Zweifach gescheiterte Weltumseglung "Aufgeben kommt nicht infrage"

Zweimal hat Peter Conrad eine Weltumseglung begonnen, solo, nonstop. Zweimal musste er nach nur einem Tag abbrechen. Die Geschichte von einem, der trotzdem nicht aufgeben will.

Peter Conrad auf seiner "Timshal"
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Peter Conrad auf seiner "Timshal"

Von Felix Keßler, Borkum


Peter Conrad ist am Ende der Welt angekommen. Weg von den Städten, raus aus der Zivilisation, rein in die Natur, in die Einsamkeit, ins Abenteuer. In rund 300 Tagen um die Erde, nur er und sein Schiff, so hatte er sich das vorgestellt. Start in Eckernförde, dann in die Nordsee, weiter in Richtung Südafrika, über das Kap der Guten Hoffnung zum Kap Hoorn und schließlich von Süd nach Nord durch den Atlantik und zurück in die Ostsee. Ohne Mitsegler und ohne Zwischenstopps.

Es gibt da bloß ein Problem: Das Ende von Conrads Welt ist fürs Erste der Hafen von Borkum. Mitte August, Conrad sollte die Nordsee laut Plan längst hinter sich gelassen haben und auf hoher See sein, liegt sein Boot, die "Timshal", gut vertäut an den Stegen des Borkumer Wassersportvereins. Er sitzt im Cockpit seiner Jacht und dreht sich eine Zigarette, die braungebrannte Stirn liegt in Falten. Der Grund: Zum zweiten Mal ist er nur wenige Stunden nach dem Start gescheitert.

"Jeden Cent und jede freie Minute habe ich in die Vorbereitungen gesteckt", sagt Conrad, der zuletzt als Haustechniker für eine Hotelkette gearbeitet hat. Die letzten acht seiner 48 Lebensjahre hat der gebürtige Brandenburger für seinen Traum geschuftet, auf Urlaub und Erholung verzichtet. "Ich war wahnsinnig enttäuscht", sagt Conrad. "Erneut abbrechen zu müssen, das hat mich ins Mark getroffen."

"Eines der letzten großen Abenteuer"

Weitermachen will Conrad trotzdem, womöglich einen dritten Versuch wagen. "Das Projekt aufzugeben kommt nicht infrage", sagt er. Conrad wäre der zweite Deutsche, dem eine Einhand-Nonstop-Weltumseglung gelänge.

"Für mich ist das eines der letzten großen Abenteuer. Die ultimative Verbindung zur Natur", schwärmt Conrad. 15 Jahre segelt er schon, auch den Atlantik hat er überquert. Er weiß, worauf er sich einlässt. Am 10. Juli bricht er zu seinem ersten Versuch auf. "Nur einmal versuchen, die Welt zu umarmen", schreibt er auf seinem Blog.

"Die Zeit vor der Abfahrt verging ziemlich schnell", erinnert sich Conrads Lebensgefährtin Christina C. "Ich habe versucht, auszublenden, was ihm da draußen theoretisch alles passieren kann", sagt sie. Auch, dass Conrad vielleicht nie zurückkomme, sei ihr durch den Kopf gegangen. "Als er dann in der Ferne verschwand, ging mir das sehr ans Herz."

"Regelrecht festgefahren"

In den rund zehn Monaten bis zu Conrads Rückkehr will die 43 Jahre alte Immobilienmanagerin es mit Ablenkung versuchen, sich voll auf ihren Job konzentrieren. Dass ihr Partner schon in der ersten Nacht auf See zur Aufgabe gezwungen wird, ahnt sie da noch nicht.

Ausgerechnet seine "Timshal" macht ihm einen Strich durch die Rechnung. "Das Schiff war beladen mit 400 Litern Trinkwasser, 120 Litern Diesel und mehr als einer halben Tonne Proviant", sagt Conrad.

Die englische Kunststoffjacht habe tief im Wasser gelegen und sich in den kurz aufeinanderfolgenden Wellen "regelrecht festgefahren". Ein Problem, das sich im Laufe der Reise bei schwindenden Vorräten von selbst lösen soll.

Dann erreicht Conrad den Großen Belt zwischen den dänischen Inseln. Es bläst kräftig, die Wellen sind ruppig und fluten immer wieder das Holzdeck, das hohe Startgewicht macht sich bemerkbar. Dann entdeckt Conrad ein Leck. Es tropft unentwegt von der Kajütdecke, das Wasser hat bereits seine Seekarten durchnässt und mehrere elektronische Geräte lahmgelegt. Im Stress schlägt sich Conrad noch das Schienbein auf - und ignoriert den Schmerz.

Conrad im Hafen von Borkum
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Conrad im Hafen von Borkum

Er ruft seine Partnerin an, die beiden besprechen sich. Im Morgengrauen steht fest: Umdrehen ist die einzige Option. Auch, weil ein befreundeter Arzt Conrad mit seinem mittlerweile heftig angeschwollenen Unterschenkel zum Abbruch rät. Ohne Behandlung und Medikamente droht ihm ein Blutgerinnsel und schlimmstenfalls eine Amputation. Er fährt zurück nach Eckernförde, seine Freundin bringt ihn sofort ins Krankenhaus.

