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Polizei-Drohnen: Himmelfahrtskommando für die Schönwetterspäher

Von , Hannover

Billig, leise, effizient - deutsche Innenpolitiker preisen Drohnen als neue Wunderwaffen der Polizei im Kampf gegen Kriminalität. Doch der Praxistest zeigt: Von der Diensttauglichkeit sind die fliegenden Freunde und Helfer noch weit entfernt.

SPIEGEL ONLINE

Ein leises Sirren durchbricht die Stille auf dem ehemaligen Militärgelände im Norden Hannovers. Es klingt, als sei ein aufgescheuchter Insektenschwarm unterwegs, doch schon nach einem kurzen Augenblick herrscht wieder Ruhe. Unheimliche Ruhe. Denn in einigen Metern Höhe, über den Köpfen der Beobachter, steht ein Ding in der Luft, weiß lackiert, mit vier Armen, vier wirbelnden Rotoren und einer kleinen Kamera, die unter den Rumpf geschraubt wurde.

"Eine Drohne", sagt der Reporter.

"Ein unbemanntes Luftfahrzeug", korrigiert der Beamte.

Vielleicht ist es auch einfach die Zukunft - jedenfalls die der polizeilichen Überwachungstechnik. Deutsche Innenpolitiker glauben das anscheinend und preisen daher in der Presse die "fliegenden Augen", als sei mit ihnen der Kampf gegen das Verbrechen so gut wie entschieden, egal ob es um Geiselnahmen geht, um gewaltsame Demonstrationen oder Hooligan-Krawalle.

Beflügelte Helfer der Gesetzeshüter

Die Bundespolizei nutzt inzwischen bereits zwei Drohnen, sie heißen "Aladin" und "FanCopter", wohl vor allem für Aufklärungsflüge ihrer Spezialeinheit GSG 9. Und zuletzt zauberte auch noch NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) kurz vor der Landtagswahl einen schwebenden Roboter aus seinem Etat und ließ den Testbetrieb öffentlich verkünden.

Datenschützer wiederum sehen die beflügelten Helfer der Gesetzeshüter oftmals kritisch. Der niedersächsische Beauftragte warnte bereits vor der Gefahr, dass "die Kamera direkt in Wohnungen hineinfilmt", was wiederum einen Eingriff in die Privatsphäre bedeutete. Vor allem aber störte den Landesdatenschützer in Hannover wohl, dass er in das entsprechende Genehmigungsverfahren zunächst nicht eingebunden worden war.

Die Polizei verteidigte sich daraufhin: Ihr eigener Datenschutzbeauftragter hätte die im September 2008 begonnene Erprobung genehmigt und auf den Bildern könne man doch auch gar keine Menschen erkennen.

Genau das ist das Problem.

Die 47.000 Euro teure und knapp einen Meter breite Drohne vom Typ MD4-200 ist in den knapp zwei Jahren, in denen die niedersächsische Polizei sie nun testen darf, landesweit insgesamt achtmal in realen Einsatzlagen angefordert worden, sie kam allerdings in der Praxis bisher nicht ein einziges Mal zum Zuge.

Im Einsatz ziemlich zimperlich

Denn der Vierflügler ist ziemlich zimperlich und die gesetzlichen Vorgaben sind überaus streng: So darf die Drohne nach Angaben der Polizei nur tagsüber fliegen, bei Windstille, nicht über Menschenmengen, dafür aber ausschließlich in Sichtweite des Piloten, der mit einer Funksteuerung und einem Laptop am Boden steht. Sie kann außerdem nur 15 Minuten lang in der Luft bleiben und ihre Videokamera hat weder einen Zoom, noch vermag sie Standbilder aufzunehmen.

Autokennzeichen oder Gesichter lassen sich auf dem Computermonitor eigentlich nur erkennen, wenn der Roboter direkt über dem jeweiligen Auto oder der Person schwebt. Und die Bilder können auch nicht in ein Lagezentrum übertragen, sondern nur vor Ort angeschaut werden.

In der Praxis heißt das: Die niedersächsische Polizei-Drohne ist zurzeit einsetzbar, wenn man eine statische Situation auf freiem Feld aus der Luft filmen will, keine Fotos braucht, keine Detailaufnahmen notwendig sind, wenn es windstill ist und sonnig, sich keine Menschen am Boden bewegen, und wenn zumindest einer der sechs Beamten im Dienst ist, die das fliegende Auge inzwischen steuern können.

"Auf den Tag werden sie lange warten müssen", spottet deshalb ein Mitarbeiter des Innenministeriums.

"Einen Schritt weiter"

Die Hoffnung der niedersächsischen Polizisten besteht deshalb nun darin, dass ihnen die Datenschützer demnächst möglicherweise gestatten werden, eine herkömmliche Digitalkamera unter das unbemannte Flugobjekt zu montieren. Dann könnten die Beamten immerhin Fotoaufnahmen von großen Unfällen oder unübersichtlichen Tatorten machen, die Drohne wäre so etwas wie eine 15 Meter hohe Leiter, von der aus geknipst würde, aber eben auch nicht mehr. "Trotzdem wären wir einen Schritt weiter", sagt Oberkommissar Peter Gerhard von der Zentralen Polizeidirektion in Hannover.

Die Privatwirtschaft hält sich mit derart ausgedehnten Testläufen und Genehmigungsverfahren nicht auf. Drohnen kann inzwischen jeder im Internet kaufen oder sogar ab 190 Euro mieten: "Ob Sie als Privatperson spektakuläre Luftbilder Ihres Anwesens besitzen wollen oder aber als Geschäftskunde für Ihre tägliche Arbeit Luftbilder oder Videomitschnitte aus der Luft benötigen. Wir haben die Lösung", heißt es auf der Seite eines Anbieters, der "hochauflösende Foto- und Videoaufnahmen" und "geräuschloses Fliegen" verspricht.

