Pessach-Fest in Israel Der Wächter des Brotes

Montag beginnt das Pessach-Fest. Dann darf kein gläubiger Jude auch nur die kleinste Spur von Lebensmitteln aus gesäuertem Teig besitzen. Und so verkauft der Staat Israel seine gesamten Vorräte an Brot, Bier und Whisky. An einen Araber.

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REUTERS

"Am Sonntag um 10 Uhr werde ich mal wieder einer der reichsten Männer dieses Landes", sagt Jaber Hussein. Dann wird der arabisch-israelische Hotelmanager das Rabbinat von Jerusalem aufsuchen, gemeinsam mit Israels Chefrabbiner David Lau in einer feierlichen Zeremonie einen Kaufvertrag unterzeichnen und 20.000 Schekel (rund 4100 Euro) anzahlen. Noch ein Händedruck, schon gehören Hussein die gesamten Brot-, Nudel-, Cornflakes-, Bier- und Whisky-Vorräte des Staates Israel. Lebensmittel im Wert von 300 Millionen US-Dollar.

Diesen Deal macht Hussein seit 1998: Jahr für Jahr, immer am Vortag des Pessach-Festes. Denn dann müssen alle Juden ihren gesamten "Chametz" loswerden: sämtliche Lebensmittel aus gesäuertem Teig. "Am vierzehnten Tage des ersten Monats, des Abends, sollt ihr ungesäuertes Brot essen bis an den einundzwanzigsten Tag des Monats an dem Abend, dass man sieben Tage keinen Sauerteig finde in euren Häusern", gebietet die Thora im Buch Exodus. "Denn wer gesäuertes Brot isst, des Seele soll ausgerottet werden aus der Gemeinde Israel." So gedenken die Juden der Flucht aus Ägypten: Als ihre Ahnen keine Zeit hatten, Mehl und Wasser ansäuern zu lassen.

Eine Woche Pappgeschmack

Ihre Speisegesetze nehmen die Gläubigen ernst. Schon Tage vor dem Fest, das am Montagabend beginnt, säubern Hunderttausende Familien in Israel ihre Häuser vom Keller bis zum Dach, filzen sie nach den kleinsten Krümelchen von Brot, Müsli, Kuchen oder Keksen und verbrennen die Reste rituell. Jedes Produkt, bei dessen Herstellung eine der fünf Getreidesorten Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Dinkel mindestens 18 Minuten mit Wasser in Kontakt tritt, gilt als Chametz. Eine gute Woche lang essen Juden stattdessen nur Matzen: dünne ungesäuerte Fladen, die schmecken wie Pappe.

Junge Männer glühen auf der Straße mit dem Gasbrenner Töpfe und Pfannen aus, um jede Spur Chametz zu vernichten. Supermärkte decken nicht nur die Regale mit Chametz zu, sie haben sogar in ihren elektronischen Kassen Programme eingebaut, die Alarm schlagen, wenn Chametz-Produkte über den Scanner wandern. Doch ein Problem bleibt dabei ungelöst: In den Vorratsschränken der Haushalte sowie den Lagerräumen von Supermärkten und staatlichen Institutionen stapeln sich Tausende Tonnen hochwertiger, gesäuerter Lebensmittel. Eine Sünde, sie einfach wegzuwerfen.

Schon vor Jahrhunderten haben die Religionsgelehrten einen Ausweg ersonnen: Der Chametz darf an Ungläubige verkauft werden. Und so schicken vor dem Pessach-Fest Tausende Bürger und Unternehmen dem Rabbinat Faxe und E-Mails - mit dem Auftrag, ihre Bier-, Brot-, Whisky- oder Cornflakes-Vorräte virtuell zu übernehmen. Auch die israelische Armee, sämtliche Ministerien und staatlichen Organisationen entledigen sich so ihres Chametz. Die Rabbis erfassen alles in Listen - und verkaufen den gesamten Bestand an Jaber Hussein. Denn der ist Muslim.

Reine Vertrauenssache

Ausgerechnet ein Araber kontrolliert von Sonntag an einen Großteil der Lebensmittelbestände Israels. "Wo immer dann Chametz liegt, gehört er mir", sagt Hussein im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Schon oft haben mich dann Araber gefragt, ob ich ihnen Kuchen oder Brot schicken kann." Aber er hat immer abgelehnt. Schließlich ist Hussein nur eine Art Brot-Sitter, der den Chametz bis zum Ende des Pessach-Festes hütet. Nach den acht Tagen ist er bisher jedes Mal vom Kaufvertrag zurückgetreten und hat das Geschäft rückgängig gemacht. Dann bekam Hussein seine Anzahlung zurück, die Juden ihre Lebensmittel. Und alles war wieder wie zuvor.

Der Deal ist Vertrauenssache. Theoretisch könnte Hussein auch den gesamten Chametz behalten und den Staat Israel in eine Lebensmittelkrise stürzen. Schließlich verbietet es die jüdische Lehre, in den Kaufvertrag eine Rückübertragungs-Klausel aufzunehmen. Doch Hussein sagt, er hege keine kriegerischen Absichten. "Ich helfe gerne. Wenn nicht die Politik wäre, würden unsere Religionen gut miteinander auskommen."

Jaber Hussein hat Karriere gemacht in Israel: Heute ist der Endvierziger oberster Verantwortlicher für Essen und Getränke beim Ramada Hotel Jerusalem. Wer den allpräsenten Matze dort entfliehen will, sollte Husseins arabisches Heimatdorf besuchen. In Abu Ghosh, nur ein paar Kilometer vor Jerusalem, gibt es auch während Pessach alles, was der Gaumen begehrt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
axlban 12.04.2014
1. optional
Zu dem Thema gibt es eine wunderbare Geschichte von Kishon. Und wenn das mit dem Brot doch passiert: Hühnerschwenken hilft! http://www.zeit.de/gesellschaft/2012-09/fs-kapparot-2
Orthoklas 12.04.2014
2. Also wirklich
Amüsant anzunehmen, dass JHWH auf diesen billigen Trick reinfallen würde! Noch amüsanter ist die Vorstellung, dass Gott dieses Verhalten wünscht. Nicht mehr als 18 Min Wasserkontakt :-) Aber auch wir Katholiken haben ja so unsere amüsanten Eigenheiten.
yizhak 12.04.2014
3. gott verarschen
So geht das wohl :)
herrdörr 12.04.2014
4.
Die Spinnen die Juden! Aber genau darum mag ich das Land so und überhaupt, jeder der an einen Gott glaubt spinnt doch ein wenig :)
manni8a 12.04.2014
5. Toleranz...
...ist sehr erstrebenswert und hilft auch zum Ertragen von Hirnlosigkeit, aber manchmal ist es doch sehr schwer...
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