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Taifun "Haiyan": "Die Leute werden sich vor Hunger töten"

Das Ausmaß der Schäden durch Taifun "Haiyan" ist unüberschaubar. Stunde um Stunde steigt die Zahl der Toten und Verletzten. Hilfsorganisationen mobilisieren weltweit ihre Mitarbeiter, um die Überlebenden in der Katastrophenregion zu retten.

Hamburg - Die Zahl der Opfer wird auf viele tausend geschätzt, die Verbindung in die Krisengebiete ist schlecht, weder Mobilfunk noch Satellitentelefone funktionieren: Derzeit kann über die tatsächliche Lage in den von Taifun Haiyan verwüsteten Regionen nur gerätselt werden. Die philippinische Regierung entsandte Tausende Militärs in die Katastrophengebiete, Militärmaschinen fliegen Lebensmittel und Hilfsgüter in von der Außenwelt abgeschnittene Gebiete.

Einrichtungen wie HelpAge, World Vision oder das THW organisieren Hilfe mit ihren Vertragspartnern vor Ort. Malteser International versucht, sich einen ersten Überblick über die Lage in der Provinz Leyte zu verschaffen, die massiv von Zerstörungen betroffen ist und zahllose Tote zu beklagen hat.

"Es ist sehr schwer, in die Provinz hineinzukommen, weil der wichtigste Flughafen zerstört wurde", berichtet Länderreferentin Cordula Wasser von Malteser International SPIEGEL ONLINE. Laut einem Sprecher des philippinischen Roten Kreuzes wird es mehrere Tage dauern, bis der Airport wieder arbeiten kann. "Wir versuchen über den Seeweg dorthin zu gelangen und möglichst schnell eine Einschätzung der Schäden zu bekommen, damit der Bedarf errechnet werden kann", so Wasser.

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Taifun-Opfer: Hilfe ist unterwegs
Die Malteser hatten bereits vor zwei Wochen ein Projekt auf der Insel Bohol gestartet, wo es am 15. Oktober bei einem Erdbeben der Stärke 7,2 zu schweren Zerstörungen gekommen war. Die etwa 7000 in Notunterkünften lebenden Obdachlosen wurden mit dem Durchzug des Taifuns zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit von einer Naturkatastrophe heimgesucht. "Die Zelte stehen unter Wasser, die Situation hat sich verschlimmert", sagt Länderreferentin Wasser. "Wir haben derzeit keinen Kontakt zu unseren Partnern vor Ort."

"Die Kommunikation ist extrem schwierig", pflichtet Sabine Wilke von Care Deutschland bei. Die Organisation plant, 30.000 Betroffenen im Süden der Provinz Leyte Wasser und Lebensmittel zukommen zu lassen. "Unsere Leute vor Ort waren schockiert über das Ausmaß der Zerstörung, viele haben den Tsunami 2004 erlebt und sagen, die Schäden seien genauso schlimm."

Die Situation im einzigen noch funktionierenden Krankenhaus der zu 80 Prozent zerstörten 200.000-Einwohner-Stadt Tacloban ist desolat. Tausende Menschen sollen allein hier zu Tode gekommen sein, die Überlebenden können nur notdürftig behandelt werden. Schon müssen Patienten abgewiesen werden, weil der Platz nicht reicht. "Wir haben nichts mehr, womit wir den Leuten helfen könnten", sagte ein Arzt dem US-Sender CNN: "Wir brauchen dringend Nachschub."

"Es ist schlimmer als in der Hölle"

Es mangelt an allem - Medikamenten, Verbandsmaterial, sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln. Die Plünderungen haben massiv zugenommen. Eine CNN-Reporterin berichtete aus Tacloban über wütende Betroffene, die der Regierung vorwerfen, zu spät und nicht adäquat auf die Verheerungen reagiert zu haben. "Es ist schlimmer als in der Hölle", klagte eine verstörte Frau über die Situation.

Die Menschen fürchten um ihre Sicherheit: "Die Leute werden gewalttätig", sagte ein Mann in Tacloban. Sie plünderten Geschäfte, nur um Reis und Milch aufzutreiben. "Ich befürchte in einer Woche werden die Leute sich vor lauter Hunger umbringen."

Präsident Benigno Aquino machte sich in der Region ein Bild von der Situation. Er zeigte sich verärgert, dass die Katastrophenschutzbehörden trotz Wetterwarnungen nicht mehr Menschen besser geschützt haben, wie ein lokaler Radiosender berichtete.

Der philippinischen Regierung zufolge brauchen 4,3 Millionen Menschen Hilfe. 330.000 würden in Notunterkünften ausharren. Die Organisation Unicef schätzt, dass in den besonders betroffenen Gebieten 1,7 Millionen Kinder in Gefahr sind. "Viele arme Kinder hatten schon vor der Katastrophe einen schlechten Gesundheits- und Ernährungszustand. Sie haben der extremen Situation wenig entgegenzusetzen", sagte Willibald Zeck.

