Poledance-Star Nova: Mädel von der Stange

Von , San Francisco

Stripclubs? Oben-ohne-Bars? Billige Nummerngirls? Vergessen Sie's. Poledance ist längst ein Trendsport, und Kara Nova gehört zu den besten Tänzerinnen der USA. Die 22-Jährige ist ein einziges Muskelpaket und vollführt Kunststücke, die frivol sind, lasziv - aber niemals ordinär.

Poledance-Star Kara Nova: Die Stangenfrau Fotos
Cody Molica

Kara Nova war gerade 18, als sie beschloss, den US-Bundesstaat Ohio zu verlassen. Wohin es sie treiben würde, wusste sie damals noch nicht. Nur nicht ans College, so wie alle ihre Freundinnen. Dieser gewöhnliche Karriereweg schien Kara Nova nicht attraktiv genug. Kara Nova heißt nicht wirklich so, ihren echten Nachnamen hat sie gegen einen Künstlernamen getauscht. Allein das deutet darauf hin, dass die Stärken der Amerikanerin nicht im Ausüben eines biederen Bürojobs liegen. Das Pseudonym soll sie vor allzu aufdringlichen Fans schützen. Davon hat sie viele.

Heute, vier Jahre nachdem sie Ohio den Rücken gekehrt hat, ist Kara Nova eine der besten Poledancerinnen der USA. Sie selbst nennt sich mal Performance Artist, mal Pole-Acrobat, mal Teilzeit-Model - und Vollzeit-Muse. Ganz schön viel für eine 22-Jährige.

Niemand muss einschlägige Lokale besuchen, um Kara Nova live zu erleben. Sie tritt auf Festivals wie dem Lagunitas Circus, dem PDX Bridge in Portland oder der Vau de Vire Society in San Francisco auf. Sie ist festes Mitglied der Hubba Hubba Revue, einem der größten Burlesque- und Varieté-Ensemble Kaliforniens, das regelmäßig in Oakland im Uptown-Club gastiert.

Oakland mit seinen rund 420.000 Einwohnern liegt direkt gegenüber von San Francisco. Dank der voranschreitenden Gentrifizierung der Westküsten-Metropole ist die Nachbarstadt das neue Kreativzentrum der Bay Area, ähnlich wie der Stadtteil Williamsburg in New York. Galerien, Szeneclubs, ehrgeizige Gastronomie und experimentierfreudige Off-Theater verdrängen langsam Oaklands Image als amerikanische Kriminalitätshochburg.

Ein Ort wie geschaffen für Nova, denn ihr Beruf ist Akrobatik, Sport, ja, wenn man so will: Kunst. Sie ist eingetaucht in die Welt der Magie und Surrealität.

"Ich war schon immer ein musisch orientierter Mensch", sagt die kleine, zierliche Frau. "Ich interessierte mich für Fotografie und Malerei. Als ich vor vier Jahren in die Bay Area zog, zeigte mir eine Freundin ein Video auf YouTube, in dem eine Pole-Tänzerin zu sehen war", erzählt Nova. "Ich war gefesselt, regelrecht hypnotisiert. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich so etwas auch machen möchte."

Ihr Körper - ein einziges Muskelpaket

Es ist ein Beruf, bei dem man hart trainieren muss. Zunächst übte sie nur für sich allein zu Hause, in ihrer Wohnung. Jeden Tag mindestens eine Stunde Dehnen, dann eine Stunde verschiedene Disziplinen an der Stange. Mehr ist nicht drin, wenn man diesen Sport tatsächlich als solchen versteht und nicht als gelangweiltes Gehampel ordinärer Nummerngirls.

Später wurde Nova von dem chinesischen Trainer Kemin Xia betreut, der Ensemble-Mitglied am chinesischen Staatszirkus war und sie in die Kunst der Körperverrenkung einführte. "Xia hatte sehr hohe Ansprüche. Durch ihn habe ich sehr viel gelernt", sagt Nova.

