Polen nach dem EM-Aus: "Es ist einfach so traurig"

Aus Wroclaw berichtet

Die Hoffnungen waren groß - die Ernüchterung kam völlig unerwartet und umso brutaler. Nach dem überraschenden EM-Aus kämpfen viele Polen mit den Tränen. Für die Fortführung des Turniers verheißt das wenig Gutes, die gute Stimmung im Land wird wohl deutlich abfallen.

Ernüchterung unter den Fans: Polens Trauer nach dem EM-Aus Fotos
AP

Wie weiß-rote Ameisen zogen sie von dannen. Tausende verließen das Wroclawer Stadion, viele von ihnen hatten die Köpfe gesenkt. Kaum ein Ton, keiner der zahlreichen Schlachtgesänge, die in den vergangenen Tagen zum Standardrepertoire in polnischen Städten gehörte, erklang. Polen schlich davon. Geprügelt, gebrochen, aus dem eigenen Haus geworfen.

"Wie konnte uns das nur passieren?", fragt Mariusz, ein Fan, der extra aus Posen zum Spiel gereist ist. Er sah mit an, wie eine völlig lethargische, indisponierte polnische Mannschaft sich einem kreativ- und konzeptlosen tschechischen Team mit 0:1 geschlagen geben musste. "Diese Mannschaft ist eine Schande. Keiner von denen sollte jemals wieder für Polen spielen dürfen", sagt Mariusz.

Dabei war das Team von Franciszek Smuda im Vorfeld des Turniers der große Hoffnungsträger des ganzen Landes. Seit die UEFA Polen und die Ukraine vor fünf Jahren als Gastgeber der Europameisterschaft auswählte, fieberten die Menschen in Polen dem Ereignis entgegen. "Es war unsere große Chance, uns der Welt zu präsentieren. Wir wollten endlich zeigen, dass wir in den vergangenen Jahren zum Rest Europas aufgeschlossen haben", sagt Agatha, die in Warschau studiert und sich den Turnier-Knockout in Wroclaw ansah. Die polnischen Nationalfarben, die sie sich auf die Wangen gemalt hatte, sind mittlerweile zerlaufen. Dicke Tränenspuren lassen sich darin erkennen. "Es ist einfach so traurig."

Die Party ist vorbei

Knapp eine Stunde nach dem Spiel ist auch die Wroclawer Fanzone komplett geräumt. 30.000 Zuschauer haben sich dort, mitten in der Stadt, das Spiel angesehen. Bereits Stunden vor dem Anpfiff tanzten, sangen und feierten sie. Jetzt liegen in der Fanzone nur noch Müll und leere Flaschen. "Wir hatten alles: ein Heimspiel, auf dem Papier eine sehr gute Mannschaft und ein Publikum, das sie voll unterstützte. Hier auszuscheiden ist einfach nur grausam", sagt Agatha.

Vor allem, weil das polnische Team, gespickt mit sieben Bundesliga-Spielern, als Geheimfavorit ins Turnier gestartet war. Die Mannschaft hat den Polen bereits vor Beginn des ersten Spiels ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben, ein Gefühl des Stolzes. Das neue Selbstbewusstsein war an jeder Straßenecke zu spüren. Die weiß-roten Nationalfarben blitzten überall auf, selbst an Polizeiwagen hingen kleine Nationalfahnen.

"Wir wollten hier eine riesige Party feiern. Die ist jetzt nach nur acht Tagen vorbei", sagt Lech, auf dessen polnischem Nationaltrikot ein halber Döner liegt. Er sitzt, wie so viele andere, die vom Stadion in die Innenstadt gepilgert sind, am Straßenrand und isst. Es wirkt wie ein tausendfaches Katerfrühstück. Die Kopfschmerzen werden wohl erst noch kommen.

Weiterfeiern, für die anderen

"Für uns werden das doch jetzt zwei grausame Wochen. Du musst in deinem eigenen Land mitansehen, wie alle anderen feiern. Ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll", sagt Josek. Er läuft mit einigen Freunden in Richtung einer Bar an der S-Bahn-Station Rynek. "Dort gibt es Wodka für vier Zloty. Das hilft." Aber Erklärungen wird auch das nicht liefern.

Es wird nicht helfen zu verstehen, warum man mit dem besten Team seit Jahren und dazu noch auf heimischen Boden als Gruppenletzter ausgeschieden ist. Es wird auch keine Hilfestellung geben, wie man die kommenden Wochen bewerkstelligen soll. "Wir haben das Minimalziel nicht erreicht, das ist ein riesiges Desaster. Aber wir dürfen jetzt nicht allen anderen die Party zerstören", sagt der polnische Nationalheld Zbygniew Boniek.