Das Boot ist leck, der Skipper im Rollstuhl. Conrad scheint der Umsetzung seines Plans so fern wie nie zuvor. Auf den Rollstuhl folgen Krücken. "Die habe ich dann nach vier Tagen in die Zimmerecke gestellt und das Krankenhaus verlassen", sagt Conrad. Er macht sich sofort daran, das komplette Deck seiner Jacht mit flüssigem Kunststoff zu versiegeln, eine Woche arbeitet er von morgens bis abends am Boot. "Ich wollte ja so schnell wie möglich wieder zum Schiff und los", sagt Conrad.

Beide sind besser vorbereitet

Der schnelle Neustart gelingt. Unter Motor fährt er durch den Nord-Ostsee-Kanal, um die verlorene Zeit einzuholen. Zwei Tage wartet Conrad auf ein passendes Windfenster, dann bricht er am 7. August von Cuxhaven erneut auf.

"Ich war noch entschlossener als beim ersten Mal", sagt Conrad. "Ich war besser vorbereitet als beim ersten Abschied", sagt seine Partnerin, "ich wusste ja noch, was da auf mich zukommt".

Was sie aber nicht weiß: In der Nacht nach dem zweiten Start fährt ihm beim Wechseln eines Segels ein heftiger Schmerz ins Brustbein, er verliert das Gefühl in den Armen, kann sie nicht mehr bewegen. Conrad robbt zurück in das schützende Cockpit - und ruft seine Lebensgefährtin erneut an. Die sagt: "Bei dem Anruf hatte ich nackte Angst. Er war ja zeitweise unfähig, sich irgendwo festzuhalten."

Conrad wartet noch kurz, dann bricht er erneut ab und steuert den Hafen von Borkum an. Bandscheibenvorfall. Das Ende seines Abenteuers? "Sobald ich merke, dass ich wieder voll belastungsfähig bin, fahre ich wieder los", sagt Conrad. Ein Törn von Borkum an die englische Küste verlief bereits erfolgreich. Nun harrt Conrad der Dinge und hofft, dass es bald zum dritten Mal losgehen kann.

Aber was, wenn nicht? "Dann versuche ich es im nächsten Jahr weiter", sagt Conrad. Und seine Lebensgefährtin? Will sie Conrad von seinem Plan abbringen? "Nein", sagt sie, "wenn man mit Peter zusammen ist, muss man das aushalten".



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
wo-ended-das 01.09.2018
1. Vorbereitung
Es ist eben nicht nur das Material auch der Körper muss für so einen Törn vorbereitet werden
ollux 01.09.2018
2. Leider sagt der Artikel
wenig bis nichts über die bisherige Blauwasser- Erfahrung des Skippers aus. einfach mal kurz weg "rund um die Welt" geht so jedenfalls auf keinen Fall. Ich fürchte fast, dass im nächsten Jahr das Unternehmen auch nicht unter einem gutem Stern steht. Meine bisherigen Törnmeilen belaufen sich auf etwa gesichert 18000 innert der letzten 25 Jahre.
redneck 01.09.2018
3.
Meinst du Dunkelblau oder Hellblau? Wird schon klappen und S c e passiert immer. Fitness, Introspektive und umfassendes Lernen und Begreifen ist der Gewinn aus dieser Reise. 45 Jahre unfallfrei auf dem Meer und freediven. Wobei letzte Woche war etwas heftig. Tigerhaiattacke als wir durch die Brandung Richtung offenes Meer tauchten, mit Tiger und Greytips schwammen und noch 300 Pfund Hammerhead sahen. Woche davor hat sich der Impeller meines Bootsmotores aufgeloest und meinem Freund ist das Benzin 14 Meilen vor dem Hafen ausgegangen.
rieberger_2 01.09.2018
4. Lass es gut sein!
Der Skipper sollte die Zeichen der Zeit erkennen und von seinem Plan Abstand nehmen. Ob er Win drittes Mal überleben wird, scheint aufgrund seiner ersten zwei kläglichen Versuche doch sehr fraglich. Zumal die Hochseetauglichkeit eines überladenen Bootes stark reduziert ist.
Alfred 01.09.2018
5. Angstmacher Artikel
Wuensche gute Besserung, das naechste Mal klappt es, auch ohne Blauwasser Erfahrung. Bei technischen Problemen nicht gleich aufgeben. Wenn der Kahn nicht absaueft geht es weiter. Ein Ersatz Hand GPS im Backofen fuer den Fall, AIS und Navigationslichter muessen funktionieren und ein Fernglas muss an Bord sein. All der andere Technikfirlefans ist schoen aber ueberfluessig. Die Welt ist viel kleiner als gefuehlt.
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