Wer schützt eigentlich hier die Privatsphäre der Bürger vor Spannern und Spionen? Zumal zu den besten Kunden deutscher Drohnen-Hersteller nach deren eigener Darstellung schon heute Detekteien und Sicherheitsfirmen zählen.

Big Brother in der Luft

In Großbritannien, ohnehin ein Land mit flächendeckender Videoüberwachung, vermeldete die Polizei vor einiger Zeit stolz, ein mit einer Wärmebildkamera ausgerüsteter Flugroboter habe zwei jugendliche Autoknacker trotz dichten Nebels verfolgt und ihre spätere Festnahme ermöglicht. Zu den Olympischen Spielen 2012 sollen daher laut "Guardian" bis zu 22 Meter lange unbemannte Flugobjekte über London schweben, ausgestattet mit Infrarotsensoren und leistungsfähigen Kameras: Big Brother is watching you.

Schon heute spüren Drogenfahnder in den Niederlanden mit dem stundenlang flugfähigen "Cana-Chopper" illegale Marihuana-Plantagen auf. In Frankreich, Heimat des ehemaligen Nationalgendarmen Sarkozy, erprobt "La police" derweil den Einsatz von schwebenden Robotern über Problemstadtteilen.

Denkbar ist dennoch mehr: In einem EU-Programm ist bereits die Rede davon, dass Polizisten mittelfristig mit Drohnen auf Streife gehen könnten. Die fliegenden Beobachter sollten dann Verdächtige ausmachen, observieren, verfolgen und den Beamten am Boden alle notwendigen Informationen für einen Zugriff sowie möglicherweise gleich auch Beweise für ein Gerichtsverfahren liefern.

Bewaffnete Drohnen

Wie militärisch genutzte Drohnen könnten auch zivile Flugroboter bewaffnet werden - und sei es nur mit Nebel- oder Blendgranaten, mit Tränengas und Elektroschockern. Die Rüstungsindustrie arbeitet bereits an entsprechenden Modellen.

Für die niedersächsische Polizei liegen solche Szenarien in ferner Zukunft, manch ein Beamter hält sie sogar für grundsätzlich unvorstellbar. "Wir haben doch ganz andere Probleme", sagt Oberkommissar Gerhard.

Er muss nun eine Lösung finden, wie sich die SD-Karte in einer Digitalkamera verschlüsseln lässt. Denn sollte die Drohne einmal abstürzen, was in Hunderten Trainingsflügen bislang noch nicht passiert ist, könnte jeder Passant die Speicherkarte an sich nehmen und die Bilder auslesen. "Der Datenschutz stellt hohe Anforderungen", so Gerhard.

Über seinem Kopf kreist MD4-200 - noch immer im Trainingsmodus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. George Orwell
D50 22.06.2010
George Orwell lässt grüßen.
2. schulterzuck
...ergo sum, 22.06.2010
Fakt ist mal Eines: Sollte ich jemals über meinem Eigentum solch ein Teil sehen, dann schieße ich es ab und entsorge es. Bin in letzter Zeit doch recht froh darüber das ich seinerzeit Sportschießen (mit unterschiedlichen Waffen) gewählt hatte. ^ Frau hin oder her, - da wird gleich Großkaliber genommen. Na, dann fliegt mal schön ... ^
3. ---
Baracke Osama, 22.06.2010
Zitat von sysopBillig, leise, effizient - deutsche Innenpolitiker preisen Drohnen als neue Wunderwaffen der Polizei im Kampf gegen Kriminalität. Doch der Praxistest zeigt: Von der Diensttauglichkeit sind die fliegenden Freunde und Helfer noch weit entfernt. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,701310,00.html
Polizei-Staat wird immer weiter ausgebaut. Das ist aber nur zur unseren Sicherheit und gegen die schlimmen Terroristen und Verbrecher. Dumm nur, dass die Verbrecher in Parlamenten und Großkonzernen sitzen. Wer nichts zu verbergen hat... "Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren" (Benjamin Franklin)
4. bloß nicht!
TheWalrus 22.06.2010
Unnötig wie ein Kropf und bedrohlich obendrein. Da sie nicht einmal Autokennzeichen oder Gesichter aus der Luft identifizieren können, gibt es überhaupt kein Argument, das für ihre Einführung sprechen würde, die Leute fühlen sich nur eingeschüchtert und überwacht, und weiter nichts. Ich will nicht in einem Polizeistaat leben. Man muss ja auch nicht jeden Mist kopieren, den sich die Freunde Big Brothers auf der Insel ausdenken..
5. Lächerlich
shechinah 22.06.2010
Ha, da habt der Hersteller die Polizei aber ganz schön über den Tisch gezogen. Viel leistungsfähigere Modelle sind für einen Bruchteil zu haben. Das größte Problem der "Drohnen" ist ihre Verletzlichkeit. Sie sind so leicht herunterzuholen das sich der Einsatz schon deshalb verbietet. Es muß nicht mal die Stahlkugelschleuder oder die große Wumme sein, ein Starker Sender der auf verschiedenen Frequenzen senden kann reicht völlig um so ein Teil zu übernehmen. Jeder Modellflieger weiß wie man so was bastelt. Kindergarten mit unseren Steuergeldern.
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Drohne MD4-200
Hersteller: Microdrones GmbH
Preis: 47.000 Euro
Ausrüstung: Tageslichtvideokamera
Maße: 92,15 mal 92,15 Zentimeter
Reichweite: 500 Meter oder 15 Minuten
Flughöhe: max. 50 Meter
Geschwindigkeit: max. 25 Stundenkilometer

Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS


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