Polnischer Wunderpatient Der Mann, der doch nicht 19 Jahre schlief

Die Nachricht ging um die Welt: Nach 19 Jahren wachte ein Pole aus dem Koma auf und hatte angeblich den Umbruch im eigenen Land verschlafen. Nun stellte sich heraus: Der Mann ist schon seit 15 Jahren wieder wach.

Von Carolin Jenkner


Die Berichte in den polnischen Zeitungen und Fernsehsendern klangen wie ein Wunder: Ein 65-jähriger Mann ist nach 19 Jahren aus dem Koma erwacht. Nun kann sich der Patient Jan Grzebski an nichts erinnern, weder an den Fall des Eisernen Vorhangs noch an seine Enkelkinder. Jetzt stellte sich heraus, dass die polnischen Journalisten es mit dem Unterschied zwischen Koma und Lähmung nicht so genaugenommen hatten.

Kein Koma: Jan Grzebski hat alles mitbekommen
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Kein Koma: Jan Grzebski hat alles mitbekommen

Nach Gesprächen mit Ärzten und der Ehefrau kam jetzt die Wahrheit ans Licht. Es gab kein plötzliches Aufwachen, sondern eine langwierige Rückkehr seiner Kräfte. "Der Mann war 19 Jahre lang gelähmt, die ersten vier Jahre lag er im Koma", sagte der behandelnde Arzt Wojciech Pstragowski. Ein anderer Arzt bestätigte, dass es sich keinesfalls um ein Koma gehandelt haben kann: "Dann wären die Augen geschlossen gewesen und er hätte nicht alleine atmen können", sagte er.

Auch der Patient selbst, Jan Grzebski, bestätigte gegenüber der Presse, dass er nicht die ganze Zeit geschlafen hat: "Ich habe alles mitgekriegt, konnte es aber nicht äußern", erzählte er. Also doch nicht die Revolution verschlafen: Im Fernsehen hat er Nachrichten geschaut, und auch seine Enkelkinder kennt er. "Sie haben mir meine erste Enkeltochter auf den Schoß gesetzt", erzählt er. "Ich hatte Angst, weil sie so klein war und ich so machtlos." Auch seine Ehefrau Gertruda,sagte: "Janek war nicht im Koma, er hat alles verstanden, was ich zu ihm sagte. Mit seinem Gesicht gab er mir zu verstehen, dass er etwas essen oder trinken wollte."

Er konnte nur sein Gesicht bewegen

Jan Grzebski hatte 1988 bei der Eisenbahn gearbeitet. Bei einem Arbeitsunfall wurde er von einem Wagen gestoßen. Sein Kiefer war zermalmt, er konnte sich nicht mehr bewegen und war auf dem linken Auge blind. Einen Monat lang lag er im Krankenhaus, dann nahm seine Frau ihn mit nach Hause. Er habe nur noch drei Tage zu leben, prognostizierten die Ärzte. Aus drei Tagen sind mittlerweile schon 19 Jahre geworden. Seine Frau Gertruda kümmerte sich liebevoll um ihn und ließ ihn weiter am Leben teilhaben. Seine Kinder und Enkel besuchten ihn, und er fand sich irgendwann damit ab, sich nicht mitteilen zu können. Bei Bewusstsein aber war er die ganzen Jahre. Grzebski war zwar bis auf das Gesicht gelähmt, konnte aber essen und fernsehen. Siebzehn Jahre lebte das Ehepaar so. Vor zwei Jahren dann fing er langsam an, Fortschritte zu machen. Im April konnte er sich schon so viel bewegen, dass er im Krankenhaus untersucht wurde. Seitdem lernt er wieder sprechen und laufen.

Obwohl er die Nachrichten der Welt verfolgte, ist für Jan Grzebski ein neuer Alltag angebrochen, an den er sich erstmal gewöhnen muss. Denn einkaufen oder spazieren war er tatsächlich 19 Jahre lang nicht.

Auch für die Ärzte ist der Fall ein kleines Wunder: "Mir ist aufgefallen, dass er sehr heiter war, sehr gepflegt und seine Muskeln waren in einem guten Zustand", sagt der sein Arzt Wojciech Pstragowski. Dafür sei seine Frau verantwortlich. Wenn es auch keine Aufwachsensation ist, so ist die Geschichte von Gertruda und Jan doch eine bewundernswerte Liebesgeschichte.

Mitarbeit: Marta Glowacka



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