Bis zu fünf Meter hohe Wellen hatten Tacloban überrollt, Kinder aus den Armen ihrer Eltern gerissen und meterhohe Trümmer in den Straßen aufgehäuft. Die Überlebenden laufen teilweise orientierungslos zwischen fensterlosen Ruinen umher, suchen nach ihren Kindern, Eltern, Nachbarn und Freunden, versuchen, die Berge von Trümmern zu überwinden. Andere haben begonnen, im Chaos aufzuräumen und die wenige ihnen verbliebene Habe zusammenzusammeln. "Helft uns!", riefen sie den ausländischen Kameraleuten zu.

Rund um den Globus werden jetzt Hilfen bereitgestellt:

  • Außenminister Westerwelle versprach 500.000 Euro Soforthilfe aus Berlin. Deutschland sei zu weiterer Hilfe bereit.

  • Ein Airbus der Lufthansa brachte laut Angaben der Fluggesellschaft am Sonntag 35 Tonnen Hilfsgüter aus Deutschland auf die Philippinen. An Bord seien Fleece-Decken, Plastikplanen, Zelte und Medizintechnik. An der Aktion beteiligten sich demnach die Organisationen World Vision und I.S.A.R. Am Samstagabend hatte I.S.A.R. bereits 24 medizinische Helfer auf die Philippinen geschickt.

  • US-Verteidigungsminister Chuck Hagel sagte, die Vereinigten Staaten würden Helikopter, Flugzeuge und Rettungsausrüstungen bereitstellen.

  • Die Europäische Kommission stellte drei Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung und wird Experten in die Region entsenden.

  • Großbritannien gibt fünf Millionen Pfund, knapp sechs Millionen Euro, sowie eine Schiffsladung mit Ausrüstung im Wert von 600.000 Pfund, knapp 719.000 Euro. Ein Team mit vier Experten ist bereits vor Ort.

  • Die Uno stellt unter anderem Zelte und Lebensmittel zur Verfügung. Das World Food Programme will langfristig 120.000 Betroffene mit Lebensmitteln versorgen, teilte Sprecherin Bettina Lüscher mit. 40 Tonnen angereicherte Energiekekse sollen aus Dubai eingeflogen werden. Sie haben sich in Desasterzonen, wo nicht gekocht werden kann, bewährt. Sie enthalten nach WFP-Angaben pro 100 Gramm 450 Kilokalorien und mindestens zehn Gramm Proteine.

  • Katastrophenhelfer der Caritas Philippinen und der Caritas USA brachten 18.000 Zeltplanen und eine Million Wasserentkeimungstabletten auf den Weg in die besonders schwer betroffene Stadt Cebu. Weitere 18.000 Hilfsgüterpakete stünden zur Verteilung bereit. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, appellierte an die Menschen in Deutschland, zu spenden.

  • Belgien kündigte die Entsendung eines 30-köpfigen Hilfsteams an, das bei der medizinischen Versorgung und Wasseraufbereitung helfen soll.

Inzwischen zog der Taifun deutlich abgeschwächt nach Vietnam weiter. Dort kostete er staatlichen Medien zufolge bereits sechs Menschen das Leben, während er sich noch auf die Küste zubewegte. Obwohl "Haiyan" an Kraft verloren hat, dürfte er auch in Vietnam durch Starkregen und schweren Sturm Überschwemmungen und Erdrutsche verursachen. Der Regierung zufolge sind bereits fast 900.000 Menschen geflohen.

ala/dpa/AFP/Reuters

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1.
Steuerzahler0815 10.11.2013
Man sollte Menschen die jetzt bereits plündern mit aller Härte des Gesetzes und darüber hinaus bestrafen Die nächsten Tage wird niemand vom Hunger bedroht sein und bis dahin gibt es Hilfslieferungen Aber natürlich meinen einige Menschen sie könnten die Gelegenheit nutzen und die Autorität des Staates untergraben So läuft das aber nicht da Anarchie keine Lösung ist Die Strafe muss ähnlich wie bei den Plünderungen in London schnell und hart folgen
2. Ich schäme mich für Deutschland
susaannn 10.11.2013
"Außenminister Westerwelle versprach 500.000 Euro Soforthilfe aus Berlin. Deutschland sei zu weiterer Hilfe bereit." Welch großzügige Geste - Ich schäme mich gerade Deutsche zu sein...
3. Wie großzügig
logosms 10.11.2013
Ist ja der Knaller: Tausende tot, Hunderttausende obdachlos, zerstörte Großstädte....und Westerwelle verspricht ne halbe Million. Beschämend und unwürdig!
4. Die Kirche wieder ...
hd117 10.11.2013
"Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, appellierte an die Menschen in Deutschland, zu spenden." Wie wäre es, wenn die Kirche mal ihre Schatullen aufmacht und spendet, statt Badewannen im fünfstelligen Eurobereich zu kaufen oder 30.000.000 Euro für Protzerei zu verheizen?
5. Schrecklich
socrateased 10.11.2013
Arme Philippinen. Deren Bevölkerungszahl ist höher als das in Deutschland, und "wir" schicken gerade mal eine lächerliche, halbe Million € dort hin? Die Behebung der volkswirtschaftlichen Schäden dort werden viele Milliarden Dollar nötig machen, aber wo sollen die herkommen? Hier ist deutlich mehr internationale Hilfeleistung notwendig, und auch gerechtfertigt.
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Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.

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