Mittlerweile ist ihr gesamter Körper ein einziges Muskelpaket. Dank dieser Kraft beherrscht sie heute auch die ambitioniertesten Figuren wie das "Iron X" in vier Metern Höhe, bei dem sie mit beiden Hände an der Stange hängt und der Körper mit gespreizten Beinen waagerecht in der Luft zu schweben scheint. Auch das "Knee hold" ist heute kein Problem mehr für Nova. Bei dieser Figur hängt die Artistin lediglich an einem Knie waagerecht an der Stange, ohne die Hände zu benutzen.

Das waren auch die Fähigkeiten, die Jim Sweeney alias Kingfish beeindruckten, als Kara Nova ihm vor einem Jahr ein Video von sich zusandte. Sweeney ist Gründer, Manager und Master of Ceremonies der Hubba Hubba Revue. "Kara ist atemberaubend", sagt er. "Ich bin wirklich sehr glücklich, dass sie in meinem Ensemble ist", so der Entertainer. Seine Shows heißen "End of the World", "Forbidden Island", "Wild Animals" oder "Around the World in 80 Girls". "Nirgendwo funktionieren die Shows besser als in Oakland", sagt Sweeney. "Nirgendwo sind die Leute aufgeschlossener und begeisterungsfähiger als hier im Uptown Club."

Poledance gegen die Schüchternheit

Auch Kara Nova tritt hier immer wieder zusammen mit der Burlesque- und Varieté-Truppe auf. Natürlich sind die Shows lasziv und frivol, das lässt sich kaum vermeiden, wenn die Kostümierung ausschließlich aus einem knappen Bikini und aufwendigem Make-up besteht. Doch niemals sind ihre Choreografien ordinär oder darauf angelegt, männliche Phantasien zu beflügeln. Sie tanzt zu Musik von Radiohead, Massive Attack oder Bassnectar.

"Alle meine Freunde wissen, was ich mache", sagt Kara. "Auch meine Eltern. Für sie ist es kein Problem, sie wollen, dass ich glücklich bin", erzählt sie. "Und Poledance macht mich glücklich." Ihr Ziel ist es, Poledance aus der Schmuddelecke herauszuholen, in der es in konservativen Gegenden wie ihrer Heimat Ohio - und nicht nur dort - immer noch steckt. Sie will diesen Mix aus Akrobatik, Sport und Kunst einem breiten Publikum zugänglich machen.

Ihre Bemühungen scheinen zu fruchten. Inzwischen gibt es in den USA an den Kiosken schon so viele Hochglanzmagazine zu Poledance wie in Deutschland Fachlektüre übers Angeln oder Schäferhunde. Auch landesweite oder nationale Wettbewerbe und Meisterschaften werden immer populärer. Erst kürzlich fand in Budapest die Weltmeisterschaft im Poledance statt.

Durch Poledance könnten die Möglichkeiten des eigenen Körpers entdeckt werden, sagt Nova. Schüchternheit und vermeintliche gesellschaftliche Normen würden überwunden und körperliche Fitness wie bei keinem anderen Sport trainiert. "Jeder Muskel wird beansprucht, anfangs tut es auch weh. Aber je länger man trainiert, desto geringer werden die Schmerzen", sagt sie. Nebenbei gibt sie dreimal pro Woche Kurse in Poledance in einem Atelier nahe San Francisco. Meist sind die Einheiten ausgebucht.

Irgendwann einmal möchte Nova mit ihrem Beruf um die Welt reisen, möchte mit Cabaret- und Varieté-Instanzen wie dem Cirque du Soleil auf Tournee gehen. "Dafür muss ich aber noch weiter trainieren" sagt sie. "Vielleicht sind meine Shows schon jetzt großartig, vielleicht sehen meine Stunt-Manöver für den Laien schon jetzt vollkommen aus. Aber das reicht nicht. Ich will das Publikum verzaubern, es soll so hypnotisiert sein, wenn es mich sieht, wie ich es damals war, als ich dieses YouTube-Video sah."

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