Vorwürfe gegen Pro Familia "Pädophilen-Propaganda in wissenschaftlicher Tarnung"

Pädophilenfreundliche Beiträge im Verbandsmagazin und Verbindungen zu dubiosen Arbeitskreisen: Pro Familia steht in der Kritik - und verteidigt sich mit dem Zeitgeist nach der sexuellen Revolution. Warum ein umstrittener Autor bis heute bei der Beratungsstelle publizieren darf, erklärt das nicht.

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Eingang zu Pro-Familia-Beratungsstelle (Archiv): "Einigermaßen unbegreiflich"
DPA

Eingang zu Pro-Familia-Beratungsstelle (Archiv): "Einigermaßen unbegreiflich"


Hamburg - Die Zeilen klingen befremdlich: Man solle "vorurteilsfrei" über die Ursachen pädophiler Lust nachdenken, plädiert der Psychologe Wolf Vogel. Im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch schreibt der Soziologe Rüdiger Lautmann: "Diese Schädigung ist bei den Kontakten der echten Pädophilen sehr fraglich."

Zu lesen sind diese Beiträge laut Recherchen des Berliner "Tagesspiegels" in Ausgaben des Verbandsmagazins der Beratungsorganisation Pro Familia, veröffentlicht wurden sie in den achtziger und neunziger Jahren. Müssen sie hingenommen werden, als Ausdruck eines Zeitgeists, als Pädophilie angeblich salonfähig gewesen ist?

Bereits Ende der Neunziger wurde Pro Familia wegen der Besprechung von Lautmanns Buch "Die Lust am Kind" (1994) kritisiert. 1998 bemängelte die Schweizer Wochenzeitung "Die Weltwoche", dass eine akademische Kritik der Lektüre ausblieb - unter anderem bei "Psychologie heute" und dem Vereinsmagazin von Pro Familia. "Ein Chor unkritischer bis anerkennender Stimmen", schrieb das Blatt. Der Soziologe Gerhard Amendt schrieb damals: "Sogar eine so angesehene Organisation wie die Pro Familia fand lobende Worte."

Nun spült die aktuelle Pädophilie-Debatte die Vorwürfe wieder hoch. Die Recherchen des Berliner "Tagesspiegels" führen jedoch noch weiter. Nicht nur Vogel und Lautmann durften demnach ihre pro-pädophile Meinung offen vertreten. Mitglieder von Pro Familia sollen zeitweise Teil der pädophilenfreundlichen Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität e. V. (AHS) gewesen sein.

Ein Pro-Familia-Vorstand soll der AHS angehört haben

Neben dem Bonner Juristen Norbert Lammertz, früher Vorstandsmitglied bei Pro Familia Bonn und zudem Autor beim Verbandsmagazin, soll auch die mittlerweile verstorbene Ex-Vorsitzende von Pro Familia, Melitta Walter, in den achtziger Jahren dem Kuratorium der pro-pädophilen Arbeitsgruppe angehört haben. In diesem Kuratorium arbeitete sie laut "Tagesspiegel" auch mit Lautmann zusammen. Wolf sei ebenfalls AHS-Mitglied gewesen sein. Ein bisschen zu viele Zufälle, so scheint es.

Pro Familia konnte das am Mittwoch nicht auflösen. "Wir haben ein großes Interesse daran, das aufzuklären und darüber zu sprechen", sagte eine Sprecherin. Doch die Vorfälle lägen sehr lange zurück, die Überprüfung gehe nicht auf die Schnelle. Die Magazine seien nur als Heft im Archiv vorhanden. Auch im Fall Melitta Walter dauere es noch, bis man die Unterlagen geprüft habe.

In einer ersten Stellungnahme hatte der Verband die Beiträge gerechtfertigt. Man habe "auch die gesamtgesellschaftliche Debatte über die Liberalisierung der Sexualität und über sexuelle Selbstbestimmung mit geführt" und "wissenschaftliche Diskurse dokumentiert". Die Redaktion habe die eindeutige Verurteilung des sexuellen Missbrauchs nie in Frage gestellt.

Ein 1995 erschienenes Heft mit dem Schwerpunkt Täter von sexueller Gewalt sollte beispielsweise "Resonanz und Nachdenken" auslösen, wie es der Organisation zufolge in dem Editorial des Magazins hieß. In einer Stellungnahme von Pro Familia heißt es außerdem: "Die Debatte über Pädophilie in der Sexualwissenschaft war immer auch geprägt von dem jeweiligen gesellschaftlichen Diskussionsstand, der Reaktion auf ihn und der Reflexion über ihn."

