Vorwürfe gegen Beratungsorganisation Pädophilie-Debatte erreicht Pro Familia

Auch die Beratungsorganisation Pro Familia soll in den achtziger und neunziger Jahren pädophilenfreundliche Ansichten verbreitet haben. Nach Recherchen des "Tagesspiegel" druckte das Verbandsmagazin mehrfach Artikel, in denen der sexuelle Missbrauch von Kindern gerechtfertigt wurde.

Eingang zu Pro-Familia-Beratungsstelle (Archiv): "Diskurse dokumentiert"
DPA

Eingang zu Pro-Familia-Beratungsstelle (Archiv): "Diskurse dokumentiert"


Hamburg/Berlin - Die Debatte um die pädophilenfreundliche Vergangenheit deutscher Parteien und Institutionen hat auch die Beratungsorganisation Pro Familia erreicht. Recherchen des "Tagesspiegel" zufolge publizierte das Verbandsorgan "Pro Familia Magazin" in den achtziger und neunziger Jahren gleich mehrfach Artikel, in denen sexueller Missbrauch von Kindern verharmlost oder gar rechtfertigt wurde.

So habe der Psychologe Wolf Vogel 1987 in dem Magazin dafür plädiert, "vorurteilsfrei" über die Ursachen "pädophiler Lust" nachzudenken. Noch 1997 habe sich der Soziologe Rüdiger Lautmann an gleicher Stelle über den "Kreuzzug gegen Pädophilie" beklagen dürfen.

Artikel von Lautmann wurden im "Pro Familia Magazin" laut "Tagesspiegel" mehrfach publiziert. 1995 etwa habe er ausführlich dargelegt, warum aus seiner Sicht eine Trennlinie zwischen Pädophilie und Kindesmissbrauch gezogen werden müsse: Der Begriff des Kindesmissbrauchs beinhalte schließlich, "dass der kleine Mensch geschädigt wird". Diese Schädigung sei "bei den Kontakten der echten Pädophilen sehr fraglich".

"Geradewegs zur Polizei"

In einem weiteren Artikel ("Elend einer verbotenen Liebe") beklagte der Psychologe Wolf Vogel 1987 laut "Tagesspiegel", dass Kinder und Erwachsene "ihr Liebesverhältnis vor allen anderen Menschen, auch den sonstigen Bezugspersonen, verschweigen müssen". Erzähle ein Kind den Eltern, "welch aufregendes Erlebnis es mit einem Erwachsenen hatte", bestehe die Gefahr, "dass die Eltern geradewegs zur Polizei laufen".

Pro Familia selbst stritt inzwischen ab, in seinem Verbandsorgan Pädophilen das Wort geredet zu haben. "Die Beiträge in den Pro Familia Magazinen bildeten den damaligen Stand der Diskussionen in der Sexualwissenschaft ab", heißt es in einer Stellungnahme. Es seien lediglich kontroverse Standpunkte abgebildet, diskutiert und kommentiert worden. "Die Redaktion des Pro Familia Magazins hat die eindeutige Verurteilung des sexuellen Missbrauchs nie in Frage gestellt, keine pädophilie-freundliche Position eingenommen, sondern wissenschaftliche Diskurse dokumentiert."

Pro Familia ist nach eigener Darstellung der "führende Verband zu Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung in Deutschland". Die Organisation betreibt 180 Beratungsstellen und wird als gemeinnütziger Verein laut Eigendarstellung mit Mitteln des Bundes, der Länder und Kommunen öffentlich gefördert.

Ins Rollen gekommen war die Aufarbeitung pädophiliefreundlicher Positionen von Parteien und Verbänden nach einer entsprechenden Diskussion bei den Grünen. Deren Vorstand hatte im Juni dem Parteienwissenschaftler Franz Walter den Auftrag erteilt, den Einfluss pädophiler Lobbygruppen auf die Partei in deren Anfangsjahren zu untersuchen.

rls

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.