Kleidercodes Mode ist alles - außer in Deutschland

Mehr als 35 Jahre saß Peter Bäldle bei den großen Fashion Shows in der ersten Reihe. Jetzt tritt der Modekritiker kürzer. Im Interview spricht er über die Einheitskluft der 40-Jährigen, olle Jeans und darüber, warum er weder Modeblogs noch E-Mails liest.


SPIEGEL ONLINE: Herr Bäldle, in einem Artikel für die "Süddeutsche Zeitung" schreiben Sie, dass Mode in Deutschland nicht ein Teil der Kultur ist, sondern "Fetisch und Business".

Bäldle: Die Deutschen sind bequem. Sie können in Deutschland anziehen, was sie wollen, und werden damit in 90 Prozent der Fälle akzeptiert. Die meisten anderen Länder haben Kleidercodes. Vorbilder sind dort wichtig. Amerika hat das Kino und die Stars, Großbritannien die Royals und Frankreich die High Society. Deutschland hat keine Stilikonen, nirgendwo. Wir machen uns viele Gedanken, wohin wir in den Urlaub fahren und wie wir uns einrichten, aber wir denken, dass wir durchs Leben kommen mit einer ollen Jeans und einem T-Shirt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich mich in diesem Café im Glockenbachviertel umschaue, in dem wir sitzen, sehe ich nicht nur Jeans.

Bäldle: Hier sind ja auch viele junge Leute. Sie sind meine Hoffnung. Die Jungen setzen sich wieder ab. Nach dem Logowahn und der Designer-Orientierung der Achtziger kam der Minimalismus der Neunziger, danach wurde es vielfältig und bunt. Die heutigen 40-Jährigen brauchen nur Karohemd, Jeans und Lederjacke, die heutigen 20-Jährigen kennen sich dagegen ziemlich gut mit Designern aus, brauchen aber keine Vorlagen. Sie machen einfach, was sie gut finden, was zu ihnen passt.

SPIEGEL ONLINE: Also eher Stil statt Style?

Bäldle: Beides. Sie benutzen Style, um ihren Stil auszudrücken, mischen Sachen, damit sie einen eigenen Ausdruck bekommen. Die Jungen ähneln im Denken den heutigen 60-Jährigen, als sie jung waren. Wenn wir einen Look nicht gefunden haben, sind wir auf Flohmärkte gegangen oder haben ihn selbst genäht. Es gab keine Regeln. Dieses Spielerische sehe ich wieder, nicht nur in Berlin bei den Schauen der jungen Designer.

SPIEGEL ONLINE: Sie berichten seit 1977 von den großen Modenschauen. Wie ist ihr Verhältnis zu den Designern?

Bäldle: Manche Designer besucht man wie Verwandte, von anderen erwartet man nichts und geht trotzdem hin. Karl Lagerfeld hat einmal einen schönen Satz gesagt: 'Ich lese alles, das Beste und das Schlechteste.' Denn auch aus einer schlechten Quelle kann man gute Ideen entwickeln. Also muss man auch in die dunkelsten Ecken kriechen, als Designer und auch als Journalist.

SPIEGEL ONLINE: Wie erfahren Sie von diesen dunklen Ecken? Sie haben keine E-Mail-Adresse.

Bäldle: Wenn jemand Interesse daran hat, dass Informationen dich erreichen, werden sie dich erreichen. Nach 35 Jahren bin ich eine Adresse. Und es ist ja auch nicht so, dass mir Laptops fremd sind. Als ausgebildeter Modezeichner und Grafikdesigner habe ich einfach mehr Spaß an Druckfarbe, an Schriftbild und Papier.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon einmal ein Modeblog gelesen?

Bäldle: Noch nie. Es ist wunderbar, dass jeder seine Ansichten kundtun kann. Aber lesen muss ich sie nicht. Es ist auch keine Demokratisierung der Mode, sondern einfach Multiplikation. Ich lese Tageszeitungen und alle wichtigen Modemagazine der westlichen Hemisphäre. Das reicht. Sonst kommt man ja zu nichts.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Artikeln beklagen Sie oft die Mode-Unlust der deutschen Zeitschriften und Zeitungen.

Bäldle: Man muss unterscheiden. Die Zeitungen bringen während der Defilees viele Geschichten über Mode. Aber sobald die Schauen rum sind, heißt es: Jetzt ist der Bedarf gedeckt, die Menschen haben die Mode satt. Dabei sind es die Redakteure, die sie satt haben. Meistens sitzen keine Modejournalisten bei den Schauen. Ein guter Journalist mit Beobachtungsgabe kann zwar über alles schreiben…

SPIEGEL ONLINE: Aber?

Bäldle: Man muss auch erkennen und einordnen können. Sonst läuft Modejournalismus auf Berichterstattung über Veranstaltungen hinaus. In der Titelzeile steht dann: 'Alles geht im nächsten Jahr'. Und die Frauen sagen logischerweise: So ein Quatsch! Also brauche ich auch nichts Neues. Die Zeitschriften schaffen es auf diese Weise nicht, ein Bedürfnis nach Mode zu wecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Zukunft Berlins als Modestadt ein?

Bäldle: Berlin hat nur eine Chance, wenn es nicht nach anderen Modemetropolen schielt. In Frankreich ist Mode Staatsangelegenheit. Mailand hat zwar erst in den Achtzigern angefangen, hat Berlin aber 30 Jahre voraus. Berlin sollte sich auf seine Stärken besinnen: Kunst, Geschichte, die Nähe zum Osten, interessante junge Designer - aus denen hoffentlich irgendwann etablierte Designer werden.

SPIEGEL ONLINE: Und was muss dafür passieren?

Bäldle: Mercedes Benz macht zwar einen guten Job bei der Berliner Fashion Week. Aber niemand in der Welt hat auf deutsche Mode gewartet. Noch nicht mal die Deutschen. Die Interessen der Designer müssen von einer unabhängigen Organisation vertreten werden. Wir brauchen ernsthafte Nachwuchsförderung. Und Kritiker, denn an Kritik wächst man.

SPIEGEL ONLINE: Was macht einen guten Modekritiker aus?

Bäldle: Wer über Mode schreiben will, muss sich mit allem beschäftigen. Sogar mit Politik. Denn Mode ist alles. Sie ist der Seismograf ihrer Zeit. Mode zeichnet die Schwingungen auf, bevor die Gesellschaft die Erschütterung spürt. Ein Modekritiker muss die Zeichen lesen können.

Das Interview führte Wlada Kolosowa.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.