Auch die Online-Ausgabe der Wochenzeitung "Wprost" appellierte in einem Kommentar an die Ehre der Gastgeberschaft: "Wir sollten weiterhin die weiß-roten Farben anziehen und ins Stadion und auf die Fanmeilen gehen. Wir sollten jetzt den anderen bestmöglich zujubeln. Wir können bei dieser EM immer noch als Land sehr viel gewinnen."

"Autobahnen, Flughäfen und Stadien sind mehr wert als ein Viertelfinale"

Doch dass die Fanmeilen weiterhin so gut besucht werden, dass weiterhin diese grandiose, laute, euphorische Stimmung vorherrscht, ist beinahe ausgeschlossen. Die polnischen Fans waren es, die fast jeden Abend zu einem Spektakel werden ließen. Die schon von morgens an in der Stadt herumliefen und dadurch eine allgegenwärtige Turnierstimmung verbreiteten. Ihnen ist diese Party durch eine indiskutable Mannschaftsleistung geraubt worden. "Nach so einem Erlebnis kann man nicht einfach so umschalten und weiterfeiern", sagt selbst der Kapitän der Nationalmannschaft, Jakub Blaszczykowski.

Eine Erklärung, warum seine Mannschaft die Fans so enttäuscht hat, kann aber auch er nicht liefern. Stattdessen versucht es Jan. Ein großgewachsener Krakauer, der mit vier Freunden am Eingang der ansonsten menschenleeren Fanzone steht: "Kurwa, weil das eben Polen ist. Wir sind nicht perfekt, wir sind keine Helden. Aber das ist auch nicht wichtig. Denn wir haben jetzt neue Autobahnen und Flughäfen, schöne Stadien und Bahnhöfe. Das ist viel mehr wert als ein Viertelfinale. Und deshalb sollten wir jetzt trotzdem weiterfeiern."

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insgesamt 24 Beiträge
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1. optional
TheCabal 17.06.2012
Ab und zu kann man nur den Kopf schütteln, was hier veröffentlicht wird. Gefundenes fraß für uns die hart arbeitenden Deutschen.
2. Schniff...
salamicus 17.06.2012
...die Tränen fließen mir den Rücken hinunter. Ja, meine Güte, die deutschen Damen und Herren FußballerInnen sind im eigenen Land auch nicht Weltmeister geworden. Wenn die Polen jetzt die Party beenden und die Fahnen auf Halbmast hängen sollten, wären sie eben *keine* guten Gastgeber. Ein guter Gastgeber denkt zuerst an seine Gäste und zuletzt an sich...
3. Aus Breslau berichtet...
La República 17.06.2012
Oder berichten Ihre Journalisten auch aus Roma und Venezia? Das mit "Wroclaw" ist wirklich lächerlich, zumal die polnische Schreibweise auch noch falsch ist. Bitte um sofortige Änderung.
4. Wroclaw?
magentisman 17.06.2012
Wroclaw und Poznan? Hä? Sie meinen wohl Posen und die alte deutsche Stadt Breslau! Warschau schreiben Sie erstaunlicher Weise richtig oder heißt das nicht Warzawa? Wäre die EM in Italien.....würden Sie dann die Austragunghsorte Roma, Torino und Milano oder Rom, Turin und Mailand nennen?
5.
mindphuk 17.06.2012
Zitat von sysopDie Hoffnungen waren groß - die Ernüchterung kam völlig unerwartet und umso brutaler. Nach dem überraschenden EM-Aus kämpfen viele Polen mit den Tränen. Für die Fortführung des Turniers verheißt das wenig Gutes, die gute Stimmung im Land wird wohl deutlich abfallen. Polen sind nach EM-Aus enttäuscht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,839337,00.html)
Ich kann diesen Nationalstolz und dieses geheule bei Niederlagen überhaupt nicht verstehen. Ist ja in Deutschland genauso, und dann auch noch diese affigen Autofähnchen... Kann ja jeder machen wie er möchte, aber eigentlich ist Fußball so ziemlich das unwichtigste was es gibt auf diesem Planeten. Jetzt in Tränen auszubrechen, während auch in Polen Kinder noch unter der Armutsgrenze leben müssen, das ist sowas von scheinheilig und hirnamputiert. Brot und Spiele, man muss das Volk mit Suff, Spektakel und falschem Gruppenstolz unter der Fuchtel halten, das wussten schon die alten Römer.
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