Prostitution in der Ukraine Käufliche Liebe im Untergrund

In der Ukraine ist Prostitution verboten. Eigentlich. Faktisch gibt es sie trotzdem - in Wohnungen, die zu Bordellen umfunktioniert werden. Nicht nur die Frauen verdienen an dem illegalen Geschäft, sondern auch Zuhälter, Vermieter und Polizisten.

Aus Kiew berichten und André Eichhofer

Prostituierte in Kiew: Die Hälfte des Geldes geht an Zuhälter und bestechliche Polizisten
AFP/ International HIV / Aids Alliance

Prostituierte in Kiew: Die Hälfte des Geldes geht an Zuhälter und bestechliche Polizisten


Wenn Kira abends den roten Lippenstift auflegt, in die dunklen Netzstrümpfe schlüpft und sich bereit macht für ihre Nachtschicht in Kiew, verstaut sie zwei Mobiltelefone in ihrer Handtasche. Eines für jedes ihrer beiden Leben. Die eine Telefonnummer kennen ihre Freunde und Verwandten, und wenn das Handy nachts bimmelt und ihre Mutter am anderen Ende der Leitung spricht, sagt Kira: "Ma, mach dir keine Sorgen, ich jobbe als Barkeeper." Von Telefonnummer zwei "weiß Mutter nichts, sonst bekäme sie einen Infarkt", sagt Kira. Telefonnummer zwei wählen ihre Freier.

Kira, die ihren Nachnamen nicht nennen und ihr Foto nicht veröffentlicht wissen will, zog mit 18 von Donezk im Osten der Ukraine nach Kiew. Sie hat eine Friseurlehre absolviert und ein Pädagogikstudium abgeschlossen. Sie hat als Grundschullehrerin gearbeitet und nebenher das magere Gehalt von 1200 Griwna, umgerechnet 120 Euro, aufgebessert. Weil der lukrativste Nebenjob in diesem Jahr weggefallen ist, geht Kira anschaffen.

"Ich habe privat als Kinderbetreuerin in einem Reichenviertel von Kiew gearbeitet. Ich habe die Kinder einer alleinstehenden Parlamentsabgeordneten gehütet, wenn sie auf Reisen war. Sie hat mir 150 Dollar pro Tag gezahlt. Sie hat vor kurzem geheiratet, sie sagt, sie braucht jetzt keine Tagesmutter mehr."

Nach Schätzungen des ukrainischen Hilfsfonds gegen Aids arbeiten 75.000 bis 90.000 Ukrainerinnen als Prostituierte, andere Schätzungen gehen von bis zu 180.000 Frauen aus. 30 Prozent sind drogenabhängig, ein Drittel ist HIV-positiv. In der vergangenen Woche war die Entrüstung im EM-Gastgeberland groß, weil die "Bild"-Zeitung die Ukraine als "Land der Prostitution" bezeichnete. Der "Bild"-Reporter musste sich für die rüde Verallgemeinerung entschuldigen. Die Regierung in Kiew verweist gern darauf, das Imageproblem der Ukraine werde durch die Medien im Westen geschürt. Das lässt freilich die Frage unbeantwortet, was Tausende Frauen dazu treibt, wie die Grundschullehrerin Kira Kapital aus ihrem Körper zu schlagen.

Polizisten schauen weg - wenn sie das nötige Kleingeld bekommen

Prostitution ist kein Randphänomen in der Ukraine, die Bordelle finden sich in bester Nachbarschaft. Der Bessarabische Markt liegt im Herzen von Kiew, zwischen Discotheken und Restaurants. Ein reicher Oligarch unterhält hier die angesehenste Galerie der Ukraine. Wer am Abend durch das Viertel streift und nur laut genug Deutsch oder Englisch spricht, macht bald die Bekanntschaft von Männern wie Dmitrij. Der 20 Jahre alte Ukrainer trägt eine Telnjaschka, das blau-weiß geringelte Hemd russischer Seeleute, und verteilt Visitenkarten an Ausländer. "Waiting for you" steht darauf und eine Mobilfunknummer.

"Reklame-Agenten" heißen die Straßenwerber im Jargon der Huren. Dmitrij kassiert zehn Prozent vom Umsatz, wenn er die Klienten direkt zu einer der unscheinbaren Stahltüren in den Treppenhäusern der Nachbarschaft führt, hinter denen die Untergrundbordelle liegen. Dmitrij kennt hier in fast jedem dritten Wohnhaus einen Puff.

Das Geschäft mit dem Sex hat sich zu einem florierenden Wirtschaftszweig entwickelt, von dem viele profitieren. Eine Stunde mit Kira kostet 800 Griwna, umgerechnet 80 Euro. Knapp die Hälfte des Geldes bleibt ihr, sagt sie. Der Rest geht an die Männer im Hintergrund: an Zuhälter und bestechliche Polizisten etwa, die zwar von den illegalen Bordellen wissen, gegen das nötige Kleingeld aber wegschauen. 3000 Dollar verlangt der Besitzer der Wohnung, die Kira mit zehn anderen Frauen mietet. Einmal in der Woche schaut der Kosmetiker vorbei, alle zwei Wochen der Friseur, selbst der Gynäkologe behandelt die Frauen der Einfachheit halber direkt im Bordell. Sie alle wissen, dass Prostitution offiziell illegal ist in der Ukraine.

Die meisten haben keine Wahl

"Prostitution ist kein Frauenproblem", sagt Wiktor, einer der Organisatoren der Protestguerilla Femen, die gegen Menschenhandel und Sexindustrie protestiert. "Taxifahrer, Polizisten, sie alle machen damit Kasse. Prostitution ist ein Männerproblem." Die Schuld werde dennoch ausschließlich bei den Frauen gesucht, die sich angeblich allzu bereitwillig auf das Geschäft mit dem Sex einlassen. "Dabei haben die meisten keine Wahl", sagt Wiktor. "Von einem Lehrergehalt kann niemand leben, von einem Stipendium auch nicht. Es gibt zu wenig gut bezahlte Jobs, die einzige Verdienstmöglichkeit, die vielen bleibt und die Behörden dulden, ist die Prostitution."

