Victoria - "Plötzlich ging der Alarm los ", sagt Marianne Thon, dann stockt ihre Stimme und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Thon, eine Deutsche, die in San Francisco lebt, denkt an den Moment, als auf der "Costa Allegra" ein Feuer ausbrach, als aus einer Kreuzfahrt ein unfreiwilliger Abenteuerurlaub wurde. Nach mehreren Tagen sind Thon und die anderen Passagiere am Donnerstag wieder auf festem Land angekommen, in Victoria auf der Seychellen-Hauptinsel Mahé.
Als der Alarm ertönte, saßen die meisten Passagiere und Besatzungsmitglieder auf der "Costa Allegra" bei Tisch. "Es war Mittagszeit, also waren alle beim Essen", sagt der Kellner Terry Campbell. Einige Leute seien zur Tür gerannt, andere seien ruhig geblieben. "Die gesamte Crew ist zur Brücke gelaufen, um die Rettungsboote vorzubereiten", sagt der 32-Jährige aus Honduras. "Wir haben alles stehen und liegen gelassen."
Viele Passagiere dachten nach dem Brand sofort an das Unglück der "Costa Concordia", die im Januar vor der Küste der Toskana kenterte - damals starben 32 Menschen. "Ich konnte es nicht glauben, nach dem, was dem anderen Kreuzfahrtschiff passiert ist", sagt Chris, einer der mehr als 600 Urlauber auf der "Costa Allegra". "Ich habe mir schon vorgestellt, dass ich ins Wasser springen muss."
Die Passagiere bereiteten sich nach dem Notsignal vor, das Schiff zu verlassen. Rettungsboote seien abgesenkt worden. Ein Tourist aus Österreich sagte, manche Passagiere seien in Panik geraten. Paare, die im Chaos getrennt worden seien, hätten nach einander gerufen. Unter ihnen waren die Amerikaner Eleanor und Gordon Bradwell. Sie wurden getrennt, als Eleanor in der Kabine eine Schwimmweste holen wollte, während schwarzer Rauch vom Schiff aufstieg. "Das waren die schlimmsten Momente", sagte Gordon Bradwell. Die Besatzung habe die Situation gut bewältigt. "Es hätte viel schlimmer kommen können, desaströs. Aber wir sind hier, und wir sind am Leben."
Das Feuer wurde ziemlich schnell gelöscht. Doch durch den Brand im Maschinenraum fiel der Strom aus, der Notstromgenerator funktionierte nur für kurze Zeit. Als dieser ausfiel, sei die Angst umgegangen, erzählt Sebastian Veit aus Schwäbisch Gmünd. "Wir sind ja hier nicht in der Nordsee", sagt der 36-Jährige.
Passagiere kühlten sich im Pool ab
Die Kommunikation konnte mithilfe von Batterien allerdings aufrechterhalten werden. Nach mehreren Stunden kam das französische Fischereischiff "Trevignon" zur Hilfe. Am Dienstagmorgen nahm es das viel größere Kreuzfahrtschiff ins Schlepptau und machte sich auf den mühsamen Weg Richtung Seychellen.
Bis zum Eintreffen der "Trevignon" fanden sich Passagiere und Crew auf einem manövrierunfähigen Schiff, das in Piratengewässern trieb. Die Klimaanlage war ausgefallen, ebenso wie die Wasserversorgung. "Die Toiletten liefen über, es war sehr heiß", sagte Eleanor Bradwell. Ein Aufenthalt unter Deck sei wegen der Hitze unmöglich gewesen. Viele Passagiere suchten im Pool Abkühlung.
Passagier Veit erinnert sich vor allem an die kulinarischen Folgen des Unfalls: "Morgens Sandwich, mittags Sandwich, abends Sandwich, da hat man irgendwann genug." Aber immerhin habe es nie an Lebensmitteln und Trinkwasser gemangelt, auch wenn die Ernährung drei Tage und drei Nächte lang sehr einseitig gewesen sei.
Urlaub auf Kosten der Reederei
Henri, ein 82-jähriger Franzose, litt nach eigener Aussage sehr unter den Umständen an Bord. "Es war absolut schrecklich", sagt er mit zittriger Stimme. "Kein Licht, keine Toiletten, ich konnte an Deck kaum schlafen zwischen so vielen dicht gedrängten Menschen."
Die Betroffenen wollten nach der Ankunft im Hafen vor allem eins: In ein Hotel gebracht werden, duschen und etwas Anständiges essen. Costa Crociere hat mitgeteilt, 376 der insgesamt 627 Gäste hätten das Urlaubsangebot angenommen. Sie werden auf Kosten der Reederei auf den Inseln Praslin, La Digue, Silhouette oder Cerfs untergebracht.
Auch um die Organisation der Rückreise der Gäste werde man sich kümmern, hieß es. Die verbliebenen 251 Passagiere hätten beschlossen, nach Hause zu fliegen. Die Rückflüge von Mahé seien für Donnerstagabend geplant.
Die "Costa Allegra" hatte in Madagaskar am Samstag abgelegt. Insgesamt waren 413 Besatzungsmitglieder und 627 Passagiere aus 25 Ländern an Bord - unter anderem 38 Deutsche. Ihre 26-tägige Reise sollte eigentlich von Mauritius über Madagaskar durch den Suezkanal bis Savona in Italien führen.
ulz/dpa/AP/Reuters/AFP
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