Marathon-Attentäter: "Gefangen!!! Die Jagd ist beendet"

Aus Boston berichten und (Video)

AP

"Wir haben heute Nacht einen Sieg zu vermelden": Nach einer viertägigen, beispiellosen Suche mit Tausenden Polizisten wird der mutmaßliche Bombenleger Dschochar Zarnajew gestellt, festgenommen und verletzt in eine Klinik eingeliefert. Amerika atmet auf, viele offene Fragen bleiben.

Sie haben ihn. Und sie haben ihn lebend. Um 20.58 Uhr an diesem Freitagabend twittert Bostons Polizei: "Gefangen!!! Die Jagd ist beendet. Der Terror ist vorbei. Und die Gerechtigkeit hat gesiegt." Es ist das Ende einer viertägigen, nervenaufreibenden Suche.

(Lesen Sie die Geschichte der Fahndung im Minutenprotokoll)

Der 19-jährige Dschochar Zarnajew hatte sich in Bostons Nachbarstadt Watertown versteckt, unter der Plane eines in einem Garten geparkten Bootes. Ein paar hundert Meter weiter, an der Polizeiabsperrung Ecke Irving und Arsenal Street, da jubeln die Anwohner den Polizisten zu, applaudieren den vorbeirasenden Wagen mit Blaulicht. Es ist vorbei, sagen sie. Endlich vorbei. Fast 24 Stunden mussten sie sich in ihren Häusern verbarrikadieren; fast 24 Stunden durchsuchten mehrere tausend Polizisten das gesamte Viertel.

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Bombenanschlag von Boston: Mutmaßlicher Attentäter auf Boot gefunden
Und lange Zeit sah es nicht gut aus. Noch gegen 18 Uhr am Freitag musste der Polizeichef von Massachusetts, Timothy Alben, eingestehen, dass die Suche bisher erfolglos gewesen sei. Oder war das nur ein Bluff? Denn unmittelbar danach überschlugen sich die Ereignisse. "Wir bekamen einen Anruf aus der Franklin Street in Watertown", wird sich der Polizeichef ein paar Stunden später erinnern. Ein Bewohner habe eine Blutspur an der Abdeckplane seines Boots im Garten bemerkt, den Schutz angehoben und einen blutigen Mann entdeckt. Daraufhin habe er sich sofort zurückgezogen und die Polizei alarmiert. Doch die Polizei bot auch eine andere, zumindest ergänzende Version: Demnach habe man den Mann über einen Wärmefühler aus einem Hubschrauber geortet.

Jedenfalls lag im Boot tatsächlich der offenbar von der Schießerei am Vortag verletzte Zarnajew. Verletzt in jener Auseinandersetzung mit der Polizei, die sein 26-jähriger Bruder und mutmaßlicher Mittäter Tamerlan nicht überlebt hatte.

Blendgranaten und ein Feuergefecht

Die am Freitag herbeigeeilten Polizisten lieferten sich einen Schusswechsel mit ihm, später feuerten sie Blendgranaten. Weil sie eine Sprengstoffweste an seinem Körper fürchteten, wurde ein Roboter eingesetzt, der die Plane wegzog. Schließlich konnte Zarnajew überwältigt werden. "Leute, wir sind erschöpft, aber wir haben heute Nacht einen Sieg zu vermelden", so Polizeichef Alben. Und US-Präsident Barack Obama gab aus dem Weißen Haus zu verstehen: "Amerikaner lassen sich nicht terrorisieren". Das sei die Lehre aus dieser Bostoner Woche.

Es war eine furchtbare Woche für die USA. Am frühen Montagnachmittag explodierten im Zielbereich des traditionsreichen Boston-Marathons zwei Bomben; Der achtjährige Martin Richard, Lingzi Lu und Krystle Campbell sterben, etliche Menschen werden verstümmelt, insgesamt mehr als 170 verletzt. Nach Sichtung verfügbarer Video- und Fotoaufnahmen vom Marathon präsentiert das FBI am Donnerstag Bilder der Verdächtigen: zwei Männer, der eine mit schwarzer, der andere mit weißer Baseballkappe.

