Beschwerde über erfolgreiche Eisdiele: Eisschlacht am Prenzlauer Berg

Eispatisserie Hokey Pokey: Niko Robert in seinem Laden in der Stargarder Straße Zur Großansicht
Oliver Kleinschmidt

Eispatisserie Hokey Pokey: Niko Robert in seinem Laden in der Stargarder Straße

Niko Roberts Eisdiele im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ist erfolgreich - so erfolgreich, dass die Menschen in langen Schlangen davor warten. Der Trubel erzürnte Anwohner und benachbarte Gastwirte. Robert sah nur einen Ausweg: Er erhöhte die Preise, um Kunden zu vertreiben.

Berlin - Vor drei Jahren hat Niko Robert seine kleine Eisdiele in der Stargarder Straße in Berlin aufgemacht. Im Prenzlauer Berg, dem oft beschriebenen Familienstadtteil, in dem die vielen Mütter mit ihren vielen Kindern leben und Cafés zuckersüße Namen wie Napoljonska und Anna Blume tragen. Eispatisserie Hokey Pokey heißt sein Laden - das klingt nach Harry Potter, nach dicken Karamellklumpen, nach heiler Welt. Hier verkauft der 32-Jährige Eis aus französischer Schokolade und indischer Mango - auf Wunsch garniert mit Mini-Marshmallows.

Doch der Stadtteil ist mittlerweile weniger bekannt für lustige Café-Namen und schnuckelige kleine Lädchen - als für seinen Kleinkrieg zwischen hippen Großstädtern und ruhesuchenden Ordnungsfetischisten: den Spießern. Ein Café-Betreiber erklärte seine vier Wände schon zur kinderfreien Zone, Klagen wegen Ruhestörung machen es Szeneläden schwer.

Und nun geht es ans Eisgemachte: Roberts Geschäfte laufen gut, in dieser Saison sogar zu gut. Vielleicht liegt es daran, dass Berlin mit seinen langen Wintern wie kaum eine andere Stadt den Frühling herbeisehnt. Vielleicht liegt es an den dicken Pekannüssen im Rocky Road-Eis. So oder so: Seitdem Robert im März wieder geöffnet hat, strömen die Menschen in die Stargarder Straße. Sie stellen sich geduldig in der bis zu 50 Meter langen Schlange vor dem Hokey Pokey an. Später sitzen sie dann mit dem Eis auf dem Bürgersteig. Zum Unmut der Anwohner.

Zu laut, zu chaotisch, zu viel - die Aufregung um den Betrieb ist groß. Vergangene Woche war die Eisdiele dann plötzlich geschlossen. "Fluchtwege, Haus- und Geschäftseingänge waren durch Kinderwägen und Fahrräder blockiert, Autos wurden durch die umfallenden Fahrräder beschädigt", schrieb Robert zur Erklärung auf Facebook. Zwei Beschwerden sind beim Ordnungsamt gegen ihn eingegangen. Die Chefin eines benachbarten Restaurants habe ihm sogar mit einer Anzeige gedroht. Die Eisesser klagen über die Spießer vom Prenzlauer Berg.

Robert machte den Laden erst einmal zu. Nach drei Tagen öffnete das Hokey Pokey wieder, doch das Eis war um 30 Prozent teurer. 1,60 Euro kostet die Kugel nun - Roberts Strategie, um die Leute gezielt zu verprellen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Robert, kann man zu viele Kunden haben?

Robert: Ja, ich weiß, das ist ein Luxusproblem. Natürlich ist das ein Riesenkompliment an unseren Laden. Aber wenn plötzlich Menschenmassen vor dem Laden stehen und die Nachbarn sich beschweren, ist das ärgerlich.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie den Unmut nachvollziehen?

Robert: Ich kann verstehen, wenn die Leute sich aufregen - aber nicht den Tonfall. Eine benachbarte Restaurantbetreiberin hat mir mit einer Anzeige gedroht und angekündigt, sie wolle mich auf Schadensersatz verklagen. Als die Dame inflationär Kraftausdrücke von sich gab, war Schluss. Ich meide die Frau nun.

SPIEGEL ONLINE: Ist so eine Posse symptomatisch für den Prenzlauer Berg?

