Von Johannes Pennekamp, Bangalore
Wie Schaufensterpuppen stehen die jungen Männer aufgereiht - hübsch dekorierte Fassaden, die Wangen glatt rasiert, die Brauen fein säuberlich gezupft. Doch ihre Augen blicken ins Nichts. Einer nach dem anderen setzt sich auf einen Plastikstuhl, streckt seinen dünnen Arm vor, eine Nadel bohrt sich unter die Haut.
Bei dreien von ihnen wird der Schnelltest darauf hindeuten, dass sie sich bei ihrer Arbeit mit dem HI-Virus infiziert haben.
Drei Schicksale, die es - glaubt man den indischen Behörden - auf dem Subkontinent gar nicht gibt, weil es sie nicht geben darf. "Die Regierung bestreitet, dass sich Kinder und junge Männer prostituieren", sagt Chitra Dhananjay, "deshalb hilft sie ihnen auch nicht."
Doch der Stadtplan der Metropole Bangalore, den sich die Leiterin der Sozialeinrichtung Agni Raksha über ihren Schreibtisch gepinnt hat, zeigt ein anderes Bild. 26 rote und blaue Punkte hat sie aufgeklebt, an jedem markierten Ort treffen ihre Streetworker regelmäßig auf junge Stricher. Im zurückliegenden Jahr hat das Projekt, das bezeichnenderweise nicht vom Staat, sondern vom Hilfswerk Misereor finanziert wird, Kontakt zu 3000 Strichern zwischen acht und 20 Jahren dokumentiert, die für ein paar Rupien ihren Körper und ihre Gesundheit verkaufen.
"Ich dachte, ich muss gehorchen"
Rund 60 von ihnen sind heute in die Anlaufstelle gekommen - um sich auf HIV untersuchen zu lassen oder einfach um jemanden zum Reden zu haben. Es sind verschüchterte Jungs, die davon erzählen, wie sie in einen Teufelskreis aus Missbrauch, sexueller Orientierungslosigkeit, Isolation und Gewalt geraten sind.
Es sind Teenager wie Lokesh, ein Junge vom Dorf, der in seinem früheren Leben als tadelloser Schüler galt: klug, wissbegierig, einer, der nicht widersprach, wenn der Lehrer etwas von ihm verlangte. Auch nicht, als der Pädagoge ihn mit nach Hause nahm, ihn aufforderte, zu ihm ins Bett zu kommen.
"Ich dachte, ich muss gehorchen", sagt der zierliche Junge mit dem pechschwarzen Haar und den weichen Gesichtszügen. Über Monate hinweg zwang der Lehrer seinen Schüler zum Sex, oft mehrmals am Tag. Dem Jungen war nicht klar, was da mit ihm passierte. Er spürte nur, dass er sich veränderte.
Vielleicht wäre Lokeshs Geschichte anders verlaufen, hätte er damals schon mit einer Frau Erfahrungen gesammelt. Doch Lokesh war 13 Jahre alt. In einem Alter, in dem heranwachsende Männer nach Orientierung suchen, wurde der Sex mit einem älteren Mann für ihn zur Normalität.
Als er sich ein Herz fasste und seinen Eltern erzählte, wie er die Nachmittage verbrachte, setzten sie ihn vor die Tür. "Das ist der Normalfall ", sagt Sozialarbeiterin Dhananjay. Von Söhnen werde erwartet, dass sie die Familie fortführten. "Mit dem Stigma des Missbrauchs werden sie verstoßen."
Das Risiko, ins Auto zu steigen
Vollkommen auf sich allein gestellt, schlug sich der Minderjährige nach Bangalore durch. Getrieben vom Hunger, lernte Lokesh, dass er mit dem, was seine Kindheit ruiniert hat, das Geld verdienen konnte, das er zum Überleben brauchte. Statt in die Schule ging der 13-Jährige in Parks und öffentliche Toiletten, in denen Männer nach schnellem Sex suchten. Der Junge begann Frauenkleider zu tragen und betäubte sich täglich mit einer Flasche Whiskey. Nach und nach erschuf er eine Fassade, die bei den Freiern gut ankam - und hinter der sein Inneres abstumpfte: "Ich habe nichts mehr gefühlt", sagt Lokesh.
Für 100 Rupien, weniger als zwei Euro, schlief er mit pädophilen Männern, manchmal bekam er statt der vereinbarten Entlohnung Faustschläge ins Gesicht. Bei einem Freier ins Auto zu steigen, war jedes Mal ein Risiko - hinter der nächsten Kreuzung könnten andere Männer zusteigen und ihn in der Gruppe vergewaltigen, so wie es manchen seiner Leidensgenossen passiert sei.
Früher oder später landen die meisten Stricher in den Händen von Zuhältern, die aus dem Leid der wehrlosen Kinder ein Geschäft machen. "Sie drängen die Jungs dazu, sich kastrieren zu lassen", sagt Dhananjay. Der Eingriff, der die Stricher weiblicher und damit für Freier attraktiver machen soll, wird von Amateuren vorgenommen: "Man trennt ihnen einfach den Penis ab."
Viele würden verbluten oder früher oder später an den Folgen des Eingriffs sterben, berichtet die Sozialarbeiterin. Was passiert, wenn ein Stricher vor seinem Zuhälter fliehen will? Dhananjay deutet auf ein Foto. Es zeigt einen am Boden liegenden Jungen, sein rechtes Bein ist vom Knie abwärts mit Blut überströmt, den Knöchel überzieht eine tiefe Wunde. "Die Zuhälter lauern wie die Adler", kommentiert sie. Was den Prostituierten noch mehr als die Gewalt zusetze, seien die Depressionen und das Gefühl, alleingelassen zu sein: "Die meisten gehen nicht an einer Krankheit, sondern an ihrer Einsamkeit zugrunde."
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