"Ein Stück weit war diese Auffassung der Zeitgeist"

Trotzdem: Dass Pro Familia als Beratungsorganisation für Familie und Kinder keinen Blick für eindeutig pädophile Positionen hatte, scheint zumindest fahrlässig.

In einem Punkt immerhin bekommt Pro Familia von führenden Sexualforschern Rückendeckung. "Durch die sexuelle Revolution wurde Sexualität in den siebziger Jahren ein öffentliches Thema", sagt Hertha Richter-Appelt. Sie ist stellvertretende Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg und arbeitet seit 30 Jahren in dem Bereich. Außerdem sitzt sie im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). "Viele Leute waren damals der Meinung, jede Art der Sexualität sei etwas Gutes." Dies sei natürlich ein Irrtum gewesen, wie man heute wisse, da Studien vorliegen, die Betroffenen schwere Traumata attestierten. "Ein Stück weit war diese Auffassung der Zeitgeist - aber manchmal ist der Zeitgeist eben auch falsch."

Zeitgeist als Erklärung - für den Soziologen Gerhard Amendt keine Argumentation. "Um zu erkennen, dass Pädophilie nicht richtig ist, braucht man keine Studien. Das war für mich Pädophilen-Propaganda in wissenschaftlicher Tarnung", sagt der emeritierte Professor. "Die Pädophilen haben in dieser Zeit versucht, die Gesetze auf Durchlässigkeit zu prüfen. Und jetzt fällt ihnen das auf die Füße." Er selbst arbeitete 30 Jahre lang als Professor an der Universität Bremen und leitete dort das mittlerweile aufgelöste Institut für Geschlechter- und Generationenforschung.

In den neunziger Jahren habe er ungelesen Lautmanns Buch "Die Lust am Kind" in einem Seminar behandeln wollen - und sah sich einer geschockten Studentenschaft gegenüber. Er habe begonnen, die Thesen aufzuarbeiten und dafür massiven Gegenwind bekommen. "Die Sexualforschung merkte, es ist etwas schiefgelaufen, aber niemand stand dafür ein." Ein Verhalten das er als symptomatisch für die deutsche Sexualforschung sieht. Es wundere ihn auch, dass die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung zu diesem Thema schweige. "Das ist doch einigermaßen unbegreiflich."

"Pädophile Propagandaliteratur"

Zutreffend ist offenbar: In einer Zeit, in der die Liberalisierung der Sexualität als Argumentationsbasis genutzt wurde, durften Leute wie Vogel und Lautmann ihre Botschaften bei Pro Familia unkommentiert publizieren. Vogel ist Autor von Schriften wie "Heimliche Liebe - Eros zwischen Knabe und Mann" (1997). Ein Buch, das die "Weltwoche" im Januar 1998 als "pädophile Propagandaliteratur" charakterisierte und bis heute von pro-pädophilen Gruppen gefeiert wird.

Auch Lautmann, Soziologe und Professor an der Universität Bremen, ist für pro-pädophile Positionen bekannt. Nach Informationen des SPIEGEL beriet er 1981 Bundestagsabgeordnete der FDP zum Thema Sexualstrafrecht und erklärte der Runde, dass größtenteils falsche Vorstellungen über "Altersunterschiede, über das Verhalten der Jüngeren und über den Ablauf des sexuellen Kontakts" bestünden.

Mehrfach wurde Lautmann scharf kritisiert und musste sich für seine Veröffentlichungen rechtfertigen. Er sieht sein Buch als "missverstanden" und distanzierte sich von dem Werk. Auf seiner Homepage schreibt er, dieses Missverständnis "durch unklare und saloppe Formulierungen mit verursacht" zu haben. Lautmann selbst war am Mittwoch für SPIEGEL ONLINE nicht zu erreichen.

Diese Vorgeschichte, die anhaltende Kritik an Lautmanns Schriften scheinen bei Pro Familia keine Ausschlusskriterien für eine Autorenschaft zu sein. Zuletzt veröffentlichte Lautmann 2013 einen Beitrag mit dem Titel "Sexualforschung kann die Wirklichkeit verändern" in dem Verbandsmagazin von Pro Familia. Distanz sieht anders aus. "Eine Organisation, die Lautmann zu Themen der Sexualforschung schreiben lässt und ihn nicht zu einer Stellungnahme zu seinen damaligen Thesen festnagelt, nimmt diese Vorwürfe nicht ernst", sagt Amendt.

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