Die Behörden stellen sich auf eine lange, mühsame Suche ein. Doch in der Nacht auf Freitag kommt es auf dem Gelände auf dem Campus der Eliteuniversität MIT zu einer Schießerei, in deren Verlauf mutmaßlich die Brüder Zarnajew den 26-jährigen Polizeibeamten Sean Collier töten. Kurz darauf zwingen die beiden einen Autofahrer, ihnen seinen Mercedes zu überlassen. Sie halten den Mann eine halbe Stunde lang in ihrer Gewalt, dann lassen sie ihn laufen.

Die Brüder flüchten nach Watertown, liefern sich eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei und werfen auch Sprengkörper aus dem Auto. Es kommt zu Schusswechseln, die Tamerlan Zarnajew nicht überlebt. Dschochar entkommt.

Boston wandelte sich zur Geisterstadt

Von diesem Moment an steht der Großraum Boston unter Belagerung. Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, verhängt einen sogenannten Lockdown: Die Leute werden angewiesen, in ihren Häusern zu bleiben. Boston wandelt sich zur Geisterstadt. Die Straßen von Watertown sind gesäumt von Polizei- und Armeeeinheiten. Mit aus dem Irak-Krieg bekannten Humvee-Geländewagen fährt die Military Police Streife. In Cambridge untersucht die Polizei Haus und Umfeld, in dem die Brüder wohnten.

Kaum einer ihrer Bekannten kann sich einen rechten Reim auf den Wandel der beiden machen, die tschetschenische Wurzeln haben. Da ist zum Beispiel Gilberto Junior, der Automechaniker um die Ecke, bei dem Dschochar regelmäßiger Kunde war. Am Dienstag, also am Tag nach dem Anschlag, sei der 19-Jährige noch bei ihm gewesen, erzählt Gilberto. Der Junge sei komisch drauf gewesen, "ich dachte, er sei auf Drogen". Zarnajew habe ständig auf den Fingernägeln gekaut, seine Beine hätten gezittert: "Der war total nervös." Drei Tage später endet Zarnajews Flucht unter der Plane eines Bootes.

Warum haben die Brüder gemordet? Warum haben sie Boston terrorisieren wollen? Sie seien doch in Amerika aufgewachsen, sagt Obama auf seiner Pressekonferenz, hätten hier studiert. Warum? Und es sei ebenfalls noch nicht geklärt, ob die beiden Männer Hilfe von Mittätern erhalten hätten. Tatsächlich wurden nahezu zeitgleich zur Polizeiaktion in Watertown drei weitere Leute in Gewahrsam genommen - in New Bedford, einer Küstenstadt im Südosten von Massachusetts.

Waren die Zarnajews Islamisten? Welche Rolle spielte die Religion für die Brüder? Da gibt es viele Unklarheiten. Tamerlan zum Beispiel soll bei YouTube einige radikalislamistische Videos als Favoriten verlinkt haben; über Dschochar hingegen sagte eine Kommilitonin dem "Boston Globe", er sei "nicht so religiös" gewesen, vielmehr ein normales Stadtkind: "Er sagte nie irgendwas über Russland versus die USA."

"Heute werden wir alle ein bisschen besser schlafen"

US-Staatsanwältin Carmen Ortiz kündigt am Freitagabend eine eingehende Untersuchung an: Die Festnahme des mutmaßlichen Täters sei nicht das Ende, sondern für sie setze sich die Reise jetzt fort. Es gelte, eine Vielzahl an Beweisen zu sichten und die Anklage zu erheben. Klar sei nur: "Heute werden wir alle ein bisschen besser schlafen."

Genau so sehen das auch Bostons Bürger, die die Verhaftung Zarnajews am Freitagabend mit Autohupkonzerten feiern. Junge Leute ziehen mit US-Fahnen durch die Straßen, rufen "Boston! Boston!" und "USA! USA!" Draußen in Watertown sagt ein Anwohner, nachdem alles vorbei ist: "Boston wird jetzt wieder zur Normalität zurückkehren." Die Bruins, das Eishockeyteam, werden wieder spielen; genauso wie die Red Sox, das Baseball-Team. "Und ich hoffe", sagt der Mann, "dass uns dies hier alle ein Stück näher zusammengebracht hat."