Viele der Frauen, die Kira Kolleginnen nennt und mit denen sie die Bordellwohnung am Bessarabischen Markt teilt, sind alleinerziehende Mütter.

"Viele heiraten hier in der Ukraine mit 17 oder 18. Sie folgen dem Gefühl der ersten intensiven Liebe. Sie verwechseln Verliebtheit mit wahrer Liebe. Wenn sie sich dann scheiden lassen, sitzen sie da, mit Kind, aber oft ohne Job. Ich versuche im Moment, einen großen Bogen um die Liebe zu machen. Warum einem Jungen den Kopf verdrehen, wenn ich nicht ehrlich zu ihm sein kann?"

Man kann nicht sagen, dass jemand Kira mit Gewalt zur Prostitution gezwungen hat, ihr Leben aber hat sie sich anders erträumt. In der Schule hat sie in einer Jazz-Combo gesungen und auf eine Sängerkarriere gehofft. Sie hat mit dem Rauchen angefangen, "damit meine Stimme rauer wird". Es hat nicht geklappt, nicht mit der Stimme und nicht mit der Karriere. In der Handtasche mit den beiden Telefonen trägt sie jetzt nie weniger als acht Kondome, vier bis fünf Klienten bedient sie pro Nacht. Wenn sie sich gegen sieben Uhr morgens endlich schlafen legt, bleiben ihr rund 200 Euro.

"Ich will mich finanziell ein bisschen stabilisieren. Dann will ich wieder als Lehrerin arbeiten. Noch ein paar Monate will ich hier verdienen, und dann will ich weitersehen und an mein Privatleben denken."

Telefon Nummer zwei bimmelt, das Handy für Freier und Zuhälter. Kira greift nach der Handtasche. Sie tritt hinaus in die Nacht und verschwindet in der Hauptstadt, in der das Leben in ein paar Monaten noch genauso teuer sein wird und das Gehalt einer Lehrerin noch genauso mickrig wie jetzt.

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Seite 1
jetlag chinaski 30.06.2012
1. gehalt eines parlamentabgeordneten...
eine grundschullehrerin verdient also etwas weniger im monat, als eine abgeordnete pro tag für eine kinderbetreuung ausgibt.... hmmm.... das wär krasser als bei uns. man stelle sich vor grundschullehrer in deutschland zur prostitution gezwungen.
sad_clown 30.06.2012
2. Bildung
naja so bleibts bei der grossen schere. einfach den leuten die fuer die Entwicklung der Folgegenerationen zustaendig sind (LEHRERN, ERZIEHERN, AUSBILDERN) einfach nichts geben. Dann kann es sich keiner mehr erlauben in diesen Berufen zu arbeiten. Und prostituiert sich dann fuer irgendwas anderes. Is aber bei uns das selbe nur auf nem weniger schlimmen niveau.
gis 30.06.2012
3. Frau verdient damit halt gut
mit der Prostitution verdient Frau halt wesentlich besser als in fast jedem anderen "normalen" Beruf. Deshalb finden sich auch genügend Frauen, die sich freiwillig prostituieren. Bei uns gibt es auch gutaussehende, beruflich wenig qualifizierte Frauen, die anstatt für 8€ po Stunde putzen lieber für wesentlich mehr andere Dinge machen. Ich habe damit kein Problem. Das ist die Entscheidung jeder einzelnen. In Deutschland kann man aber wenigstens als qualifizierte Kraft einigermaßen anständig leben.
duiveldoder 30.06.2012
4. Nein, das kenne ich aus Moskau
Eine Grundschullehrerin verdient vielleicht 1/3 oder 1/4 von den Abgeordeneten. Aber die machen mit illegalen Aktivitaeten 10 bis 20 Million im Jahr wenn sie kleine Ratten sind bis zu hunderte Millionen oder einige Milliarden wenn sie grosse Ratten sind. Die ganz grossen verdienen dann viele Milliarden und befehlen auch Mord, Entfuehrungen, Einschuechterungen, usw... Das ist die Liga der Grosskriminellen wie Tymoshenko und Putin. Das will in Europa niemand hoeren weil hier alle meinen die Tymoshenko seie das Leuchtbild fuer EU-Parlementarier, aber wenn diese Frau das waere, koennen wir unsere Parlementarier auch gleich vorknuepfen und vor dem Nuernberger Gericht bringen und wegen Hochverrat an die Rechten der Menschen alle zur Streckung bringen.
lanre 30.06.2012
5.
Zitat von gismit der Prostitution verdient Frau halt wesentlich besser als in fast jedem anderen "normalen" Beruf. Deshalb finden sich auch genügend Frauen, die sich freiwillig prostituieren. Bei uns gibt es auch gutaussehende, beruflich wenig qualifizierte Frauen, die anstatt für 8€ po Stunde putzen lieber für wesentlich mehr andere Dinge machen. Ich habe damit kein Problem. Das ist die Entscheidung jeder einzelnen. In Deutschland kann man aber wenigstens als qualifizierte Kraft einigermaßen anständig leben.
Einigermaßen anständig? Es ist lächerlich was manche Menschen denken das sie haben müssten. In Deutschland genießt man einen Lebensstandard der von den wenigsten Länder erreicht und wenn überhaupt nur von einer Hand voll überboten wird. Frei nach einem Ökonomen: Desto höher der Wohlstand, desto mehr wird gemeckert.
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