Musikinstrumente aus Schusswaffen Gesang der Gewehre

Der Künstler Pedro Reyes schenkt Pistolen, Sturmgewehren und Revolvern ein neues Leben: Aus den Waffen, die das Militär im mexikanischen Drogenkrieg konfiszierte, baut er Gitarren, Geigen oder Xylophone.

Von Lisa Maria Hagen, Mexiko-Stadt

Lisa Hagen

Mexiko-Stadt - Zerhackt in ihre Einzelteile liegen sie da. Allein die Neonleuchten surren in der Werkstatt, sonst ist es still. Fast kann man sie flüstern hören, die Waffen: Geschichten von Tod und Trauer, Krieg und Gewalt. 6700 Stück liegen hier. "Todesagenten" nennt sie der mexikanische Künstler Pedro Reyes - bis zu ihrer Verwandlung. "Die Musik reinigt das Metall von seinen schlechten Schwingungen und vertreibt die Dämonen. Das ist der ganze Exorzismus", sagt er, und sein Finger dreht an einem Kugellager.

Im Proberaum fährt der Musiker Guillermo Oliva zum ersten Mal vorsichtig, fast ehrfürchtig über die Saiten des Waffencellos. In ein paar Wochen spielen er und seine Freunde in einer Konzertreihe in Mexiko-Stadt. Schwer stemmt sich das E-Cello gegen seine Brust; mit Maschinenpistolen verschlungene Magazine bilden den dreieckigen Korpus. Oliva hält die Augen geschlossen, während seine Finger den großkalibrigen Gewehrlauf erklimmen, aus dem der Hals des Instruments besteht. Als der Cellist die Augen aufschlägt, lacht er; sein gezwirbelter Schnurrbart zittert. "Ich bin es gewohnt, auf delikaten, feinen Instrumenten zu spielen. Zu hören, dass dieses grobe Ding dieselben Töne erzeugen kann, ist wirklich erstaunlich."

Die Geschichte des Mannes, der aus todbringendem Stahl Musikinstrumente macht, beginnt im Jahr 2012. Damals erhält Reyes einen Anruf von der Regierung: Sie hätten von einem seiner früheren Projekte erfahren, bei dem er Waffen einschmolz, zu Schaufeln goss und mit diesen Bäume in aller Welt pflanzte. Nun plane die Regierung die öffentliche Vernichtung konfiszierter Waffen in Ciudad Juárez, einem Brennpunkt im mexikanischen Drogenkrieg. Sie würden Reyes gern das Altmetall für ein neues Projekt überlassen.

Querflöten aus den Läufen von AK-47-Sturmgewehren

Der Bildhauer sagte zu, und "Imagine" war geboren. Reyes fabrizierte 50 Schallskulpturen. "Es ist, als ob du einen Teil ausmeißelst, und zurück bleibt etwas völlig Neues." Querflöten und Xylophone aus den Läufen von AK-47-Sturmgewehren, E-Gitarren aus Magazinen, Violinen aus Revolvern.

Ein Jahr später ging er einen Schritt weiter und träumte mit dem mexikanischen Musiker Edi Kistler von automatisierten Instrumenten. "Ich will verrückte Maschinen bauen, die Musik machen, die sich nicht mit Kugeln, sondern mit Melodien beballern", sagte Reyes. Tagelang vergrub sich Kistler danach in der Werkstatt; er rieb und strich und schlug die Waffenteile gegeneinander. Er schnitt sie, ordnete sie und übersetzte Laute in Noten. Heraus kam "Disarm", mechanisierte musikalische Phantasiekreationen: dreifächrige Harfen, Pianos aus Gewehrläufen und Auszieherkrallen, Windspiele aus Kugellagern.

"Wie kann es sein, dass Mexiko die schlechte Presse für all die Gewalt bekommt, aber alle diese Waffen aus den USA, Russland oder Deutschland stammen?", fragt sich Reyes. Waffenhersteller sind für ihn mindestens so kriminell wie jedes Drogenkartell. Mit der ausufernden Gewalt sind auch die Waffenkäufe in Mexiko rasant gestiegen: Innerhalb der vergangenen sechs Jahre hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht.

"In so einer Welt möchte ich nicht leben"

Dabei ist Mexiko ein Land mit enorm strengen Waffengesetzen. Gewehre und Pistolen seien traditionell in der Hand von Polizei, Militär oder Kriminellen, sagt Reyes; an eine Kultur des Waffenbesitzes in der Bevölkerung glaubt er nicht. Landesweit gibt es überhaupt nur einen einzigen Laden, in dem man legal eine Schusswaffe kaufen kann - und den leitet das Militär.

