Plutonium-Affäre Umweltminister räumt Sicherheitsmängel ein

Dass in der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe Plutonium abhanden kam, hat ein politisches Nachspiel. Die Opposition im Stuttgarter Landtag nimmt Umweltminister Müller ins Visier.


Die Wiederaufarbeitungsanlage des Forschungszentrums Karlsruhe
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Die Wiederaufarbeitungsanlage des Forschungszentrums Karlsruhe

Stuttgart - Landespolitiker der Opposition machen Umweltminister Ulrich Müller (CDU) für die Sicherheitsmängel in der Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe (WAK) mitverantwortlich. Dabei habe das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in mehreren Jahresberichten auf überdurchschnittlich viele Mängel an der stillgelegten Anlage hingewiesen, kritisierten die Grünen. Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) nahm Müller in Schutz. Unterdessen sollte der WAK-Mitarbeiter, der plutoniumhaltiges Material aus der Anlage geschmuggelt haben soll, am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Teufel antwortete auf die Frage nach möglichen Versäumnissen von Müller: "Die kann ich überhaupt nicht erkennen." Zu Einzelheiten der Plutonium-Affäre nahm der Regierungschef nicht Stellung und verwies auf die anschließende Pressekonferenz Müllers. Kritik an der Informationspolitik der Behörden und der Regierung wies Teufel jedoch zurück. Er betonte, der Umweltminister habe Tag für Tag mündlich und schriftlich seinen eigenen Kenntnisstand auch der Öffentlichkeit mitgeteilt.

Umweltminister Müller hat unterdessen eingeräumt, dass Sicherheitsmängel in der Karlsruher WAK im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Diebstahl von Plutonium stehen. Müller kündigte an, die Sicherheitsvorkehrungen in der WAK würden "selbstverständlich verstärkt".

Müller stellte gleichzeitig klar, dass es sich bei dem Diebstahl durch den 47-jährigen Arbeiter um einen "atypischen und einmaligen Fall" handele. Gegen "perfides kriminelles Handeln, das Hand in Hand mit der Bereitschaft zu erheblicher Eigen- und Fremdgefährdung geht, gibt es allerdings keinen absoluten Schutz", sagte er.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Renate Rastätter sieht durch die Berichte des Bundesministeriums die "Mängel in der Sicherheitskultur" der WAK als bestätigt an. Darauf habe man Müller bereits mehrfach aufmerksam gemacht. Baden-Württembergs SPD-Fraktionschef Wolfgang Drexler lastete Müller im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Plutonium-Diebstahl die Verletzung seiner Aufsichtspflicht an. Trotz der Hinweise auf teilweise erhebliche Sicherheitsmängel im Zusammenhang mit der Schulung und dem Einsatz von Fremdpersonal in der WAK sei nichts geschehen.

In den Jahresberichten des Berliner Ministeriums werden die meldepflichtigen Ereignisse der sieben Anlagen zur Kernbrennstoffver- und -entsorgung sowie der Zwischenlagerung in der Bundesrepublik aufgezeigt. Dazu gehört auch die WAK. Der Bericht des Jahres 1999 etwa dokumentiert, dass von 40 meldepflichtigen Ereignissen 20 in der WAK passierten. Das Ministerium stufte diese Störungen in die Kategorie N ein. Darunter fallen Ereignisse mit "keiner oder sehr geringer unmittelbarer sicherheitstechnischer Bedeutung".

Der 47-jährige WAK-Arbeiter und seine Lebensgefährtin waren am Montag festgenommen worden. Der Mann wird des Diebstahls radioaktiver Substanzen aus der Anlage verdächtigt. Die ebenfalls aus der Südpfalz stammende Frau soll radioaktives Material unsachgemäß entsorgt haben.

Nach Informationen des Magazins "Stern" konnte der Arbeiter auf Grund erheblicher Sicherheitsmängel in der WAK hochgiftiges Plutonium mit einem simplen Trick herausschmuggeln. Seinen eigenen Angaben zufolge habe er nach Arbeitsschluss das Fläschchen mit der radioaktiven braunen Flüssigkeit vor der obligatorischen Kontrolle durch einen "Ganzkörper-Monitor" abgelegt, es nicht zur Prüfung gegeben und danach einfach in seine Hosentasche gesteckt.



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