählt. Die Grünen spielen wieder mit - was sie wenige Wochen später nach dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler erneut beweisen: Joachim Gaucks Kandidatur ist ihre Idee, trotz der Niederlage gegen Christian Wulff wird sie zum Triumphzug.

Und dann ist da natürlich der politische Widerstand - gegen Stuttgart 21, gegen die schwarz-gelbe AKW-Laufzeitenverlängerung. Die Grünen, von Schwarz-Gelb als "Dagegen-Partei" geschmäht, sind die Protest-Gewinnler des Jahres.

Freiburg im Nebel, Ende November, 800 grüne Delegierte treffen sich zum Bundesparteitag. Mit Mühe finde ich einen Platz an den Pressetischen. 400 Journalisten sind akkreditiert. Die Grünen sind auf dem Weg zur Volkspartei - und viele wollen mit dabei sein.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Scheint wohl niemanden so recht zu interessieren,
wifgas 25.12.2010
Zitat von sysopSchlecht war es lange um die Relevanz der Grünen bestellt, doch siehe da: 2010 schaffte die alte-neue Protestpartei einen Triumphlauf, dessen Fortsetzung garantiert scheint. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Florian Gathmann über die Polit-Gewinner des Jahres. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,734340,00.html
aber das liegt wohl daran, dass vor einigen Wochen dieses Thema bereits zur Debatte stand und auch damals nur wenig Resonanz brachte. Meinetwegen sollen sie vorankommen, die grünen Wundermänner-frauen, wenn sie es bis zur Regierungs(mit)verantwortung schaffen, werden sie ihr blaues Wunder erleben. Man wird sie blockieren, wie sie jahrzehntelang andere blockiert haben...mit pc-Phrasen und "dagegen immer"... Der ganz große "nachhaltige" Erfolg wird wohl ausbleiben, der von ihnen mitgepflegte Multikulti-Wahn wird verfliegen, man kann ja nicht dauerhaft gegen Dinge sein, von denen 70 bis 80 % der (faschistoiden, ausländergehässigen ?) deutschen Bevölkerung positiv überzeugt sind (Reglementierung der Migrantencausa z.B.). Ich finde sogar, dass man ihnen sowas wie das Finanzressort geben sollte, dann dürfen sie all diese Ausgaben für unendliches Sozial-Irgendwas vor dem Volk vertreten und dabei den Kollaps entscheidend voranbringen... Viel Glück.
2. ++
saul7 25.12.2010
Zitat von sysopSchlecht war es lange um die Relevanz der Grünen bestellt, doch siehe da: 2010 schaffte die alte-neue Protestpartei einen Triumphlauf, dessen Fortsetzung garantiert scheint. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Florian Gathmann über die Polit-Gewinner des Jahres. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,734340,00.html
Die Grünen stehen bei den Wählern zurzeit hoch im Kurs, weil die beiden anderen großen Parteien keine echte Alternative bieten. Sie sind eine Verlegenheitslösung und werden nach einigen Jahren in der Regierungsverantwortung wahrscheinlich schnell an Zuspruch verlieren.....
3. ++
saul7 25.12.2010
Zitat von wifgasaber das liegt wohl daran, dass vor einigen Wochen dieses Thema bereits zur Debatte stand und auch damals nur wenig Resonanz brachte. Meinetwegen sollen sie vorankommen, die grünen Wundermänner-frauen, wenn sie es bis zur Regierungs(mit)verantwortung schaffen, werden sie ihr blaues Wunder erleben. Man wird sie blockieren, wie sie jahrzehntelang andere blockiert haben...mit pc-Phrasen und "dagegen immer"... Der ganz große "nachhaltige" Erfolg wird wohl ausbleiben, der von ihnen mitgepflegte Multikulti-Wahn wird verfliegen, man kann ja nicht dauerhaft gegen Dinge sein, von denen 70 bis 80 % der (faschistoiden, ausländergehässigen ?) deutschen Bevölkerung positiv überzeugt sind (Reglementierung der Migrantencausa z.B.). Ich finde sogar, dass man ihnen sowas wie das Finanzressort geben sollte, dann dürfen sie all diese Ausgaben für unendliches Sozial-Irgendwas vor dem Volk vertreten und dabei den Kollaps entscheidend voranbringen... Viel Glück.
Vor diesem Hintergrund hat die Überlegung einen gewissen Reiz, was passiert wäre, wenn Fischer damals nicht das Aussenministerium (Wohlfühlministerium) sondern eben jenes Finanzministerium übernommen hätte....Er wäre wahrscheinlich sehr schnell entzaubert worden!
