Internationaler Report zu käuflichem Sex Das schäbigste Gewerbe der Welt

91 Milliarden Euro werden jährlich mit käuflichem Sex umgesetzt. Die Prostituierten werden immer jünger, sie sterben immer früher.

Prostituierte in Paris
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Prostituierte in Paris

Von , Paris


Mal in bunten Röcken, mal in Jeans und engen Tops: Die Gruppen minderjähriger Mädchen, die zwischen Louvre, Tuilerien-Park und den Kaufhäusern an den Prachtboulevards umherziehen, gehören zum Stadtbild von Paris. Meist haben sie Klemmbretter in der Hand, auf denen Passanten um Spenden gebeten werden - für karitative Organisationen.

Die Roma-Mädchen und -Frauen sind Taschendiebinnen, die es vornehmlich auf asiatische Touristen abgesehen haben. Sie werden früh morgens von ihren Clanchefs ins Zentrum geschickt und müssen, nach abgesteckten Plänen auf die lukrativsten Boulevards verteilt, in der Regel bis zu 300 Euro täglich zusammenstehlen.

Mädchen, die die Summe nicht zusammenstehlen, werden zur Strafe von ihren Bossen auf den Strich geschickt.

"Die Tarife liegen zwischen 30 und 100 Euro", sagt Yves Charpenel, Oberstaatsanwalt am Pariser Kassationsgericht und Präsident der Stiftung Scelles (Homepage). Die Ausbeutung von immer jüngeren Opfern der Prostitution - in Frankreich etwa 30.000 - betrachtet der Jurist als alarmierende Entwicklung: "Die Mädchen sind ungebildet, sprachlich isoliert, arm und abhängig. Das Beispiel der Roma ist typisch", so Charpenel. "Es trifft immer die Schwächsten."

91 Milliarden Profit

Die französische Stiftung ("Sexuelle Ausbeutung untersuchen, erklären, bekämpfen") versteht sich als Informationszentrum, als Förderer der Juristenausbildung und Anlaufstelle für Opfer. Ihr vierter Bericht zur Prostitution ist ein 550-Seiten-Kompendium mit 38 Länderanalysen, gestützt auf die Arbeit von Sozialarbeitern, Juristen, Ärzten. Das Motiv: Aufklärung durch solide, objektive Informationen, mit dem Ziel käuflichen Sex einzudämmen und zu bannen. Der Report, ("Prostitution: Exploitations, Persecutions, Repressions", Economica, Paris: 2016) ist das Ergebnis 18-monatiger Forschung.

Er schildert im Detail die weltweite, sexuelle Ausbeutung von Kindern, Jugendlichen, Frauen: Prostitution als globalisierte Wachstumsbranche, die floriert - dank Krieg, Vertreibung und den neuen Mitteln der digitalen Vermarktung. Betrieben wird sie von Drahtziehern des organisierten Verbrechens oder Handlangern des internationalen Terrors, der sich damit finanziert. Es ist demnach ein Riesengeschäft mit Profiten von rund 91 Milliarden Euro jährlich.

Dahinter steht Menschenhandel von Millionen Menschen und ihre Entwürdigung und Einschüchterung durch brutale Gewalt. Sie werden schon im Vorschulalter zur Prostitution angeleitet und sind damit ihren Profiteuren ausgeliefert: Kinder-Sexsklaven, verkauft von Bordellketten, Minderjährige als Opfer von Vergewaltigung, junge Frauen als Opfer von Gewalt und Mord. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Prostituierten liegt laut der internationalen Untersuchung bei 33 Jahren.

Universum der Verletzlichkeit

Die erbarmungslose Härte steht im Gegensatz zum weichgespülten Glamour-Bild der Sexindustrie, deren Lobby die barbarische Wirklichkeit mit einem attraktiven Firnis übertüncht: Diese Marketingstrategie schildert Prostitution als liberalen, freien Beruf, als Befreiung gar vom Patriarchat, ausgeübt von angeblich autonom agierenden "SexarbeiterInnen". Dazu passen auch Filme, von "Irma La Douce" bis "Pretty Woman", die den käuflichen Akt als ökonomische Beziehung schildern, zwischen verantwortungsvollen Erwachsenen und im Zeichen einer modernen Sexualität.