Dem "Small Arms Survey" vom Genfer Graduate Institute zufolge besitzt in Mexiko offiziell nicht einmal jeder Achte eine Waffe. Doch der illegale Import aus der Schießeisen-Hochburg USA lässt die Dunkelziffer in Mexiko in die Höhe schnellen. "Gesetz der Angst" nennt Reyes das, was seine Landsleute dazu bringt, sich einen Revolver unters Kopfkissen zu legen. Sicher ist sicher. "Aber in so einer Welt möchte ich nicht leben", sagt der Künstler, der sich selbst als "Hardcore-Pazifist" bezeichnet. Die Instrumente sind seine ganz persönliche Waffe gegen die Industrie und das Töten.

Währenddessen probt die Band für den großen Auftritt. Fast liebevoll streicht Guillermo Olivo über die Saiten seines Cellos. Erst schwingen sie zart, dann wieder schreien sie schrill. Einst sangen die Revolver und Sturmgewehre das Lied vom Tod. "Heute", sagt Kistler, "kannst du mit denselben Waffen Wiegenlieder spielen." Wenn sie dann klingen, lauscht Reyes, wie jeder Musiker den Instrumenten seinen eigenen Stil auferlegt. "Doch im Endeffekt ist das alles Heavy Metal. Death Metal."

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akmsu74 07.04.2014
1. Hardcore-Pazifist
...ist offenbar dasselbe, wie "Spinner"... "Wie kann es sein, dass Mexiko die schlechte Presse für all die Gewalt bekommt, aber alle diese Waffen aus den USA, Russland oder Deutschland stammen?" Vielleicht denkt der Kollege mal darüber nach, dass "bauen" und "arme Schweine umlegen" zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind! Oder sind die Hersteller von Küchenmessern oder Autos auch "verantwortlich" für jeden Amokfahrer / -Läufer? Ist ER verantwortlich für die Musik, die auf seinen Instrumenten gespielt wird? ...so ein Idiot - "wenn ihr etwas ändern wollt, fangt bei EUCH an!" (BO)
hobo190 07.04.2014
2.
Natürlich wieder ein ganz toller Kommentar zu diesem Artikel. Solange es solche Meinungen auf der Welt gibt, kann sich nichts ändern. Das sind aber dann auch die, die am lautesten schreien, wenn sie selber die Gewalt der Waffen trifft
akmsu74 07.04.2014
3. Jammern hilft auch nicht...
Im Gegenteil - solange die Leute labern, anstatt sich zu wehren, wird sich nichts ändern. Musikinstrumente aus Waffen zu bauen ist ja ganz nett - es ändert nur nichts. Den Drogenbaronen das Handwerk zu legen, das würde etwas ändern - aber dafür braucht man eben Waffen ... und keine Violinen. Pazifismus spielt nur den Aggressoren in die Hände. Keine Gewalt ist auch keine Lösung...
susiwolf 08.04.2014
4. Salven über Salven ...
Als 'sparsames' Vorzeichen kann gewertet werden: Wer eine Kalaschnikov als 'beat-instrument' verwandelt, braucht kein Schlagzeug ... Spart Geld, ist auch laut und ersetzt den 'drummer' ... Oder habe ich jetzt etwas missverstanden ... ?
Promethium 08.04.2014
5. Hochinteressant!
Das ist Hochinteressant! Ich habe mich immer gefragt wie man Waffen oder Waffenhersteller als Ursache für Gewalt sehen kann. ---Zitat--- "Die Musik reinigt das Metall von seinen schlechten Schwingungen und vertreibt die Dämonen. Das ist der ganze Exorzismus" ---Zitatende--- Dabei ist die Antwort ganz einfach. Es sind die "schlechten Schwingungen" und "Dämonen". Und ebenso interessant ist, das die mexikanische Regierung solcherlei Aberglaube fördert! Allerdings ist ähnlicher Aberglaube uralt und weit verbreitet. Waffensalben waren z.B. früher ganz übliche Arzneien. Dabei wurde die Salbe nicht auf die Wunde aufgetragen, sondern auf die Waffe die sie verursacht hatte. Vermutlich war das sogar tatsächlich erheblich gesünder als den Dreck den man damals Arznei nannte auf eine Wunde zu schmieren. Ob es etwas nützt den Aberglauben zu fördern in Waffen gäbe es "schlechte Schwingungen" bzw. "Dämonen" halte ich allerdings für fraglich.
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