Polizei Die Berliner "Wanne" hat ausgedient

Im Steinhagel in Kreuzberg, zwischen brennenden Barrikaden in Friedrichshain - die Wanne, der vergitterte Mannschaftswagen der Berliner Polizei, hat sich in zahllosen Straßenschlachten bewährt. Jetzt wird sie ausgemustert. Eine Ikone der bundesdeutschen Demonstrationskultur verschwindet von den Straßen der Hauptstadt.

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Angriff auf die Wanne: Steinewerfer am 1. Mai
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Angriff auf die Wanne: Steinewerfer am 1. Mai

Berlin - Angst. Ja, Angst habe er, sagt Andreas Tondorf, Polizeioberkommissar in Berlin-Lankwitz. Wenn es los geht, wenn er durch die Gitter in die aggressiven Gesichter blickt, wenn die Leute draußen schreien: "Scheiß' Bullen!" Wenn es so unglaublich laut wird im Wagen, weil die Pflastersteine nur so auf das Blech hageln, so laut, dass man sich anbrüllen muss, um sich zu verständigen. Ganz natürlich sei das mit der Angst, sagt Andreas Tondorf. Man kann es nachvollziehen, wenn man drin sitzt, in der legendären Wanne, dem in zahllosen Straßenkämpfen erprobten Mannschaftswagen der Berliner Polizei. Zwei Bänke an jeder Seite, mit grauem, abgewetztem Kunststoff überzogen, darüber ein Gepäcknetz, wie man es aus Bus und Bahn kennt, für Helm und Knüppel, die großen Schutzschilder klemmen unter Gummiseilen unter dem Dach. Das wird eng für zehn bis zwölf Männer und Frauen in 15 Kilo schwerer Schutzmontur, auch wenn Andreas Tondorf vom "riesigen Platzangebot" schwärmt.

Damit ist es bald vorbei. Die Wanne, das Symbol der Hausbesetzerschlachten und der Maikrawalle, hat ausgedient. Über die nächsten zehn Jahre soll die Legende nach und nach ersetzt werden durch neue "Grus", wie die Beamten ihre "Gruppenkraftwagen" nennen.

Der 43-jährige Tondorf ist Schirrmeister bei der Polizeidirektion 4. Im Süden Berlins kümmert er sich um den Fuhrpark, sorgt dafür, dass die Fahrzeuge in Schuss bleiben. Wenn die Wannen aus der Schlacht zurückkehren, werden die Wunden geleckt. Da fehlen trotz Vergitterung ganze Windschutzscheiben, Reifen sind zerstochen, das Blech mit Pflastersteinabdrücken übersät. Die Beulen wieder herauszudrücken, diese Mühe macht man sich schon lange nicht mehr. "Da wird einfach Lack drüber gepinselt." Hier, sagt Tondorf, und streicht fast liebevoll mit der Hand über die Kraterlandschaft an der Seite eines 20 Jahre alten Gefährts. "Gru" Nummer 25 hat seine Schuldigkeit getan. Seine letzte Dienstfahrt führt in die Polizeihistorische Sammlung.

"Das ging richtig zur Sache"

Nach seinen schlimmsten Einsätzen gefragt, kommt Tondorf ins Grübeln. Es waren so viele, die er als "ziemlich heftig" bezeichnen würde: der 1. Mai 1989, an dem es in Kreuzberg trotz oder wegen der De-Eskalationsstrategie der Polizei zu den bis dahin schwersten Krawallen kam und rund 350 Beamte verletzt wurden. Oder die gewaltsame Räumung der Mainzer Straße in Friedrichshain im Herbst 1990. Die Wannen waren immer mittendrin. Tondorf ist seit 1979 bei der Berliner Polizei. Zwei Jahre später saß er das erste Mal "auf der Wanne". "Das ging direkt richtig zur Sache", erinnert er sich an die Tage im September 1981, als um den Winterfeldtplatz Demonstranten versuchten, den Besuch des damaligen US-Außenministers Alexander Haig zu stören. Wenig später kam es zu Straßenschlachten, als die Polizei besetzte Häuser in Schöneberg räumte. Ein Mensch starb.