Die Realität in den "Massagesalons", "Liebestempeln" oder "Libertinage-Clubs" hat mit diesem neoliberalen Diskurs nichts zu tun, sagt Staatsanwalt Charpenel. In Wahrheit ist die Prostitution ein Universum der Verletzlichkeit, betroffen sind fast ausschließlich Frauen und Mädchen (98 Prozent): Oft Angehörige ethnischer Minderheiten, diskriminierte Flüchtlinge, Asylanten ohne Aufenthaltsgenehmigung, Opfer von sexueller Gewalt, Drogen- oder Alkoholabhängige.

Die Prostitution und das alltägliche Elend, das mit ihr einhergeht, verschlimmern die Verletzbarkeit der Opfer - gleich ob physisch oder psychisch. Demütigung durch sexuelle Gewalt ist verheerend wie Folter, so der Scelles-Report. Zwischen 85 und 95 Prozent der Menschen, die sich prostituieren, wollen demnach mit der Prostitution aufhören; 68 Prozent leiden unter posttraumatischem Stress.

Die Porno- und Prostitutions-Multis halten dagegen, versuchen den käuflichen Sex als banales Gewerbe zu beschreiben, das allenfalls geregelt oder besteuert gehört. Der Kunde als Unterdrücker, der Zuhälter als Ausbeuter? Fehlanzeige. Charpenel: "Die Lobby der Sexindustrie bemüht sich, alle Aktivitäten rund um die Prostitution zu normalisieren, zu liberalisieren, zu legalisieren."

Der juristische Kampf gegen die Unmenschlichkeit ist folglich kompliziert, zumal fast immer länderübergreifend; die Ermittlungen dauern in der Regel vier Jahre. Und wenn es zum Prozess kommt, scheuen die Opfer oft die Aussage. "Anders als bei anderen Formen der Gewalt, kooperieren die Frauen selten mit den Gerichten", weiß Charpenel aus seiner Praxis als ehemaliger Strafrichter. "Sie sind gelähmt aus Angst vor den Zuhältern."

Repression kann jedoch funktionieren, sagt Charpenel und beschreibt das Beispiel Schwedens. Dort haben resolute Verbote die Nachfrage nach Prostituierten drastisch vermindert. Eine Botschaft, abgefangen zwischen rumänischen Menschenhändlern und Zuhältern, konstatierte die Wende: "Der schwedische Markt ist tot."

Davon ist Frankreich weit entfernt. Doch seit dem Verbot der Prostitution werden jetzt die Kunden strafrechtlich verfolgt und nicht mehr die Prostituierten. Zudem hat die steigende Verurteilung von Zuhältern - 2014 rund 600 - die Branche unter Druck gesetzt.

"Neben dem Kampf gegen die Menschenhändler müssen wir auf andere, gesellschaftliche Faktoren setzen, um die sexuelle Ausbeutung einzudämmen: Die Anerkennung der Prostituierten als Opfer, zusammen mit Schutz und Resozialisierung", sagt Charpenel. Der beste Hebel bleibt der Druck auf die Nachfrage, "die Bestrafung der Kunden".

Und Charpenel freut sich über einen wichtigen politischen Erfolg: Anfang April beschloss Frankreichs Nationalversammlung ein Gesetz, das erstmals die Klienten der Prostituierten belangt - mit einer Geldstrafe von bis zu 3500 Euro. Die ersten Verfahren laufen.

