Phuket Trotzdem leben

Die Katastrophe liegt erst vier Tage zurück, doch die Menschen in Phuket treibt eine eigenartige Sucht nach dem Alltag. Vielleicht ist es die beste Art, mit den schrecklichen Erlebnissen der vergangenen Tage fertig zu werden.

Aus Phuket berichtet Hardy Prothmann


Touristen in Phuket: Strandbesuch am Tag 4 der Katastrophe
AFP

Touristen in Phuket: Strandbesuch am Tag 4 der Katastrophe

Phuket - Noch kämpfen die Hilfsorganisationen an den zerstörten Stränden mit den Leichenbergen kämpfen, noch verlassen viele Touristen das Land. Viele haben ihre Papiere, Geld, alles Gepäck verloren. Aber sie leben. Für viele Menschen, die die Katastrophe überlebt haben, ist dieses "neue Leben" ein Geschenk.

Peter Meyer, 44, aus Siegen hat die Katastrophe von Khao Lak überlebt. Schnittwunden, schwere Prellungen, eine gebrochene Rippe: "Die erste Welle hat mich voll erfasst, ich wollte noch einem Schnorchler helfen, dann kam das Wasser und wirbelte mich 150 Meter vom Strand bis an die Strasse. Da hat mir ein Mann dann auf die Strasse geholfen." Peter Meyer lebt seit zweieinhalb Jahren in Khao Lak, in Deutschland war er Pferdewirtschafsmeister. Er musste seinen Beruf wegen eines Bandscheibenvorfalls aufgeben. "Ich wollte hier neu anfangen."

Seine Eltern wurden von der Welle erfasst. Tage später fand er sie wieder. Auch sie leben. "Ich bin zum ersten Mal vor fünfzehn Jahren nach Thailand gekommen und habe von der Lebensart der Thais gelernt. Das Leben geht weiter, der Tod gehört dazu. Die Menschen hier sind sehr pragmatisch."

Die junge Thai-Frau Ling, 21, hat in der Nähe der Beach-Road in Patong neben ihrem Studium in einem der zahlreichen Reisebüros gearbeitet. Sie hatte am Sonntag frei und schlief in ihrer Wohnung am Rand von Phuket City. Das Büro gibt es nicht mehr. Freundlich lächelnd erzählt sie, fast so als sei nichts geschehen, dass sie jetzt keinen Job mehr hat. "Aber das macht nichts. Ich lerne jetzt Japanisch an der Universität Phuket. Wenn die Touristen wieder kommen, kann ich einen besser bezahlten Job finden. Die Japaner haben viel Geld."

So wie Peter Meyer oder Ling sehen fast alle, Touristen, Einheimische, Ausländer, die hier leben, die Zeit nach der Katastrophe. Die Lähmung weicht dem Zweckoptimismus. In Patong beispielsweise gehen die Aufräumarbeiten zügig voran. Immer wieder gibt es Gerüchte: Seuchen könnten drohen, das Wasser knapp werden, neue Wellen kommen. Diskutiert wird auch, ob Khao Lak jemals wieder aufgebaut wird.

Viele Touristen, die ihr Leben leicht verletzt oder sogar unverletzt retten konnten und noch über Papiere und Geld verfügen, bleiben im Land. Patong beispielsweise soll zu nahezu 100 Prozent ausgebucht gewesen sein. Jetzt heisst es, liege der Belegungsstand bei 75-80 Prozent. Eigentlich wäre noch Hochsaison und es müsste mehr sein.

Angesichts der Katastrophe hatten Pessimisten zunächst den wirtschaftlichen Garaus für die Insel erwartet. Aber offenbar haben nur die, die mussten, das Land verlassen. Die Thailand-Urlauber haben ein geflügeltes Wort: Einmal Thailand, immer Thailand. Das Klima und die Menschen lassen diese Urlauber nicht mehr los. Es fällt auf, dass die Thais auf Phuket nach drei Tagen Chaos zuweilen wieder scherzen.

Karl Fleck und seine Frau Gerda Wagenhöfer aus der Nähe von Wien haben die Katastrophe auf Phi Phi Island überlebt. Sie machten von Patong aus einen Speedboat-Ausflug zur Maya Bay. Eine geschützte Bucht, bekannt aus dem Film The Beach. "Eigentlich waren es mindestens zehn Wellen", berichtet Karl Fleck. Die erste riss die Boote von einer Seite der Bucht auf die andere. Dabei wurden schon Menschen getötet, die im vorher kristallklaren Wasser schwammen." Als die Touristen die Gefahr erkannten, kletterten viele eine steile Felswand hoch, den auch von der anderen Seite kam das Wasser. "Das waren überwiegend Japaner, die hingen dort drei Stunden in der Felswand. Die Angst verlieh ihnen übermenschliche Kräfte."

Erst in Patong begriffen sie, welche Naturkatastrophe sie überlebt haben. Eigentlich war am Montag ihr Rückflug geplant. "Wir haben uns dann entschlossen hierzubleiben, um zu helfen." Im International Phuket Hospital musste Gerda einem Hamburger erklären, dass dessen Bein amputiert werden muss. Karl betreute zur selben Zeit ein Mädchen.

Als der amerikanische Pfarrer Mike fragte, ob das kleine Mädchen beten wolle, übersetzt Karl das Gebet zwischen Pfarrer und Mädchen aus dem Englischen ins Deutsche. Dabei erfährt Karl, dass sie ihren Vater Rüdiger vermisst. Als Gerda hinzukommt und den Namen hört, fragt sie nach.

Vater und Tochter konnten heute gemeinsam nach Deutschland zurückfliegen.

Mitarbeit: Wolfgang Kneisel



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