Internationale Presseschau zu Köln "Politischer Sprengstoff für Merkel"

"Deutschland unter Schock", "Frau Merkel, wo sind Sie?": Die sexuellen Übergriffe von Köln haben es auf die Titelseiten der Zeitungen weltweit geschafft.


Es ist selten, dass deutsche Themen auf den Titelseiten der großen US-Medien landen - im Fall Köln ist dies geschehen. "New York Times" und "Wall Street Journal" widmeten sich ausgiebig den Ereignissen der Silvesternacht.

"In Deutschland fordern Übergriffe die Flüchtlingspolitik Merkels heraus", titelte das "Journal". "Attacken auf deutsche Frauen entzünden Debatte über Migranten", schrieb die "New York Times". Auch der Sender CNN berichtete ausführlich über die Ereignisse am Kölner Dom ("Bandenmäßige Sex-Übergriffe schockieren Deutschland"), die "Washington Post" warnt vor einem Ende der deutschen Willkommenskultur.

Es gebe immer noch vieles, was man nicht wisse über die Vorkommnisse in Köln, schreibt die "Chicago Tribune". "Doch unabhängig von den Details wird dies politischer Sprengstoff für Kanzlerin Merkel sein. (…) Was in Köln passiert ist, wird Vorurteile bestätigten. Es wird die Einschätzung verstärken, dass muslimische Migranten keinen Platz in europäischen Gesellschaften haben. Dieses Bild aber ist falsch; eine große Zahl wurde erfolgreich integriert. Viele allerdings auch nicht, und sie zu erreichen, ist schwierig und auf kurze Sicht teuer. Köln zeigt, wie enorm die Aufgabe ist, die Deutschland und anderen Staaten bei der Integration der Migranten aus dem Mittleren Osten bevorsteht."

"Frau Merkel, wo sind Sie?", zitiert die italienische "Repubblica" die rhetorische Frage auf dem Plakat einer Demonstrantin, die zusammen mit Hunderten anderen am Dienstagabend am Kölner Dom gegen sexuelle Gewalt protestiert hatte. In einem Interview gibt die linksliberale Zeitung Helmut Kohls Ex-Berater Michael Stürmer eine Plattform: Bei den Übergriffen habe es sich um eine "angekündigte Katastrophe" gehandelt, erklärt der Rechtskonservative. Die jungen Nordafrikaner lebten in Deutschland "ohne Familie, ohne Arbeit und ohne Gesetz". Sie seien in einer Kultur aufgewachsen, "in der die Frau ein Herdentier ist oder bestenfalls Aschenputtel".

Die Vermengung von Flüchtlingsthematik und sexuellen Übergriffen trotz fehlender Details zu den Tätern ist in vielen Publikationen zu beobachten - in Deutschland wie im Ausland.

Der französische "Figaro" formuliert um einiges zurückhaltender, wenn es um einen angeblichen Zusammenhang von Tätern und Flüchtlingsstatus geht: "In Köln hat die massive Zuwanderung von Asylbewerbern bisher keine Unsicherheit produziert. Die Kriminalitätsrate unter Flüchtlingen ist nicht höher als beim Rest der Bevölkerung." Auch dürfe man die Hypothese, dass es sich womöglich um organisierte Diebesbanden gehandelt habe, nicht außer Acht lassen.

Der russische Fernsehsender Doschd, eine der wenigen nicht staatlich kontrollierten Medien im Land, verfolgte die Ereignisse in Köln sachlich. Die Nachrichtenagentur Ria Nowosti hingegen erfreute sich an einem Bericht der Weltuntergangsexperten des Blattes "Deutschen Wirtschaftsnachrichten", die Kanzlerin Merkel in der Flüchtlingsfrage politisches Totalversagen und Realitätsferne attestieren.

ala



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