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purple 08.06.2016
1. Wenn ich meinen Körper verkaufen will
dann haben Gesetze da nichts verloren. Es braucht keine Moralapostel, die hier Frauen vorschreiben was sie tun dürfen und was nicht. Das ist Diskrimination. Gegen Nötigung, Menschenhandel, Gewalt und Vergewaltigung gibt es Gesetze und das ist gut so
peter86167 08.06.2016
2. In die Illegalität gedrängt
Da in Frankreich die typischen "Puffs" seit 60 Jahren verboten sind, spielt sich dort alles auf der Straße ab. Oder in der Illegalität - oder beides. D.h. niemand kann bessere Verhältnisse für die Prostituieren herbeiführen, weil das ja die Aufhebung der Illegalität bedeuten würde. Da bleibt dann nur strafen und strafen - wie man beim Drogenhandel gesehen hat, eine gute Methode, die Hintermänner unglaublich reich zu machen und die anderen ins Elend zu stürzen.
JaguarCat 08.06.2016
3.
Merkwürdigerweise kommt Amnesty International zum genau gegenteiligen Ergebnis wie die genannte Stiftung, bei dem der Name schon Programm ist "Sexuelle Ausbeutung untersuchen, erklären, bekämpfen". Denn Amnesty International fordert, Prostitution weltweit zu entkriminalisieren und zu deregulieren, weil es in der Folge den Frauen nicht schlechter geht, sondern besser. Dass in Frankreich, wo die Stiftung herkommt, und wo jüngst scharfe Anti-Prostitutionsgesetze in Kraft getreten sind, es den Frauen nun schlechter geht, ist also zu erwarten gewesen. Verwunderlich ist, dass die Frauengruppen in Frankreich sogar dokumentieren, dass die Verbots-Medizin nicht wirkt, dass beispielsweise Freierbestrafung die Prostitutierten in die Hände von Menschenhändlerringen drückt, die die Freier schützen, nicht die Frauen. Und dass diese Frauengruppen nun dennoch noch mehr Staat und Gesetz fordern. Das ist wie ein Kranker, der merkt, dass eine bittere Medizin seine Krankheit nicht verbessert, und der dennoch noch mehr davon schluckt! Das Ende ist in beiden Fällen Leid und Verderben. Auch das deutsche so genannte Prostituiertenschutzgesetz wird das Gegenteil dessen erreichen, was es erreichen soll. Leider. Es wird die Frauen nicht schützen, sondern deren Abhängigkeit von Bordellwirten und Zuhältern erhöhen. Weil es unabhängige Gelegenheitsprostituierte aus dem Markt drängt. Weil es einem kleinen Frauenteam hohe Hürden auferlegt, ihr eigenes kleines, zuhälterfreies Bordell aufzumachen. Es geht also auch hierzulande in die falsche Richtung.
sushiboi 08.06.2016
4. Zwang
Man ergänzt den Zwang, der auf die Prostituierten bzw. sich prostituierenden wirkt durch eine. Auf die Freier, obwohl man eigentlich längst weiß, dass das mit dem Zwang sowieso nicht funktioniert. Aber gesellschaftliche Ursachen zu hinterfragen und evtl. etwas zur Verbesserung der Situation beizutragen, ist wohl zu anstrengend und würde auf Widerstände bei denen stoßen, für die die Versorgung der Notleidenden eher Peanuts wären. Der schwedische Markt mag tot sein, Schweden liegt aber abseits der Handelswege. Und tot itst dort wohl auch nur der offizielle Markt, dafür blüht das Gewerbe im verborgenen. Wie man es auch dreht, Zwang führt absolut logischerweise, d.h. naturwissenschaftlich begründbarer Weise, immer nur zu einer Verlagerung. Ändern wird sich nur etwas durch Zustandsänderung des Gesamtsystems.
santoku03 08.06.2016
5.
Der Report beschreibt ausnahmslos Delikte, die (zumindest in Deutschland) bereits heute strafbar sind: Diebstahl, Erpressung, Menschenhandel, Zuhälterei etc. Er liefert daher keine Begründung für ein generelles Verbot von Prostitution. Wie erwachsene Menschen ihre Sexualität leben, geht den Staat nichts an, solange Gewalt und Zwang dabei keine Rolle spielen.
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