4. Money changing everything
capitain_future 25.12.2010
Zitat von wifgasaber das liegt wohl daran, dass vor einigen Wochen dieses Thema bereits zur Debatte stand und auch damals nur wenig Resonanz brachte. Meinetwegen sollen sie vorankommen, die grünen Wundermänner-frauen, wenn sie es bis zur Regierungs(mit)verantwortung schaffen, werden sie ihr blaues Wunder erleben. Man wird sie blockieren, wie sie jahrzehntelang andere blockiert haben...mit pc-Phrasen und "dagegen immer"... Der ganz große "nachhaltige" Erfolg wird wohl ausbleiben, der von ihnen mitgepflegte Multikulti-Wahn wird verfliegen, man kann ja nicht dauerhaft gegen Dinge sein, von denen 70 bis 80 % der (faschistoiden, ausländergehässigen ?) deutschen Bevölkerung positiv überzeugt sind (Reglementierung der Migrantencausa z.B.). Ich finde sogar, dass man ihnen sowas wie das Finanzressort geben sollte, dann dürfen sie all diese Ausgaben für unendliches Sozial-Irgendwas vor dem Volk vertreten und dabei den Kollaps entscheidend voranbringen... Viel Glück.
Ich sehe die Grünen (wie ich auch die Gelben) als Minderheitspartei an,die zwar vor langer Zeit mal eine Version hatten und Alternativen zu damaligen Parteien darstellen. Aber ob Grün,Gelb oder Rosa... Jedoch ist es Schnee von gestern, die Haare wurden kürzer, die Klamotten ne Nummer besser, die Bankkontos und Autos immer größer,dank MRD. Steuergelder und Parteispenden. Kaum noch Unterschiede zu den Alt Bozen CDU,SPD,FDP..eben hübsche Parteiposten und viele schöne fette Geld! Und dazu schwerwiegende negative Ergebnisse für unser Land: getürkter Umweltschutz - einfache Dinge teuer bezahlt.Alles mit grünen Punkt. übertriebener Umweltschutz - guck euch den Rest von Europa mal an! einseitige unsoziale Subventionen-Klein Bauer darf in Deutschland nicht jeder werden. Technik und Fortschritt Feindlichkeit kostet unsere Zukunft. Kein Eigentum -Kein Wohlstand-Soziale Systeme kaputt oder schwer angeschlagen.Hartz4 haben sie schön mitgemacht! Verlogene Einwanderungs und EU Politik auf Kosten der kleinen Leute bzw. Arbeiter und Angestellten der Nation. Dazu noch unsoziale ÖKÖ Lieblings Themen: aufgeilen an einen vergammelten Bahnhof "Stuttgart 21" Als ob die 1000qm2 Bäume,und mehrere Tonnen Stein und Beton wichtiger sind als die Menschen die täglich davon leben und ihn benutzen müssen. Dümmliche Atomstrom Politik- Reiche werden Strom haben ,Arme ihn teuer bezahlen. Als ob es in Deutschland nicht 6 Monate dunkel und kalt ist.
5. Der Vorzeigepolitiker Hr. Fischer ist übrigens...
wifgas 25.12.2010
Zitat von saul7Vor diesem Hintergrund hat die Überlegung einen gewissen Reiz, was passiert wäre, wenn Fischer damals nicht das Aussenministerium (Wohlfühlministerium) sondern eben jenes Finanzministerium übernommen hätte....Er wäre wahrscheinlich sehr schnell entzaubert worden!
sowas wie der lebende Beweis dafür, dass auch die Grünen kein Hort von knitterfreier ideologischer Sauberkeit sind und auch im Grunde immer nur eines wollten: An die Macht. Zuerst auf Polizisten prügeln mit den Hausbesetzern und Anarchistenjungs, dann mit Turnschuhen aufs öffentliche Parkett treten - das war noch irgendwie erfrischend und roch nach "neuem Wind" in der Politik. Mancher glaubte sogar, die seien irgendwie besser als die Regierenden. Und immer "Umweltschutz" und "gegen die Bonzen in der Industrie und Umweltvernichtungswirtschaft". Irgendwann wurde in der Partei der Ruf nach immer mehr Staatsausgaben für allerlei "Migrantenschutz- und Frauenrechte-Zeugs" zum beherrschenden Merkmal. Dann sehen wir Hr.Fischer als Etablierter immer fetter und arroganter werdend und am (vorläufigen) Ende dann in den hochbezahlten Diensten derer, die ihm früher als Feindbild par excellence gedient haben. Bei den Ossis hätte man für diese biografische Entwicklung den Terminus "Wendehals" mit gewissem Recht verwendet. Fazit: Die kochen halt auch nur mit Wasser. Mal sehen, wann sie die kalte Dusche bekommen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Jahresrückblick 2010
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare
Das war 2010