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Rückblick: 33 Jahre Berliner Wannen im Einsatz

Der Kreuzberger Autor Michael Wildenhain ist in seiner Hausbesetzer-Zeit selbst "ein- , zweimal mitgefahren" - unfreiwillig. "Die Polizisten haben dann ein bisschen auf mir rumgetreten", erinnert er sich. Wohl auch deshalb beschleicht ihn keine Wehmut, wenn die alten Wannen nicht mehr durch Berlin kreuzen. Er verbindet mit ihnen den Moment, in dem die Tür aufging und der Trupp herausstürmte. Denn dann wurde es Ernst. Steine auf fahrende Wannen zu werfen, das hat ihn nur amüsiert. "Das war eine Beschäftigung für gelangweilte Demonstranten." Das Gefährt galt trotzdem als Trophäe: Genau hat Wildenhain noch die Plakate vor Augen, die 1982 zur Anti-Reagan-Demo aufriefen. "Daran werden wir uns noch lange wärmen", war damals unter der Zeichnung einer brennenden Wanne zu lesen.

"Sie sind die letzte Erscheinungsform des guten alten Überfallkommandos", sagt der Cartoonist Gerhard Seyfried, der sich in den siebziger und achtziger Jahren in der alternativen Szene einen Namen als "Bullenzeichner" machte. Mit den Wannen verschwinde "das sichtbare Symbol für die Staatsgewalt", das auch für Berlin-Besucher immer schon eine Attraktion gewesen sei. Die Masse habe es gemacht, sagt Seyfried. "Das sah immer gut aus, wenn die in ewigen Kolonnen zu ihren Einsätzen gefahren sind. Das hatte sowas Militärisches."

Die Wanne kommt unter den Hammer

Seyfried spricht schon in der Vergangenheit, obwohl von einst 250 "Wannen" heute noch 167 im Dienst sind. Doch der Abschied ist beschlossene Sache. Derzeit befinden sich 18 Wannen im sogenannten Aussonderungsverfahren. Das heißt, alles, was nur für den Polizeieinsatz ein- und angebaut war, wird jetzt wieder entfernt: Funkgeräte, Lautsprecher, Blaulicht, der Schriftzug an der Seite und die Eisengitter, die Scheiben, Scheinwerfer und Rückspiegel vor Wurfgeschossen schützen sollten. Dann geht es zur Versteigerung. Zwischen 300 und 4000 Euro bringen die grün-weißen ausgemusterten Schlachtschiffe, je nach Zustand. Ein Schnäppchen: 30.000 Mark kostete der Mercedes Benz, Modell L 408, im Jahr 1972, als die ersten Wannen angeschafft wurden, nachdem die Berliner Polizei zuvor noch auf offenen Lastwagen zu Großeinsätzen gekarrt wurde. 1996 mussten in einen 611 D schon 150.000 Mark investiert werden, mit Komplettausstattung.

Mit der Zeit baute die Polizei die Fahrzeuge in rollende Festungen um, vergitterte, was zu Bruch gehen konnte. Das Blech wurde in den achtziger Jahren verstärkt, nachdem Angreifer immer wieder versucht hatten, die Außenhaut der Fahrzeuge mit Eisenstangen oder Stahlgeschossen zu durchbrechen. Auch der Verriegelungsmechanismus, der es unmöglich macht, die Hecktür von außen zu öffnen, musste erst nachgerüstet werden. "Vorher haben Demonstranten schon mal die Tür aufgerissen und Gegenstände in den Wagen geworfen", erzählt Tondorf. Steine oder Flaschen. Es hätte auch ein Brandsatz sein können.

Der Nachfolger muss sich bewähren

Innerhalb von zehn Jahren sollen die alten Wannen ganz von der Straße verschwinden, ersetzt durch kompaktere Mannschaftswagen. Die sind wendiger, schneller und vor allem wirtschaftlicher. Tondorf hatte noch keine Gelegenheit, einen Einsatz im Nachfolger zu fahren. "Angeguckt hab' ich mir den natürlich schon." Na ja, sagt er dann, etwas zögerlich, ganz schick sähe der ja aus. Wirklich verliebt schaut Tondorf den Sprinter aber nicht an, was nicht nur an der Kälte liegt. "Er muss sich eben erst mal bewähren."

In der alten Wanne ist jedenfalls mehr Platz. Und schneller raus kommt man auch. Zehn Beamte mit Helm und Schild springen eben leichter von zwei Bänken hinten aus dem Wagen raus, als aus bequemen Sesseln durch eine seitliche Schiebetür.

Am 10. März werden die nächsten "Wannen" im Ruhestand versteigert. Das Interesse ist groß. Rund 150 Bieter zählte Susanne Janke vom Berliner Auktionshaus Karner & Co. bei der letzten Versteigerung im Februar. "Das geht von Otto Normalverbraucher, der das Fahrzeug zum Campingwagen umbaut, bis zum Polizisten, der sich sein Auto praktisch zurückkauft." Trotz aller Wehmut beim Gedanken an den Abschied, Andreas Tondorf will nicht mitsteigern.



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