Robert: Ach, ich glaube nicht. Ich wohne hier direkt um die Ecke, der größte Teil der Anwohner ist eigentlich angenehm. Aber manche Leute sind hierhergezogen, weil sie gerne auf dem Kiez wohnen möchten. Ist der dann aber direkt vor der Tür, ist ihnen das auch nicht recht. Und diese Leute schaffen dann eine Stimmung, die total überflüssig ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Gegenmanöver bewirkt nun aber das Gegenteil, die Leute reißen Ihnen die Hörnchen immer noch aus der Hand.

Robert: Ich habe eine zusätzliche Arbeitskraft eingestellt, die draußen nach dem Rechten sieht. Die Leute stehen jetzt immer noch in der Schlange, lassen aber vor dem Restaurant der Dame eine Lücke. Außerdem: Ein paar Leute kommen auch, weil sie sehen wollen, was hier los ist. Und spätestens, wenn nächste Woche das Wetter abkühlt, beruhigt sich hoffentlich auch die Lage.

SPIEGEL ONLINE: Manch einer vermutetet eine kalkulierte PR-Aktion hinter Ihrer Preiserhöhung.

Robert: Ich mache das nicht, um möglichst schnell Geld zu verdienen. Mir haben alle davon abgeraten, die Preise zu erhöhen. Das würde unser Bild kaputtmachen. Und Gier ist das Schlimmste, was uns passieren könnte.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem - Ihr Laden müsste doch längst eine Goldgrube sein.

Robert: Na ja, sieben Monate im Jahr ist kein Eis-Wetter. Dazu kommen hohe Materialkosten. Allein die Vanille für das Hokey Pokey kostet 140 Euro pro Kilo.

SPIEGEL ONLINE: Was ist eigentlich Hokey Pokey?

Robert: Das ist eine traditionelle Eissorte aus Neuseeland. Cremige Vanille und knusprige Karamellstückchen. Wir bereiten das Eis nach einem Originalrezept aus den Zwanzigern zu. Das Hokey Pokey ist unser Bestseller.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal versucht, mit den Nachbarn zu reden?

Robert: Klar. Die meisten sehen das auch nach dem Prinzip "leben und leben lassen". Die Leute gehen beim Falafel-Laden nebenan essen. Bei mir gibt es dann den Nachtisch. Bevor sie mir mit der Strafanzeige gedroht haben, habe ich auch versucht, die Restaurant-Chefin zu beschwichtigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Robert: Ich habe Blumen und Eis vorbeigebracht.

Das Interview führte Gesa Mayr

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insgesamt 149 Beiträge
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1. Normales verhalten
Otoshi 22.04.2013
Habe ich schon bei mehreren ach so toleraten Menschen erlebt, wenn sie erstmal die 40 ueberschritten haben. Dann reicht es mit dem Revoluzzerleben.
2. bb pc
marcuspüschel 22.04.2013
Genau so hab ich den Prenzlauer Berg kennengelernt. Da reicht es schon, wenn du eine weisse Hose und Jakett trägst, und du wirst als "Schicki" angemacht. Wenn irgendwer oder irgendwas nach Erfolg ausschaut, dann drehen die Leute durch. Tut mir jetzt echt Leid, aber so sind sie eben - die Ossis!
3. Kleinbürger
hkubin 22.04.2013
Mögen sich die Bewohner vom Prenzlauer Berg noch so als Weltbürger geben, letztlich sind sie doch nur Spießer und Kleinbürger.
4. optional
proteo13 22.04.2013
Wer sich beschwert - ganz einfach zu beantworten. Die Ex-Landeier aus Süddeutschland. Großstadt ja - aber mit ländlicher Ruhe bitte.
5. Hmmmm
uih 22.04.2013
Zitat von marcuspüschelGenau so hab ich den Prenzlauer Berg kennengelernt. Da reicht es schon, wenn du eine weisse Hose und Jakett trägst, und du wirst als "Schicki" angemacht. Wenn irgendwer oder irgendwas nach Erfolg ausschaut, dann drehen die Leute durch. Tut mir jetzt echt Leid, aber so sind sie eben - die Ossis!
Im "Prenzlauer Würtemberg" (Zitat aus GWSW) wohnen schon lange keine "Ossis" mehr....
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