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insgesamt 139 Beiträge
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1. was heißt Normalität
stedaros 20.04.2013
Die Täter sind zur Strecke gebracht, aber sie hinterlassen verstümmelte Menschen, Zuschauer oder Läufer, für die es das ganze Leben lang keine Normalität mehr geben wird. Man sollte sowas nicht wie einen Action Film betrachten, bei dem der Zuschauer danach friedlich ins Bett geht.
2.
muttisbester 20.04.2013
Eines muss man einfach anerkennen: Die USA lassen sich wirklich nicht verarschen. Respekt! Ich vermute mal, kein anderes Land der Welt wäre so souverän mit so einem Terroranschlag umgegangen.
3. Kampf
Izmi 20.04.2013
Zitat von sysopREUTERS"Wir haben heute Nacht einen Sieg zu vermelden": Nach einer viertägigen, beispiellosen Suche mit tausenden Polizisten wird der mutmaßliche Bombenleger Dschochar Zarnajew gestellt, festgenommen und verletzt in eine Klinik eingeliert. Amerika atmet auf, viele offene Fragen bleiben. http://www.spiegel.de/panorama/polizei-fasst-mutmasslichen-bombenleger-von-boston-a-895505.html
"Gefangen!!! Die Jagd ist beendet. Der Terror ist vorbei. Und die Gerechtigkeit hat gesiegt." Mit diesen vier Sätzen wird wohl das Dilemma der Terrorbekämpfung deutlich: Eine Sichtweise auf das Problem, die es entweder als beinahe sportliche Aufgabe wahrnimmt, Täter zu fassen, Anschläge für beendet erklärt und schließlich die Gerechtigkeit als simplen Vorgang der Ausschaltung des oder der Terroristen wahrnimmt. Weder ist die Jagd beendet, weil schon bald "neue" Terroristen oder Amokläufer (was wohl hier ebenso eher der Fall ist) auftreten werden, noch hat man die Ursachen dieser Verbrechen wirklich im Visier. Bei allem Verständnis für den Jubel der Polizisten und der Bostoner - zumindest auf dem Foto - , es wäre klüger, weiter zu trauern oder wenigstens betroffen innezuhalten. Denn dieses Problem ist auch ein US-amerikanisches.
4. Aftermath...
Koana 20.04.2013
Zitat von sysopREUTERS"Wir haben heute Nacht einen Sieg zu vermelden": Nach einer viertägigen, beispiellosen Suche mit tausenden Polizisten wird der mutmaßliche Bombenleger Dschochar Zarnajew gestellt, festgenommen und verletzt in eine Klinik eingeliert. Amerika atmet auf, viele offene Fragen bleiben. http://www.spiegel.de/panorama/polizei-fasst-mutmasslichen-bombenleger-von-boston-a-895505.html
diese schöne Wort nutzen sie im anglikanischen Sprachraum für Nachwirkungen, wie wird wohl nun das mediale Spätheu ausfallen? Desto irrer unsere Prozsse, desto irrer werden auch die Menschen, zwei - deren Motive wohl in irgendeiner ideologischen Verblendung liegenden Spähre verborgen bleiben - legen provisorische Bastelbomben die Menschen töten und übelst verlezten, danach beginnt eine Hetzjagt mit neuen Toten und Verletzten und die ganze Welt jagd virtuell mit - so werden aus uns Slacktivisten, Slacksheriffs - wann kommt der nächste Coup? Uns dürstet schon danach!
5. Was gibt es da zu Jubeln?
artemis1 20.04.2013
4 Tage wird ein 19 jähriger, vermutlich irgendwie schwer gestörter Mensch von tausenden schwer Bewaffneter gejagt, sehr amerikanisch, mit viel Geballer und TamTam. Und natürlich schreit die halbe Welt wieder nach mehr Überwachung, Kameras, usw.; sehr, sehr bedenklich das Ganze. Ich würde insgesamt mehr Sachlichkeit wünschen und das Interesse, den Ursachen für solche Taten auf den Grund zu gehen, anstatt immer nur pauschal nach Kameras etc. zu schreien. Wer waren diese beiden Männer? Woher hatten sie ihr Waffenarsenal? Was bezweckten sie mit ihrer Tat?
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