Glanzlichter, Tragödien, Katastrophen, Glücksmomente - auf SPIEGEL ONLINE schildern Redakteure, Reporter und Autoren, wie sie die besonderen Ereignisse des Jahres erlebten.

JANUAR

AP

Björn Hengst und Marc Pitzke erlebten das Erdbeben in Haiti, Barbara Hans blickt zurück auf den Missbrauchsskandal in Kirchen und Schulen

FEBRUAR

DDP

Severin Weiland schreibt über FDP-Chef Westerwelle und die "spätrömische Dekadenz" , Barbara Hans erinnert an den Rücktritt der Bischöfin Margot Käßmann

MÄRZ

REUTERS

Axel Bojanowski mühte sich phonetisch beim Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island

APRIL

DPA

Philip Bethge war dabei, als die Ölpest am Golf eine einmalige Naturlandschaft zu zerstören drohte

MAI

DPA

Sebastian Fischer traf der Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler überraschend, Mike Glindmeier staunte über den Eurovisions-Siegeszug der Lena Meyer-Landruth

JUNI

DPA

Stefan Schultz beschäftigte das Comeback der Atomkraft

JULI

DPA

Julia Jüttner und Jörg Diehl über die Love-Parade-Katastrophe, Katharina Peters über Spanien als Fußballweltmeister , Jochen Leffers über die gescheiterte Schulreform in Hamburg , Hendrik Ternieden über Lothar Matthäus , Matthias Kremp über Stuxnet und die Cyberkrieger

AUGUST

DPA

Ann-Dorit Boy war Augenzeugin der Brände in Russland , Hasnain Kazim bei der Flutkatastrophe in Pakistan , Roman Büttner fuhr einen Mercedes SLS auf der Nordschleife des Nürburgrings

SEPTEMBER

dapd

Hasnain Kazim und Anna Reimann über die Thesen des Thilo Sarrazin, Florian Gathmann über Grüne auf Rekordhoch , Hendrik Ternieden über blutigen Protest bei Stuttgart 21

OKTOBER

Getty Images

Klaus Ehringfeld erlebte die Rettung chilenische Bergarbeiter , Simone Utler berichtete über giftigen Rotschlamm in Ungarn , Annette Langer verfolgte einen Kinderpornografie-Skandal in Belgien

NOVEMBER

dapd

Ole Reißmann und Christoph Seidler über die Castor-Transporte nach Gorleben, Yassin Musharbash über Terror-Alarmismus , Frank Patalong über IT-Sicherheit und Christian Stöcker über die Nöte von Journalisten, die ständig über Google schreiben müssen.

DEZEMBER

AP

Yasmin El-Sharif fragt sich, wie sich die Hartz-IV-Debatte auf Kinder auswirkt, Marc Pitzke dokumentiert die Rückkehr der Gier an der Wall Street , Christoph Seidler war Augenzeuge beim Klimagipfel in Cancún , Sven Böll warnt vor teutonischer Euro-Arroganz und Niels Reise fragt sich, wohin Schweden steuern wird.


2010 interaktiv
SPIEGEL ONLINE

Alle Themen, alles Wichtige: Das war 2010